Kultur : Habe die Ehre

Wolf Biermann feiert sich am Potsdamer Theater

Kolja Reichert

Die Potsdamer hätten ihn gleich genommen. „Wir freuen uns, dass Wolf Biermann sein erstes Konzert als Fast-Ehrenbürger Berlins in Potsdam spielt“, spricht Hendrik Röder vom Brandenburgischen Literaturbüro lächelnd die Begrüßung und erntet fröhlichen Applaus. Da klingt ein wenig Schadenfreude mit darüber, dass der Berliner Senat nach langem Zögern nun doch über seinen und die Schatten der Geschichte springen und Biermann die Würdigung zugestehen muss.

Der Sprung, mit dem für den Künstler alles begann, steht am Anfang des Liedes „Mich wundert“: Die Flucht aus dem Bombardement auf Hamburg durch den Kanal. „Im Zentrum des Feuers – ich!“, erklärt Biermann das Szenario. Brechts „Ballade vom alten B.B.“ klingt durch, und diese ungeheure kehlige Stimme könnte auch Baal gehören, dem archaischen Sänger und Frauenfresser. „Weil ich ein Freundefresser bin / Hab ich nach Rache Hunger – immer!“, singt Biermann drängend in „Heimat“ aus dem gleichnamigen neuen Gedichtband. „Das ist der Tod, da will ich hin / Ankommen aber nie und nimmer.“ Die Suche nach Heimat prägt den ganzen Abend. Sie bedeutet vor allem den Kampf um die Aneignung dieses oft missbrauchten, „verhurten“ Begriffs: „Warum soll ich mir das Wort nicht krallen, wenn ich’s nur richtig fest halte.“ Heimat ist für Biermann Banyuls sur mer, die europäische Geistesgeschichte, das Gedenken an die Toten. Und „Berlin ist auch Heimat, das ist doch klar“. Zumindest der Ostteil. „West-Berlin ist mir fremd wie Barcelona.“

Der Dichter erzählt viel an diesem Abend, dann blickt er auf die Uhr und zeigt sich bestürzt. Seine zwei Stunden sind bereits um, ein Drittel des Programms fehlt noch. „Ich kann es nicht“, schüttelt er den Kopf. Seine Zeitprobleme rührten daher, dass er in der DDR nur in seiner Wohnung singen konnte – „den ganzen Abend lang, bis man hoffentlich zu Wichtigerem übergehen konnte“. Dem Siebzigjährigen sind noch dieselben Dinge wichtig, das macht er überdeutlich mit Zeilen wie: „Das Tier in meiner Hose / Es schreckt sich nicht, es schwillt.“ Letztes Jahr hat er beim Versuch, seiner Liebsten einen Apfel zu pflücken, den kleinen Finger der rechten Hand verloren. Gut, dass es nicht der Zeigefinger war, denn auf den kann Biermann nicht verzichten, wenn er den Realsozialismus den „Weg in die schlimmste Hölle, die wir je hatten“ nennt und den Konflikt zwischen Juden und Arabern ins unantastbar Mythische hebt: „Konflikte dieser Kategorie / Für die gibt’s keine Lösung nie.“

Biermann freut sich übrigens schon auf Wowereits Lobrede – „det gönn’ ick ihm“. Er gibt zu verstehen, dass es ihm in dieser „Provinzposse“ nicht um Eitelkeiten geht, sondern um Aufklärung. „Die Ehrenbürgerwürde müssten eigentlich die kriegen, die ermöglicht haben, dass ich in diesem Stück den kleinen Drachentöter spielen kann.“ Biermann gibt die Ehre weiter wie den Blumenstrauß des Literaturbüros. Den bekommt eine Dame in der ersten Reihe. „Was soll ich damit“, sagt des Dichters Schulterzucken.

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