„Handbuch der Menschenkenntnis“ : Wie tickt er wirklich, der Mensch?

Von Homer bis Carolin Emcke: In der „Fundstücke“-Kolumne geht es diesmal um ein Handbuch, das Mutmaßungen aus 2500 Jahren vereint.

Charles Darwin ist eine der vielen Stimmen in dem „Handbuch der Menschenkenntnis“.
Charles Darwin ist eine der vielen Stimmen in dem „Handbuch der Menschenkenntnis“.Foto: DPA/Richard Milner

An einem 9. November, dessen vergangene oder zukünftige Bedeutung der Autor kaum kennen konnte, veröffentlichte George Orwell in der linken Londoner Zeitschrift „Tribune“ einen wahrhaft erschütternden Bericht über seine Erlebnisse in Deutschland. Es ist der Herbst 1945, kurz bevor Orwell „1984“ zu schreiben beginnt.

Orwell wird von „einem kleinen Wiener Juden“ durch ein amerikanisches Lager geführt, in dem sich unter den vielen deutschen Kriegsgefangenen auch einige SS-Offiziere befinden. Einer von ihnen fällt den beiden auf, und der dem Holocaust entkommene Begleiter in amerikanischer Uniform tritt den Gefangenen voller Wut, denn dieser sei „ein wirkliches Schwein“ gewesen. Wohl ein Mörder und Folterer. Trotzdem fühlt Orwell ein Unbehagen beim Zornausbruch des Mannes, der kurz zuvor noch ein Opfer des nunmehr Malträtierten hätte sein können.

Der „Nazi-Folterknecht unserer Vorstellungen, das Ungeheuer in Menschengestalt, gegen das wir so viele Jahre gekämpft haben“, ist hier zu einem „erbärmlichen Wicht“ geschrumpft, mit einem stark neurotischen Ausdruck, „der offensichtlich nicht so sehr einer Bestrafung als vielmehr einer psychiatrischen Behandlung bedurfte“. Für den Autor des Jahrhundertromans über den modernen totalitären Staat wird die Episode mit zum Anlass, über den Sinn der „Rache“ in der Geschichte nachzudenken.

Vorsicht vor der vorschnellen Einsicht

Orwells kaum vier Druckseiten umfassender Text findet sich in einem jener Wälzer, die, selbst wenn sie wie hier nicht unhandlich sind, häufig nur als Schmuck intellektueller Coffee-Tables dienen. Schön und zweifarbig gedruckt, zwar ohne Illustrationen, dafür beglänzt von illustren Namen. Doch beim näheren Lesen lohnt es tatsächlich die Lektüre, dieses „Handbuch der Menschenkenntnis. Mutmaßungen aus 2500 Jahren“, herausgegeben von Georg Brunold (Verlag Galiani, Berlin 2018, 416 Seiten, 39 Euro).

Georg Brunold, ein philosophisch gebildeter Autor und früherer Korrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung“, der schon Winston Churchill übersetzt und in seinen Büchern über Glück und Zufall nachgedacht hat, gab seinen Reportagen aus einem nicht (nur) „schwarzen“, sondern vielfarbig schillernden Kontinent einst den Titel „Afrika gibt es nicht“.

Das zeigte die Vorsicht vor der vorschnellen Einsicht. Und ein Handbuch der Menschenkenntnis mit dem Untertitel „Mutmaßungen“ zu versehen, beweist wiederum Witz – und selbstreflexive Erkenntnistheorie. Wenn er so in einem der frühesten Texte seiner Anthologie den Nestor der Geschichtsschreibung, nämlich Herodot (um 450 v. Chr.) zitiert, dann ziert dessen ebenso anschauliche wie gräuliche Schilderung von Schädelsammlungen und Menschenhäutungen bei den Skythen der Hinweis, dass jenes barbarische Skythenland, von dem auch Euripides’ und Goethes „Iphigenie auf Tauris“ handeln, vom Autor nie selbst betreten wurde.

Eine Anthologie voller Trouvaillen

Gewitzt auch die Einleitung zum fiktiven Dialog zwischen dem italienischen Renaissance-Poeten Petrarca und dem Kirchenvater Augustinus über den selbstbewusst-demütigen Eigensinn des Individuums. Brunold über Petrarca: „Wer ihm mit Superlativen beizukommen sucht, kann nur in fürchterlichen Untertreibungen stecken bleiben.“ Danach Petrarca, als spräche im Jahr 1353 ein Urahne Brechts: „Wenn du alte Mauern siehst, soll dir vor allem einfallen: ,Wo sind die, deren Hände das gebaut haben?‘; wenn du neue siehst: ,Wo werden sie bald sein?‘“

Diese Anthologie aus zweieinhalbtausend Jahren steckt wahrlich voller Trouvaillen: von Homer bis Mohammed, von Erasmus bis Kafka, von Katherine Mansfield über Proust bis Carolin Emcke, von Theodor Adorno bis Umberto Eco, der im Jahr 2000 das neue Millennium der Völkerwanderungen beschreibt. Oder Charles Darwin zum Phänomen des Errötens, das nur Menschen kennen: Laut Darwin erröten Frauen „viel mehr als Männer“. Doch seine Erkundungen bei dem berühmten Londoner Mediziner Sir James Paget ergeben, „dass sich das Erröten bei Frauen, welche im Gesicht, an den Ohren und im Nacken intensiv rot werden, gewöhnlich nicht weiter am Körper herunterstreckt“. Auch so viel – zur männlichen „Menschenkenntnis“.

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