Kultur : Grüne Jungs, goldne Worte

Die Preise der Leipziger Buchmesse gehen an Svetlana Geier, Ingo Schulze und Saul Friedländer

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Am Ende gibt es sogar eine kleine Werbe- und Protestaktion bei dieser Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse. Ein Schwung Flugblätter segelt von der oberen Brüstung des Glashauses hinunter auf die Jury, hinabgeworfen von einem engagierten Kleinstzeitschriftenmacher, der auf sein „Zentralorgan für den radikalen empirischen Idealismus“ aufmerksam machen möchte und dabei auch an der Literaturpreis-Inflation in Deutschland herummeckert und mal so rein rhetorisch die Frage stellt: „Woran liegt es, dass in diesem Literaturbabel vor allem Bücher wachsen, die man am besten gleich zum Antiquar trägt?“

Dumm nur, dass sich in diesem Moment kein Mensch mehr für diese Aktion interessiert. Genauso wenig wie für die letzte Begründung der Jury, nämlich die für den Belletristik-Preis, die beinahe im allgemeinen Aufbruch unterzugehen droht. Der Grund für diese Eile, für dieses irgendwie routinierte Quittieren der Verleihungszeremonie ist der Belletristik-Preis an Ingo Schulze und seinen Erzählband „Handy“. Anders als vorher bei den mit dem Übersetzer- respektive dem Sachbuchpreis ausgezeichneten Svetlana Geier und Saul Friedländer, wo höflich-respektvoll geklatscht wird, ruft das Verkünden von Schulzes Namens beinahe lauten Jubel hervor. Aus einer vorderen Sitzreihe ist gar das Wörtchen „Endlich“ zu hören. Da will dann auch wirklich keiner mehr noch eine Begründung hören. Der an diesem Nachmittag vollzählig erschienene Literaturbetrieb weiß nämlich, dass Schulze den Preis nicht nur für seinen zweifellos schönen Erzählband bekommen hat, sondern auch, weil er einfach dran war, nachdem er es mit seinem Roman „Neue Leben“ nicht geschafft hatte, den Deutschen Buchpreis in Frankfurt zu bekommen.

Auch Ingo Schulze ist zunächst mehr erleichtert als freudig gestimmt. Er beantwortet dann aber nicht unpfiffig und gekonnt ausweichend die Fragen des Jury- Vorsitzenden Martin Lüdke nach seinem Geheimnis für sein ach so „kunstvolles kunstloses“ Schreiben: „Die Formel dafür ist hoch versichert, die liegt in einem Schweizer Tresor und wird von mir nicht verraten“. Doch Schulze kann auch ernst und sagt, dass er lange nach einer „unverwechselbaren Stimme“ gesucht, dann aber gemerkt habe, dass der Stil durch den Stoff komme, dass es am Besten sei, wenn Stil zunächst gar nicht bemerkt werde. Und er verweist noch einmal auf Svetlana Geier und Saul Friedländer, und wie froh und stolz er sei, mit diesen beiden zusammen hier in Leipzig ausgezeichnet zu werden.

Wie der Preis an ihn sind auch die an die 84-Jährige Geier und den 75-Jährigen Friedländer keine große Überraschungen. Zu sehr überstrahlte Svetlana Geiers Dostojewski-Neuübersetzung „Ein grüner Junge“ und überhaupt ihr Dostojewski-Neuübersetzungswerk der vergangenen 15 Jahre die Konkurrenz. Und gegen Saul Friedländers den Opfern der Nazis wieder ein Gesicht und eine Stimme gebende opus magnum „Die Jahre der Vernichtung. Das dritte Reich und die Juden“ hatten beispielsweise Josef Haslingers Tsunami-Bericht „Phi Phi Island“ oder Günther Rühles Theaterbuch nicht wirklich eine Chance. Gerechte Gewinner hin, möglicherweise enttäuschte Verlierer her: Ingo Schulze hat schließlich auch noch tröstende Worte parat, die vielleicht sogar dem einsamen Protestierer gefallen haben: „Lesen Sie Ravic-Strubel, lesen Sie Bräunig, lesen Sie einfach alle! Und kümmern Sie sich einfach nicht um die Empfehlungen dieser Jury!“

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