Hamburgs Museum für Kunst und Gewerbe : Der Sonne entgegen

Direktorin Sabine Schulze verabschiedet sich mit einer 68er-Ausstellung. Von ihrem Haus können Berliner Museen nur lernen.

12 Minuten, 15 Läufer. Gerd Conradts Film "Farbtest - Rote Fahne", 1968 in Berlin aufgenommen, begeistert noch nach 50 Jahren.
12 Minuten, 15 Läufer. Gerd Conradts Film "Farbtest - Rote Fahne", 1968 in Berlin aufgenommen, begeistert noch nach 50 Jahren.Foto: Gerd Conradt, Mandala Vision

Für Berliner ist es ein Heimspiel mitten in Hamburg. Im Staffellauf wird die rote Fahne von Friedenau die Hauptstraße hoch gen Norden getragen, bis der letzte Läufer das Schöneberger Rathaus erreicht hat und das Banner vom berühmten Balkon herunter entrollt. Polizei und Passanten recken verdutzt die Köpfe. Das knallige Rot ist eine Provokation, nicht nur weil es farblich im Berliner Schmutzig-Grau der 60er Jahre heraussticht. Auf diesem Balkon hat Kennedy fünf Jahre zuvor den berühmten Satz „Ich bin ein Berliner“ gesprochen. Nun prangt hier das Banner der Kommunisten.

Der Zwölf-Minuten-Film, den Gerd Conradt 1968 während eines Kameraseminars von Michael Ballhaus an der gerade gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie schuf, nimmt den Ausstellungsbesucher im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe sofort gefangen, allein durch seine Dynamik. Die 15 Staffelläufer – darunter der damalige Student Holger Meins – rennen in Endlosschleife, einer sogar mit Zigarette im Mundwinkel. Rechts und links der Videoleinwand werden ins Dunkel SchwarzWeiß-Aufnahmen von Che Guevaras Leichnam, dem Sechstagekrieg, Rassenunruhen in Detroit, der Dürrekatastrophe in der Sahelzone projiziert. 1968 stehen die Zeichen auf Sturm in der Welt, in der Kultur beginnt ein neues Zeitalter.

Direktorin Sabine Schulze musste immer dem Geld hinterherlaufen

Mit der Ausstellung „68. Pop und Protest“ verabschiedet sich Sabine Schulze, die Direktorin des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe, nach über einem Jahrzehnt. 1968 war sie ein Teenager, die Zeit hat sie geprägt – bis hin zum aufmüpfigen Ausstellungsprogramm, für das sie steht. Und die letzten Jahre waren für sie ebenfalls eine Art Dauerlauf, immer den Sponsoren hinterher. Hamburgs Senat versorgt die Theater und Musikhäuser der Stadt gut, die Ausstellungshäuser müssen ihr Glück jedoch eher bei Spendern versuchen. Das ist die 64-Jährige leid. Und neben Sabine Schulze verlassen dieses Jahr zwei weitere Direktoren ihre Hamburger Posten: in der Kunsthalle und der Stiftung Historische Museen – das sollte den Kulturpolitikern der Hansestadt zu denken geben.

Ihre Wunschprojekte, die konsumkritischen Ausstellungen „Fast Fashion“ oder „Food Revolution“, konnte Sabine Schulze nur realisieren, weil ein Joker wie die aktuelle Erfolgsschau von Otto Waalkes dem Haus ein Riesenpublikum beschert hat. „Food Revolution“ machte dieses Jahr auch im Berliner Kunstgewerbemuseum Station, sie holte die am Kulturforum vor sich hindämmernde Institution zwischenzeitlich aus ihrer Abgeschiedenheit. Berlin kann da von Hamburg nur lernen: wie ein Kunstgewerbemuseum sich ein junges Publikum heranzieht und an aktuellen Debatten partizipiert.

Die Präsentation von Provenienzforschung im Haus ist beispielhaft

Und wie man die Ergebnisse von Provenienzforschung offensiv, intelligent und publikumsnah präsentiert. Im ganzen Haus markieren magentafarbene Dreiecke mögliche Raubkunststücke und weisen auf die Herkunftsgeschichte hin. Wer das Museum betritt, stößt gleich im Eingang auf eine gewaltige Vitrine, in der die neuesten Erkenntnisse ausgestellt werden – nicht unbedingt zur Freude aller. Als jüngstes Objekt ist ein Marmorpaneel aus dem afghanischen Königspalast in Ghazni hinzugekommen, demonstrativ abholbereit in einer Kiste. Der Fall liegt klar, das Relief befand sich bis 1978 im Rawza Museum of Islamic Art in Ghazni und gelangte illegal in den Handel. Das Hamburger Museum will restituieren, in Afghanistan hofft man auf baldige Rückkehr. Nur die Ausfuhrgenehmigung der Hamburger Behörde lässt auf sich warten. Das Museum übt auf seine Weise sanften Druck aus.

Auch die 68er-Schau besitzt eine politische Botschaft und schlägt den Bogen in die Gegenwart. Die Lage sei kritisch wie lange nicht mehr, ist Ausstellungsmacherin Schulze überzeugt. Aktuell stehen Aspekte einer freiheitlichen, demokratischen Lebensweise wieder auf dem Spiel, heißt es im Wandtext. Die Schau will die damaligen Ideen von Freiheit und Selbstbestimmung erneut im kollektiven Gedächtnis verankern.

Wie sich Demonstranten und Polizei gegenseitig aufstacheln können, das hat Hamburg erst 2017 beim G20-Gipfel erlebt. So kehren manche Bilder wieder. In acht Kapiteln blättert die vornehmlich aus Eigenbeständen bestückte Ausstellung auf, wie die Konfrontationen sich vor 50 Jahren steigerten, welche Funken die Kultur daraus schlug. Den Anfang des Parcours macht Rudi Dutschkes akribisch durchgearbeitete Ausgabe von Marx’ „Kapital“, daneben die Mao-Bibel, ein nie gelesenes Privatexemplar der Kuratorin.

Das It-Girl der 68er. Modell Twiggy.
Das It-Girl der 68er. Modell Twiggy.Foto: Ronald Traeger

Über den Flugblättern der Universität Hamburg, die an die Wand gespickt sind wie einst am Schwarzen Brett des Audimax, hängt das originale schwarze Tuch mit der Aufschrift „Unter den Talaren/Muff von 1000 Jahren“. Es stammt von Gert Hinnerk Behlmer, der es damals beim offiziellen Einzug der Professoren mit einem Kommilitonen vorneweg trug und so eine Ikone der Studentenbewegung schuf. Der einstige Revoluzzer sitzt heute im Vorstand des Museums-Fördervereins. Gleich daneben liegt flach auf dem Boden eine Skulptur des Kolonialbeamten Hermann von Wissmann. Nach einem abermaligen Denkmalsturz im Herbst ’68 verzichtete die Stadt Hamburg auf die neuerliche Aufstellung. Papiertüten mit dem Konterfei des persischen Herrscherpaares, die bei den Berliner Anti-Schah-Demonstrationen als Masken verteilt wurden, ergänzen das Szenario.

Das Beben setzt sich in den kulturellen Institutionen fort. Das Schauspiel Frankfurt inszeniert Peter Weiss’ Stück „Viet Nam Diskurs“, das nach vier Aufführungen abgesetzt wird. In Hamburg platzt die Uraufführung von Hans Werner Henzes Oratorium „Das Floß der Medusa“, weil eine rote Fahne und Che Guevaras Porträt über der Bühne hängen. Der Hamburger Museumsbesucher kann der lautstarken Auseinandersetzung, den Ho Ho Chi Minh-Rufen am Premierenabend im NDR-Sendesaal und der noch störungsfreien Generalprobe lauschen, die schließlich gesendet wird. Eine Station weiter diskutiert Dietmar Schönherr mit einem heftig rauchenden TV-Studio-Publikum über Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt“. Die „Easy Rider“ Dennis Hopper, Peter Fonda und Jack Nicholson fahren auf ihren Motorrädern unentwegt der Sonne entgegen.

Auch Schulzes Nachfolgerin Tulga Beyerle will das Publikum fordern

Wer sich vom Museum für Kunst und Gewerbe mehr Artefakte versprochen hat, wird enttäuscht – außer im Bereich Mode, Möbel, Design. Hosenanzüge von Yves Saint Laurent, spacige Kostüme von André Courrèges und Papierkleider mit Warhol-Aufdruck versetzen einen zurück in die Zeit. Zu den charmantesten Filmdokumenten gehört ein Interview mit Mary Quant, der Erfinderin des Mini-Rocks, während ihres Hamburg-Besuchs. Auf die Frage, ob es eine Altersbegrenzung für Trägerinnen gäbe, antwortet die Modeschöpferin kokett „Zwischen 88 und 89 Jahren“. Die Ausstellung endet in der Quietschorange-farbenen psychedelischen Spiegel-Kantine. Das letzte erhaltene Stück der Innenausstattung, die „Der Spiegel“ 1968 beim dänischen Designer Verner Panton in Auftrag gab, Sie wurde als Ganzes vor dem Umzug des Wochenmagazins in die Hafen-City dem Kunstgewerbemuseum vermacht.

In dieser Kulisse hat Sabine Schulze mit ihren Mitarbeitern auch den eigenen Abschied gefeiert. Ihre Nachfolgerin Tulga Beyerle, zuvor am Kunstgewerbemuseum in Dresden, hat schon angekündigt, das Haus mit einem zweiten Eingang offensiv zur Stadt hin zu öffnen. Und sie will für die „Social Design“-Ausstellung im Frühjahr mit dem benachbarten Drob Inn zusammenarbeiten, einer Beratungsstelle mit Drogenkonsumräumen. Gemütlicher wird es im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe also nicht. ’68 lässt grüßen.

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, bis 17. März. Steintorplatz. Di bis So 10 – 18 Uhr, Do 10 – 21 Uhr.

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