Gidon Kremer im Boulez-Saal : Die virtuose Lust am Experiment

Gidon Kremer tritt im Boulez-Saal mit Kompositionen von Weinberg und Nono auf. Sein Spiel entfaltet Emotionen von optimistischer Kraft, Schmerz und Nachdenklichkeit.

Tradition und Moderne: Gidon Kremer an der Geige.
Tradition und Moderne: Gidon Kremer an der Geige.Foto: Michael Urban/ddp

Scheinbar Fremdes stellt Gidon Kremer bei seinem Soloabend im Boulez-Saal einander gegenüber. Die Komponisten Luigi Nono und Mieczyslaw Weinberg haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam. Hier der in Neuland der Wahrnehmung vorstoßende, gleichwohl Verbindung zur gesellschaftlichen Realität suchende Italiener, dort der Pole jüdischer Abstammung, der mit Unterstützung des Freundes Dmitri Schostakowitsch Zuflucht vor der Naziverfolgung in der Sowjetunion fand und seinen nostalgischen, dissonant aufgeladenen Folklore-Stil am verordneten „sozialistischen Realismus“ vorbeilavierte.

Der Drang, das Unrecht ihrer Epoche auch in Tönen auszusprechen, mag beide Komponisten vereinen. In den von Kremer gespielten Werken indes geschieht das, wenn überhaupt, auf äußerst diskrete Weise. Vielmehr steht eine Geigenvirtuosität im Vordergrund, die bei aller Experimentierlust direkt von Paganini hergeleitet scheint und auch genauso unmittelbar wirkt.

Ein scharfer tonaler Zuschnitt

Ein „Madrigal für mehrere Umhergehende“ nannte Luigi Nono „La lontananza nostalgicautopica futura“, 1988 für und mit Gidon Kremer entstanden. Der große lettische Geiger steigt behutsam, zwischendurch winzige Floskeln intonierend, die Treppen des Saales herab bis auf die unterste Ebene, zu seinen sechs Notenpulten vor dem Publikum, das ihn so hautnah vielleicht noch nie erlebt hat. Sein großer, leuchtender Ton hebt sich profiliert ab von dem Bandmaterial, das er seinerzeit selbst improvisierend eingespielt hat und das Klangregisseur Vilius Keras nun geräuschhaft verfremdet, schattenhaft raschelnd oder dumpf brodelnd durch acht Lautsprecher schickt. Spannung erzeugt Kremer noch in den meditativsten Momenten, schwirrenden Trillern, unschuldigen, raffiniert modulierenden Terzen, im live-elektronischen Dialog mit sich selbst.

Dialogisch gestaltet er durch Positionswechsel, mehr noch aber durch sein quasi polyphones Spiel auch Weinbergs 24 Präludien von 1968, deren Original für Cello solo er für Violine bearbeitet hat. Bach ist nicht fern, auch Motive aus den Cellokonzerten von Schostakowitsch und Schumann klingen an.

Doch es beeindruckt ein ganz eigener, scharfer und klarer tonaler Zuschnitt, der in der Entwicklung elementarer Formen äußerst modern wirkt – ein bisschen Kurtág ist in diesen Miniaturen vorweggenommen. Streng und anrührend zugleich entfalten sich Emotionen von optimistischer Kraft, Schmerz und Nachdenklichkeit.

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