Grönemeyer-Album"12" : Tanz im Himmel

Mach dir keinen Kopf: Wie Herbert Grönemeyer mit seinem neuen Album die Leichtigkeit entdeckt

Christian Tretbar

Er tanzt wieder. Unruhig hüpft Herbert Grönemeyer von einem Bein aufs andere. 14 Fernsehinterviews hat er in einer Stunde gegeben. „Wir wollen doch heute Abend noch feiern“, sagt er nun, gelöst. Etwas Großes, Schweres ist von ihm abgefallen. Vor fünf Jahren klang er noch anders. „Ich fühl mich unbewohnt“, sang er. „Keine Seele in vier Wänden, hundert Jahre Einsamkeit.“ Das war Trauerarbeit, um den Tod seiner Frau und seines Bruders zu überwinden. Doch wie er sich nun, im lässigen Nadelstreifenanzug und schwarzen T-Shirt den dreihundert Gästen, die zur Präsentation seines neuen Albums nach Köln gekommen sind, da ist er ganz Glücksmensch. Ohne Tamtam schlendert er nach einem kurzen Blitzlichtgewitter am Eingang zur Bühne des Rheinforums.

„Guten Abend allerseits.“ Grönemeyer, den sie hier alle nur Herbert nennen, wirft es in die Runde. Auf plüschig-bunten Buchstabenhockern wartet die Menge, Marmorsäulen geben dem Atrium einen Zug ins Kitschige. Was nicht so recht zur zupackenden Mentalität des Künstlers passen will. Dass er sich gequält habe, soll auch diesmal niemandem verborgen bleiben, doch sind es pragmatischere Leiden: „Die Musik zu komponieren, ist richtiger Spaß, aber die Texte sind teilweise harte und anstrengende Arbeit“, sagt er über ein Album, das „12“ heißt, weil es sein zwölftes ist und zwölf Lieder hat, die der Einfachheit halber durchnummeriert sind. Aufgenommen habe er es nur, lässt er verlauten, um neue Lieder auf die Konzertbühnen der Republik wuchten zu können. 800 000 Karten für die im Mai beginnende Tournee sind bereits verkauft, ohne dass auch nur Einer die Musik gehört hätte.

Ihn wollen alle sehen. Das ist ein ehernes Gesetz im deutschen Pop-Land und wiederholt sich mit jeder Platte aufs Neue. Doch wie geht es dem Mann, an dessen Schicksal so viele Anteil nehmen? Der eine ganze Nation mit seinem Album „Mensch“ gerührt hat. Wie hat er sich musikalisch entwickelt, und passierte in den letzten fünf Jahren wieder etwas in seinem Leben, das danach drängte, Musik zu werden? Grönemeyer-Fans wollen das wissen. Mag sein Gesang auch manchmal unverständlich klingen, seine Stimme hat Gewicht. Sie bewegt, und sei es auch durch ein Labyrinth. Zu einem solchen hat seine Plattenfirma EMI das leerstehende, klassizistische Bahngebäude umgebaut. Jeder Gast bekommt eine Art Kompass in die Hand gedrückt. Einen Lageplan der Songs. Denn in der ersten Etage ist für jedes Lied ein eigener Raum reserviert. Ein Album als Suite. Mal fliegen luftige Gymnastikbälle umher, mal sitzen die Zuhörer auf Holzstämmen.

Obwohl Herbert Grönemeyer nicht als Grübler der Nation gelten will, legt er mit „12“ nun sein erstes Konzeptalbum vor. Allerdings beschränkt sich das Konzeptionelle auf Zahlenmystik. Und es ist auch wieder eine einfache Frage erlaubt: „Wo geht es hier überhaupt zum Spass?“, wie es in „Lied 2 – Kopf hoch, tanzen“ heißt. Vielleicht sein bestes. Sein 19-jähriger Sohn, der sämtliche Titel mit Sternen bewertet hat, bedachte es mit der Höchstwertung. Grönemeyer zeigt, dass er auch zum Britpop aufschließen kann.

Fein verspinnt er New-Wave-Gitarren mit modernem Synthiepop und vergreift sich an Melodien, die auch auf einem Mando Diao-Album Platz gefunden hätten. „Extrem tanzbar“, sagt er selbst über diese Musik, die man so von ihm noch nie gehört hat. Er, der berühmteste Nichttänzer, motiviert sich mit der Parole „Kopf aus und raus“ zum unbeschwerten Hüftschwung.

Für alles müsse in Deutschland eine Erklärung gefunden werden, lamentiert Grönemeyer dann wieder ganz Grönemeyerisch. Die Leichtigkeit, sie bleibt eine Kopfgeburt.

Wie auf vielen seiner vorherigen Platten geht es auf „12“ um die großen Themen: Liebe, Zorn und Deutschland. In „Flüsternde Zeit“ erinnert er mit stampfenden Rhythmus an den Fußball-Sommer im vergangenen Jahr und wie es die Große Koalition verpasst hat, den Schwung ihres Volkes aufzunehmen – der Protestsong eines Volkstribuns. „Der Sommer war heiß / das Wetter überreif / Aber ihr, ohne Idee, im Abseits / ihr spielt nur zum Schein, lasst uns hinten allein / Für Euren Vertrag fällt Euch zu wenig ein.“ Immer wieder dringt er auf die großen Gefühle, die er mit hölzernem Pathos ausstattet und direkt adressiert. Vermutlich hören sich das die Politiker sogar an. Dann wieder driftet er in abstraktere Seelengefilde. Die ehrliche Liebe, die Hingabe, die Enttäuschung.

Musikalisches Kernstück für Grönemeyer ist „Lied 3 – Du bist Die“. Damit fing alles wieder an für den Ausgelaugten am Ende seiner „Mensch“–Tour, die private Existenz wieder vor Augen. Es ist eine Liebeserklärung an die neue Lebensgefährtin. Samtweich so wie der Raum, in dem der Song in Endlosschleife läuft. Ein weißes Fell überzieht das komplette Zimmer, so als sei der Eisbär aus dem „Mensch“-Video für die Nestwärme gehäutet.

Grönemeyers Texte changieren dabei wie eh und je zwischen feiner Metaphorik und Lyrik fürs Poesiealbum. Aber er scheut sich auch nicht, konkret zu werden. In „Marlene“ besingt er den Mangel an Aids-Medikamenten in Afrika („Sie haben ihre Dosis verteilt, aber sie hat nur für einen gereicht / Er sagte nur: Du bleibst“). Egal, ob er über die Liebe klagt oder schwelgt, ob er die Politik angreift oder die Menschen wach rütteln will, Grönemeyers Texte zielen auf Wertevermittlung. Sie strotzen vor moralischem Impetus. Wer sonst, wollte Lücken aufzeigen, Probleme benennen und gleichzeitig Popmusiker sein. Nicht Fliege ist Deutschlands berühmtester Pfarrer, sondern Herbert.

„Religion ist intim und Privatsache“, sagt er zwar. In der Single „Lied 1 – Stück vom Himmel“ besingt er die Gefahr eines religiösen Kulturkampfes. Aber er kämpft nur umso erbitterter, um Werte und nicht den richtigen Glauben. Dass er damit Erfolg hat, liegt nicht unbedingt am religiösen Läuterungsbedürfnis der Menschen. Vielmehr daran, dass es einen gibt, der sie Ernst nimmt. Einer der authentisch ist. Einer aus der Mitte der Gesellschaft.

Diese Authentizität hat er sich über Jahre hart erarbeitet. Er verlangt nichts, woran er sich nicht auch selbst halten würde. Er ist der Junge aus dem Ruhrpott geblieben, der „aussah wie ein Mädchen“ (Grönemeyer), und mit „Bochum“ einen unvergesslichen Malochersong geschrieben hat. Der erste Nummer-eins-Hit gelang ihm erst 18 Jahre später mit der Single „Mensch“. Trotzdem pflastern seine Karriere etliche Hymnen, die heute noch fast jeder mitgrölen kann: „Was soll das?“, „Flugzeuge im Bauch“, „Männer“, „Alkohol“, „Kinder an die Macht“. Alle diese Songs entsprossen demselben Wurzelwerk, westfälischem Boden, protestantischem Geist. Wobei die größte Leistung ist, sich weiter-, aber von den Menschen nicht wegentwickelt zu haben.

Auch musikalisch ist er nicht in den achtziger Jahren stecken geblieben. Er wagte mit „Chaos“ 1993 einen ersten Neuanfang, versuchte sich dann 1994 an elektronischer Musik („Cosmic Chaos“) und mischte beides 1998 auf „Bleibt alles anders“. Es war eines seiner interessantesten Alben, nur leider auch ein Ladenhüter. Mit „Mensch“, einem bewusst kühleren und schroffen Werk, setzte er dann ökonomisch neue Maßstäbe.

„12“ beschließt nun diese Entwicklung, noch einmal werden alle musikalischen Register gezogen. Die Beatmaschine pluckert und fiept, als würden Kraftwerk wieder auferstehen. Es raschelt und klopft. Chöre ziehen. Das Piano setzt seine kantigen Akkorde. Und ein 65-köpfiges Streich-Orchester treibt die Stücke in pathetische Höhen. Das klingt alles zeitgenössisch und wohlplaziert. Doch was Wärme, Nähe und Euphorie erzeugen soll, schwemmt wahre Gefühle allzu oft davon. Selten ist er, dieser Antiauratiker, ganz bei sich.

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