Prora: Allianz aus Verdrängung und Vermarktungseifer.

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Großbauten der Nazis in Prora : Auf Rügen wird das Monster am Meer saniert
Stefan Wolter

In Prora schmiedete sich in den 1990er Jahren eine Allianz aus interessenbedingter Verdrängung und blindem Aufarbeitungs- und Vermarktungseifer. Fast scheint es, als wollte man bei der NS-Geschichtsbewältigung in den neuen Bundesländern nachholen, was die Bundesrepublik auf ihrem Terrain versäumt hatte. Der Ausbau des „Modells Prora“ zu Kasernen, die reale Geschichte, wird seither verharmlost und nun wegsaniert. Mit den baulichen Strukturen verschwinden in diesen Tagen Zeichnungen und andere Spuren ehemaliger Soldaten, die ein wichtiges Zeugnis dafür sind, wie diese mit dem Bau umgegangen sind. Und die gleichzeitig die Geschichte des Kalten Krieges erzählen.

Proras volle Größe und Masse kommt nur im Kleinen zum Ausdruck. In den individuellen Geschichten, in den Schicksalen und eben in den kleinen Anzeichen am Bau, dass Prora etwas anderes geworden war, als die Planungen vorsahen. Es wird bald nicht mehr erkennbar sein, wo die Fachrichtungen der Militärtechnischen Schule ihren Sitz hatten, wo und wie die ausländischen Offiziersschüler ihre heute umstrittene Ausbildung erhielten, deren jüngster Schüler gerade einmal 15 Jahre alt war, und von wo die Einheiten der 8. Motorisierten Schützendivision 1961 zum Mauerbau nach Berlin abrückten.

Prora: Vom KdF-Seebad zur Jugendherberge
1937 wurde das Modell des KdF-Seebades Prora der Öffentlichkeit vorgestellt, die Anlage des Architekten Clemens Klotz gilt als eines der ersten Beispiele von geplantem Massentourismus.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: dpa
04.07.2011 13:091937 wurde das Modell des KdF-Seebades Prora der Öffentlichkeit vorgestellt, die Anlage des Architekten Clemens Klotz gilt als...

Bunt statt grau: Ein Fenster zur Geschichte

Am einst größten Standort der Waffenverweigerer, Wegbereiter der friedlichen Revolution, sind bereits vor drei Jahren vollendete Tatsachen geschaffen worden. Während sich die Jugendherberge Prora dem Motto bunt statt grau verschrieben hat, bemühen sich Zeitzeugen dort um „Fenster in die Geschichte“. Und die sollen grau bleiben. Aus Anlass des diesjährigen 50. Jahrestages der Anordnung über die Aufstellung von unbewaffneten Baueinheiten in der DDR werden Ende August auf dem Gelände der Jugendherberge zwei sogenannte Zeitsplitter aus ihrer Geschichte enthüllt. Der eine erinnert an die einmalige Regelung dieses waffenlosen Dienstes im Ostblock, 1964 zustande gekommen auf Druck von Pazifisten und evangelischer Kirche – und daran, dass dieser uniformierte Dienst sich als ein fauler Kompromiss entpuppte.

Der andere Zeitsplitter macht nun erstmals eine der Arrestzellen transparent, in die Soldaten, mehr noch die als Staatsfeinde verdächtigten Bausoldaten, nicht selten willkürlich gesperrt wurden. Das alles soll am heutigen Partyort Jugendherberge zur Wertschätzung der Demokratie beitragen, so der Förderkreis Bausoldaten Prora e. V. Die Voraussetzungen für ein Ende der einseitigen Wahrnehmung von Prora sind an diesem Platz gar nicht so schlecht. Stefan Wolter
Der Autor ist Historiker. Er betreibt die Datenbank www.denk-mal-prora.de

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