Goya, Fragonard, Tiepolo : Wie drei Maler den Weg in die Aufklärung ebneten

Die Hamburger Kunsthalle zeigt die drei bahnbrechenden Künstler Goya, Fragonard, Tiepolo. Nicht für alles, was sie anprangerten, war ihre eigene Zeit reif.

Skeptischer Blick eines Hofkünstlers. Goyas Selbstporträt von 1785 kam aus Madrid nach Hamburg.
Skeptischer Blick eines Hofkünstlers. Goyas Selbstporträt von 1785 kam aus Madrid nach Hamburg.Foto: Mauritius/Alamy

Während bei dem einen die Nymphe wie hingegossen im Grünen liegt, bettet bei dem anderen Jesus im Garten Gethsemane sein Haupt auf den Schoß eines Engels, der ihm einen Kelch reicht. Gegensätzlicher könnten zwei Sujets, zwei Maler nicht sein, wenn auch der leidende Christus mit seinem nackten Oberkörper eine gewisse Erotik ausstrahlt.

Jean-Honoré Fragonard (1732 bis 1806) und Giovanni Battista Tiepolo (1696 bis 1770) gemeinsam in einer Ausstellung zu präsentieren, dazu noch Francisco de Goya (1746 bis 1828) – auf diese Idee käme man nicht so leicht.

Die Hamburger Kunsthalle unternimmt das Experiment, um zu zeigen, dass alle drei auf ihre Weise Wegbereiter der Moderne waren, sie „Die Freiheit der Malerei“ beförderten, so der Ausstellungstitel.

Mit diesem Tusch feiert die Kunsthalle zugleich den Abschluss der Jubiläumsfeierlichkeiten zum 150-jährigen Bestehen des Museums. Passender könnte er nicht sein, besitzt sie doch von allen drei Malern hervorragende Werke, von Goya außerdem in ihrem Kupferstichkabinett die größte Sammlung grafischer Werke außerhalb Spaniens.

Ergänzt um Leihgaben aus dem Prado in Madrid, dem Rijksmuseum in Amsterdam und dem Nationalmuseum in Stockholm, ist mit über 150 Gemälden, Zeichnungen und Druckgrafiken eine exquisite Ausstellung zustande gekommen, die außerdem in der besten Tradition des Hauses steht.

Neubewertung des Rokoko

In den siebziger und achtziger Jahren setzte der damalige Direktor Werner Hofmann Meilensteine mit seinen Epochenausstellungen, machte etwa ganz neu auf die „Kunst um 1800“ mit Malern wie Caspar David Friedrich und Philipp Otto Runge aufmerksam.

Daran schließt Sandra Pisot, Kuratorin für Alte Meister, mit ihrer Jubiläumsschau an, indem sie noch weiter zurückgeht und eine Neubewertung des Rokokos mithilfe der so unterschiedlichen Protagonisten Fragonard, Tiepolo, Goya versucht.

Sie wollten aus bisherigen Bahnen ausbrechen

Das gelingt ihr, wo sie nicht zwanghaft Ähnlichkeiten herauszustellen sucht, zu sehr driften der Italiener, der Franzose und der Spanier auseinander. Und doch wussten die drei erkennbar voneinander, durch Reproduktionen und Reisen ins Land des jeweils anderen.

Fragonard hielt sich zwischen 1661 und 1756 in Italien auf, Goya fuhr 1770/71 nach Italien und Frankreich, Tiepolo zog 1762 nach Madrid, wo er bis zu seinem Tod für König Karl III. arbeitete.

[Kunsthalle Hamburg, bis 13. April. Der Katalog (Hirmer Verlag) kostet 29/45 €]

Dass sie sich gegenseitig beeinflusst hätten, wäre zu hoch gegriffen, doch bewegte alle drei der Wunsch, aus bisherigen Bahnen auszubrechen. Ihr gemeinsames Schaffen zeichnet sich durch lockere Pinselführung, neue Figurenfindungen und ungewöhnliche Farbigkeit aus.

Glaubenskriege, Aufklärung, gesellschaftliche Verschiebungen sorgten dafür, dass sich auch der Kunstkanon änderte, neue Ausstellungsforen und Käuferschichten erschlossen wurden. Fragonard, Tiepolo, Goya trieben diesen Prozess voran.

Ekstase der Erkenntnisse

Zum stärksten Vergleich regen die Porträts, die Darstellung von Charakterköpfen an. Während Tiepolo fantastische Orientalen mit weißem Turban malte, schuf Goya Bildnisse von großer Eindringlichkeit. Den steifen Tuchhändler Tomás Pérez Estala (um 1795) platziert er in höchster Anspannung auf einem Sofa, als wollte der gleich aufspringen, um seine Geschäfte fortzusetzen.

Fragonard dagegen versetzt seinen über einen dicken Wälzer gebeugten Philosophen (um 1764) fast schon in Ekstase angesichts der Erkenntnisse, die er aus den Schriften gewinnt. Dessen grauen Locken wirbeln in Analogie zu seinen Gedanken in die Höhe.

Doch wo Goya in seinen Sittenbildern einen kritischen Blick selbst auf eine heitere Landpartie wirft, bewahrt sich Fragonard stets das Unbekümmerte einer ausgelassenen Gesellschaft. Wenn seine Ausflügler über die Stränge schlagen, dann manierlich. Bei Goya entdeckt man den Exzess erst bei genauerem Hinsehen, die Damen und Herren betrinken sich maßlos und kotzen gleich daneben.

Kritisches Gesellschaftsbild

Tiepolo malte das Welttheater, wo nicht in großen religiösen Szenen, da mit Figuren der Commedia dell’arte. Immer wieder knöpft er sich Pulcinella vor, den weiß gekleideten Hanswurst, den außerdem Buckel, steifer Hut und Maske charakterisieren.

Im venezianischen Karneval gewann er zunehmend Popularität. Seine Existenz kreist ausschließlich um Nahrungsaufnahme und Verdauung. Auch dahinter könnte sich ein kritisches Gesellschaftsbild, nicht zuletzt der eigenen Abgründe verbergen.

Goya wird konkreter, wenn er die Zustände geißelt, etwa an den Schulen. Im Gemälde „Ohne Fleiß kein Preis“ züchtigt der Lehrer seine Schüler der Reihe nach mit einer Peitsche. Neben ihm steht eine greinende Schar, die ihre Strafe bereits bezogen hat.

Die Zeit war noch nicht reif für Goya

Fragonard schaut weg, könnte man meinen. Während bei Goya der Knirps von seiner Mutter mit einem ausgezogenen Schuh versohlt wird, schmiegen sich bei Fragonards „Glücklicher Familie“ die pausbäckigen Kleinen an ihre Mutter oder spielen zu Füßen einer entzückenden „Wurstverkäuferin“. Von Armut oder Elend keine Spur.

Unterschiedlicher könnten die Beobachtungen nicht sein, doch die Leichtigkeit von Fragonards Strich, die zarte, duftige Farbigkeit kündigt bereits den Impressionismus an.

Für Goyas drastische Beobachtungen war die Zeit noch nicht reif. Seine Caprichos, mit denen er die Missstände in der spanischen Gesellschaft, die Gräuel des Krieges anprangerte, konnten erst 1863 – 35 Jahre nach seinem Tod – veröffentlicht werden.

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