Gottfried Benn, Briefe : Lieber schwarz als blütenweiß

Ein Mann verkündet sein Artisten-Evangelium: Neue Briefe von Gottfried Benn, die ihn einmal mehr als begnadeten Briefschreiber zeigen.

Thomas Wegmann
Der deutsche Arzt, Dichter und Essayist Gottfried Benn
Der deutsche Arzt, Dichter und Essayist Gottfried BennFoto: imago/United Archives

Er war 18, als er seine Gedichte an einen Literaturkritiker und Zeitschriftenherausgeber sandte. Im Begleitschreiben sah sich der Pastorensohn bemüßigt, dem ihm unbekannten Carl Hermann Busse Persönliches zu offenbaren: „Hier Religion, Sehnsucht, Vaterhaus, dort Sehnsucht nach Freiheit, eigener Weltanschauung, Künstlertum. So geht es mehrere Jahre, ich habe gerungen u. konnte doch das eine nicht lassen um des anderen willen.“

Die Sache mit der Religion sollte sich später relativieren, doch mit dem Hin und Her zwischen zwei Polen klingt ein Motiv an, welches sich in immer neuen Varianten durch Gottfried Benns Leben und Schreiben zieht, durch seine Dichtung ebenso wie durch seine Briefe. Prominent findet es sich in dem Ausdruck „Doppelleben“, mit dem der Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten und Autor von Lyrik sowie kaum erzählender Prosa 1950 die eigene Existenzweise, vor allem aber seine vorübergehende Kooperation mit dem NS-Staat zu rechtfertigen suchte, bevor dieser ihn selbst zur unliebsamen Person deklarierte. Das alles ist bekannt, wenn auch in Gänze nicht einfach zu erklären.

Unbekannt sind hingegen jene 179 von insgesamt 293 Briefen, die in dem Auswahlband „Absinth schlürft man mit Strohhalm, Lyrik mit Rotstift“ erstmals publiziert werden. Einmal mehr herausgegeben und kundig kommentiert von Holger Hof, reicht sein zeitliches Spektrum von 1905 bis 1956, dem Todesjahr Benns. Anders als die inzwischen publizierten Briefwechsel mit Einzelpersonen wie Thea Sternheim, Friedrich Wilhelm Oelze oder Ernst Jünger bietet die vorliegende Auswahl eine Fülle an Adressaten und Tonlagen. An Theodor W. Adorno schrieb Benn nun mal anders als an die befreundete Else Lasker-Schüler. Entsprechend vielfältig sind die Schlussformeln, bei denen er sich besonders erfinderisch zeigte, wobei er gleichzeitig die Form wahren und eigenbrötlerisch abändern konnte: „Ihr nunmehr den Dachboden betretender Gottfried Benn“, „Bleiben Sie, wie Sie sind, dann gratuliere ich uns und Ihnen“, „For ewer (!) Dein Gottfried“ oder „Dank u. Gruss u. Handkuss / der alte schäbige GB“.

Benn gibt gern auch mal den gefährlichen Stubenhocker

Diesen GB gibt es im vorliegenden Band in all seinen Facetten. Da ist der Agent Provocateur, der 1946 an Walter Karsch, den Mitbegründer dieser Zeitung, formvollendet schreibt: „Von mir könnte man behaupten, dass ich früher Kommandant von Dachau gewesen sei oder heute mit Stubenfliegen Geschlechtsverkehr ausübte, ich würde mich nicht in Bewegung setzen.“ Oder der in Fragen literarischer Qualität wenig Zimperliche, der Hermann Hesse „als einen durchschnittlichen Entwicklungs-, Ehe- und Innerlichkeitsromancier – eine typisch deutsche Sache“ abkanzelt.

Überhaupt nimmt der nach 1945 allmählich zu neuen Ehren kommende und mit immer mehr Akteuren des Literaturbetriebs in Briefkontakt tretende Autor breiten Raum ein. Dieser bietet nicht zuletzt Gelegenheit für immer neue Varianten seines Artistenevangeliums, das im Gefolge Nietzsches die Kunst über Geschichte, Leben und Staat stellt. Dabei gibt er gern den gefährlichen Stubenhocker, der „lieber auf schwarzen als blütenweissen oder rosaroten Listen“ steht, politisch von allen Seiten angefeindet, künstlerisch hingegen hochgeschätzt wurde, notgedrungen natürlich. Auch für seine Bonmots bleibt Platz: „Ein sublimer Geist fragt nicht nach den letzten Dingen, er wird schon mit den vorletzten nicht fertig.“

Und dann stößt man auf Töne, die man bisher weniger kannte, etwa gegenüber seiner Tochter, der er sich zart und zugänglich zeigt – zumindest aus der Ferne, zumindest brieflich. Denn die 1915 geborene Nele wuchs nach dem Tod ihrer Mutter Edith, Benns erster Ehefrau, zunächst bei einem Onkel in Sellin, dann bei Pflegeeltern in Dänemark auf, gründete dort eine Familie und arbeitete erfolgreich als Journalistin in großer Entfernung zu allem, was deutsch war. Ihr gegenüber markiert er die Differenz zwischen seiner Persona als Autor und dem Persönlichen des Privatmannes, mit ihr tauschte er sich über Kinderkrankheiten und Schildkröten genauso aus wie über Gott oder Geschlechterverhältnisse, C. G. Jung oder das eigene Schreiben - und das alles reizend und unverblümt: „Kuss, Dein Papa – also: 1) Mitglied der Akademie der Künste in Berlin, …, 4) Vater von Nele Topsoe, … 7) genau so unbürgerlich und leichtsinnig und verrückt wie immer ––“.

Zwar behauptete Benn einmal, er sei anders als Rilke kein Briefeschreiber, aber das stimmt nicht, er war vielmehr ein begnadeter Briefeschreiber und schrieb deren reichlich: Weit über 5000 sind bekannt, rund 3500 mittlerweile ediert, weitere sollen folgen. Und das nicht von ungefähr, denn das Briefmedium erlaubte dem zurückgezogen Lebenden und selbsternannten „Unberührbaren“, der schlagerhaft anrührend („Trauer im Herzen und Rummel im Haus“), aber auch gnadenlos genau schreiben konnte, eine wohltemperierte Gleichzeitigkeit von Nähe und Distanz. Insofern sind seine Briefe auch Nachrichten aus einer Art Isolationselysium.

Gottfried Benn: „Absinth schlürft man mit Strohhalm, Lyrik mit Rotstift“. Ausgewählte Briefe 1904-1956. Hrsg. von Holger Hof. Klett-Cotta /Wallstein 2017. 623 S., 39,90 €.

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