Hafenstadt Kochi : Indiens Kunst-Biennale steht im Zeichen der Weiblichkeit

Die Kochi-Muziri-Biennale ist die größte Kunstveranstaltung Indiens. Erstmals wird sie von einer Frau kuratiert. Sie fragt: Sind Kreativität und Weiblichkeit der Schlüssel zu weniger Entfremdung?

Laut und deutlich. Performance der Gruppe Guerilla Girls.
Laut und deutlich. Performance der Gruppe Guerilla Girls.Foto: Kochi-Muziris-Biennale

„Rafoogari“ nennt man in Indien die Fähigkeit, kostbare Stoffe zu reparieren. Es ist ein altes Handwerk, bei dem Löcher so kunstvoll gestopft werden, dass Schwachstellen nicht wahrzunehmen sind. Die indische Künstlerin Priya Ravish Mehra ist für das Gegenteil bekannt. Ihr „Rafoogari“ fällt auf. Die Textilkünstlerin hebt Löcher mit bunten Fäden und Pflanzenfasern hervor. Mit Schwächen konstruktiv umgehen, so lautet ihr Motto.

Mehra, die im vergangenen Jahr im Alter von 57 Jahren an einer Krebserkrankung starb, wird in Indiens Kunstkreisen schon als Ikone einer neuen Nachhaltigkeitsbewegung gefeiert. Indem sie ein altes Handwerk neu nutzte, ist sie zur Schlüsselfigur der diesjährigen Kochi-Muziris-Biennale geworden. Die Ausstellung in der südindischen Hafenstadt Kochi ist Indiens größte Veranstaltung für aktuelle Kunst und auch insofern ein Politikum als sie in ihrer vierten Ausgabe zum ersten Mal von einer Frau kuratiert wird. Anita Dube ist für ihre queer-feministische, politisch aufgeladene Kunst weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt.

Rund 100 Künstler, die Hälfte sind Frauen

Was sind „Möglichkeiten für ein Nicht-Entfremdetes Leben“, fragt die 60-Jährige in der auf zehn Ausstellungsorte verteilten Biennale. Können Fähigkeiten wie Weben, Sticken und Kochen fruchtbar gemacht werden für die Herausforderungen einer tief gespaltenen, gleichzeitig hypervernetzten Welt? Sind Kreativität und Weiblichkeit gar der Schlüssel zu einem weniger entfremdeten Leben?

Rund 100 Künstler hat Dube zur Biennale eingeladen, mehr als die Hälfte sind Frauen, darunter sind viele queere Positionen, Autodidakten, Dallit-Künstler und Minderheiten aller Art, sie kommen vor allem aus Indien und Südasien sowie dem arabischen Raum und Afrika. Europa und die USA sollen hier bewusst nicht die Überhand haben.

Eine Biennale von Künstlern für Künstler

Kaum ein Kurator, der auf sich hält und der nicht in Kochi Station macht, etwa Chris Dercon, Chef des Grand Palais in Paris, oder Glenn Lowry vom New Yorker Museum of Modern Art. Kürzlich drehte der ehemalige Documenta-Leiter Adam Szymczyk hier seine Runde. Auch Bose Krishnamacheri, der in Mumbai stationierte Präsident der Biennale, wohnt während der gesamten Ausstellungsdauer in Kochi, ist zur Stelle, egal ob internationale Museumsdirektoren auszuführen oder heimische Kunsthochschulstudenten zu begrüßen sind. „Die Kochi Biennale wurde von Künstlern für Künstler gemacht“, betont Krishnamacheri, der das Event im Jahr 2012 gemeinsam mit anderen gründete. Die Biennale ist für indische Künstler eine wichtige Gelegenheit internationale Kunst zu sehen. Die Kuratorinnen der Schau sind jeweils Künstler, so wie Jitish Kallat 2014 und jetzt Anita Dube, die beide nie zuvor kuratiert hatten. Diese Bodenständigkeit trägt zur Popularität der Biennale bei, die im Vergleich mit anderen Großausstellungen mit wenig Geld auskommt. Umgerechnet 3,4 Millionen Euro beträgt das Budget, wie Krishnamacheri berichtet. Die Regierung des als liberal geltenden Bundesstaates Kerala hat ihre Beteiligung im Laufe der Jahre mächtig aufgestockt und gibt nun den Löwenanteil, neben dem indischen Tata Trust oder der BMW Group, die als erster internationaler Sponsor seit 2012 unterstützt.

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Die Biennale hat mit Herausforderungen auch jenseits der Kunst zu kämpfen. Im Sommer 2018 wurde Kerala von einer Flut heimgesucht, Hunderte kamen ums Leben. Der Wiederaufbau hält an, frisst Budget aus dem Kulturhaushalt. Außerdem musste einer der Biennale-Mitgründer wegen #MeToo-Vorwürfen seinen Hut nehmen. Die Flut sowie Sexismus und Diskriminierung gegen Frauen werden als Themen adressiert. Die New Yorker Aktivistinnen Guerilla Girls beziehen sich etwa in ihren Plakaten und Performances darauf. Man verschließt sich hier nicht vor den Problemen, und doch ist die Schau, bei Weitem nicht so anklagend im Ton wie etwa die letzte Documenta 2017 in Kassel. Eher geht es um Potenziale und Transformation. Gut möglich, dass es der hohe Frauenanteil ist, der für eine andere Energie sorgt.

Anita Dubes kuratorische Handschrift und geistige Wurzeln sind jedenfalls an jeder Stelle zu spüren. In den Communitybereichen der Biennale kann im Freien gemeinsam gekocht und gegessen werden. Workshops für jedermann sollen die Biennale zur „Wissensfabrik“ machen. Dube war einst Mitglied der 1987 in Baroda gegründeten „Indian Radical Painters and Sculptors Association“, kurz „Radicals Group“. Deren Gründer wandten sich gegen das Kastensystem und die Dominanz des Kapitals. Sie wollten eine Kunst für alle. Diesen Geist klopft Dube nun auf seine Gegenwartstauglichkeit ab.

Den Schulterblick auf die früheren Gefährten gibt sie in der Durban Hall, auf der Festlandseite. Dort sind die erotischen Hanfskulpturen der 2015 verstorbenen Mrinalini Mukherjee zu sehen oder Zeichnungen von K.P. Krishnakumar, der als der „Ché“ der Radical Group bezeichnet wurde. Seine Blätter erzählen von einfachen Bauern, aber auch von den inneren Kämpfen eines mit sich hadernden, ewig vom Weib verlockten Künstler-Ichs. Kommunist und Sexist, das schließt sich nicht aus. Es ist nicht die einzige Stelle, an der bei dieser Biennale auf ideologische Widersprüche und Twists hingewiesen wird.

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Die größte Angst unter liberalen Kulturleuten in Indien gilt im Moment der Hetze gegen Minderheiten, in Bezug auf Religion, Geschlecht oder Klasse, dem wütenden Mob, der scheinbar so einfach auf den Plan zu rufen ist und der Politikern so gut in die Hände spielt. „Die Kunstwelt kann ein Ort sein, an dem wir den anderen nicht als Feindbild brauchen, um uns verbunden zu fühlen“, so Dube in ihrem kuratorischen Statement. Inklusion ist ihr Mantra, auch wenn viele das grade der elitären Kunstwelt Indiens nicht zutrauen. Dube holt genau deshalb Autodidakten wie den Rikscha-Fahrer Bapi Das ins Programm, dessen detailreiche Stickarbeiten zeigen, was er vor seiner Windschutzscheibe sieht. Oder politische Positionen, wie den in Neu-Delhi lebenden Aktivisten Aryakrishnan, der in seiner Installation von der Transfrau Maria erzählt, die sich in Keralas Queer-Rights Bewegung engagierte und ermordet worden ist.

Wo es schwierig und unübersichtlich wird, hilft Gemeinschaft, so die Hoffnung dieser Biennale. Und Platz ist für alle da – zumindest unter dem Regenbogen, den der Künstler Temsüyanger Longkummer alle 20 Minuten mithilfe von Wassersprühern und der indischen Sonne herstellt.

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Die Kochi-Muziris Biennale läuft bis 29. März 2019; kochimuzirisbiennale.org

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