Zwei gegensätzliche Ideen: das freie Netz für alle, aber auch die Gefahr der totalen Kontrolle

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Google und das Recht auf Vergessen : Kollektiver Google-Hupf
Am 13. Mai entschied der Europäische Gerichtshof, dass die Suchmaschine Google unter bestimmten Umständen den Zugang zu Daten schließen muss.
Am 13. Mai entschied der Europäische Gerichtshof, dass die Suchmaschine Google unter bestimmten Umständen den Zugang zu Daten...Foto: dpa

Digitale Daten „erinnern“ sich nicht und produzieren auch nichts, das die Bezeichnung „Erinnerung“ legitimiert. Das individuelle Gedächtnis mit seinen Unvorhersehbarkeiten, Verschiebungen, Verdrängungen, Verdichtungen ist technologisch uneinholbar, es geht nie in einem digitalen Massenspeicher auf, genauso wenig wie die Bilder der nächtlichen Traumarbeit der Psyche oder die Empfindungen beim Erinnern an die Gegenwart eines anderen. Atmosphäre, Gerüche, sinnliches Wahrnehmen, wie es Marcel Proust auf der Suche nach der verlorenen Zeit beim Biss ins „Madeleine“ genannte Gebäck ereilt – alles das wird digital unabbildbar bleiben.

„Und mit einem Mal war die Erinnerung da“, schrieb Proust über den Geschmack „jenes kleinen Stücks einer Madeleine“, das sein Gedächtnis aktiviert. In derselben Passage räsoniert er: „Wenn von einer weit zurückliegenden Vergangenheit nichts mehr existiert, nach dem Tod der Menschen und dem Untergang der Dinge, dann verharren als einzige, zarter, aber dauerhafter, substanzloser, beständiger und treuer der Geruch und der Geschmack, um sich wie Seelen noch lange zu erinnern, um zu warten, zu hoffen, um über den Trümmern alles übrigen auf ihrem beinahe unfassbaren Tröpfchen, ohne nachzugeben, das unermessliche Gebäude der Erinnerung zu tragen.“

Allerdings trägt der romantisch angehauchte Trost, den das individuelle – und ja zugleich höchst unzuverlässige – Erinnern birgt, keineswegs über die Schwelle der akuten Ängste um die unfreiwillige Sichtbarkeit im Netz. Auch bringt er bei der Suche nach verantwortlichem Schutz der Persönlichkeitsrechte im digitalen Zeitalter nicht weiter. Diese Suche hat gerade erst angefangen. Von der Allmachtsfantasie, über Google alles und jeden erfassen zu können, wird sich die junge Digitalgesellschaft noch eine Weile betören lassen, auch wenn das Google-Suchen, der tägliche Google-Hupf, kaum je solch wirkmächtige Erinnerung wachruft wie die zitierte Madeleine.

Zwei große Netzutopien konkurrieren derzeit miteinander. Die eine ist die hippiehafte Idee des befreienden Kommunizierens aller mit allen. Diese positive Utopie projiziert den guten Willen von Idealisten auf eine Nutzermasse, die, wie täglich zu sehen ist, auch ihre destruktiven und denunziatorischen Impulse ungefiltert und anonym im Netz abreagiert, solange dort Regulierung fehlt. Die andere, die negative Utopie, ist die der Vollkontrolle, à la Nordkorea: Ein staatliches Zentralorgan erfährt via Bits und Bytes alles über alle. Beides wird sich nicht realisieren lassen – glücklicherweise.

Es wird in naher Zukunft vielmehr darum gehen, den weltweiten Netzverkehr der Datenströme ähnlich zu regeln wie den weltweiten Flugverkehr, mit Pässen, Bordkarten, Zöllen, Eincheckkontrollen. Ist jemand einmal an Bord – also im Netz –, kann er oder sie anhand der Daten identifiziert und für sein Verhalten während der Reise verantwortlich gemacht werden. Denn andere fliegen mit, andere sind betroffen. Unterwegs einfach Pornoaufnahmen zu machen oder Mitreisende zu beleidigen, ist dann genauso unzulässig wie auf einem Linienflug nach Mallorca. Demokratische und transparente Regeln für den globalen Verkehr der Datenströme zu entwickeln, das ist hier und heute eine primäre Aufgabe der Politik.

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