Hans Magnus Enzensberger wird 90 : Kein Talent fürs Unglücklichsein

Poesie trifft Politik: Wie Hans Magnus Enzensberger Kunst und Kulturkritik zum ironischen Spiegel der Zeiten macht.

Sinnieren und inhalieren. Der Dichter in seiner Münchner Wohnung 1989. Aus dem soeben erschienenen Bildband des Fotografen Stefan Moses „Hans Magnus Enzensberger. Eine Hommage“.
Sinnieren und inhalieren. Der Dichter in seiner Münchner Wohnung 1989. Aus dem soeben erschienenen Bildband des Fotografen Stefan...Foto: Nachlass Stefan Moses/Schirmer/Mosel

Der Dichter und der Denker, sie entstammen beide dem selben Jahrgang. Vor Kurzem ist Jürgen Habermas 90 Jahre alt geworden, und am Montag hat Hans Magnus Enzensberger seinen Neunzigsten. Aber noch ein weiterer Zu- oder Glücksfall verbindet die Karrieren der zwei großen, im Kopf ganz jungen, im Körper rank gebliebenen, locker befreundeten Alten.

Just im Jahr 1962 veröffentlichen Habermas und Enzensberger, der als Dichter immer auch Denker war, zwei zu geistigen Wegmarken gewordene Bücher zur „Bewusstseinsindustrie“ – ein Begriff aus der Frankfurter Schule der Remigranten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Habermas, der junge Soziologe und Philosoph, widmet seine Habilitationsschrift dem titelgebenden „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Es geht um den Rollenwechsel (eines Teils) der Presse: vom ursprünglichen Forum der Aufklärung zur kommerzialisierten Massenunterhaltung.

Auch Enzensberger schlägt im nämlichen Jahr zu. Mehr mit dem essayistischen Florett als mit dem akademischen Säbel, und er nennt seine fulminante Aufsatzsammlung so schlicht wie kokett nur „Einzelheiten“. Aber die 366-seitige eierschalenfarbene Broschur mit gesammelten Aufsätzen aus den Jahren 1957 bis 1962 enthält mancherlei Sprengsätze.

Etwa bei der so scharfsinnig ätzenden wie champagnerleicht prickelnden Kritik an den beiden links- und rechtsgeflügelten Leitmedien der Bundesrepublik. „Die Sprache des Spiegel“ kriegt ihr Fett ab, während die „FAZ“ mit der Devise „Journalismus als Eiertanz“ vorgeführt wird. Auch das damals noch einflussreiche Medium der Kino-Wochenschau reflektiert HME unterm bezeichnenden Motto „Scherbenwelt“.

Enzensbergers phänomenaler Sinn für neue Themen, für Formen des Zeitgeists und die Mythen des Alltags zeigt sich darüber hinaus in seinem Einfall, den Neckermann-Katalog als Ausbund gesellschaftlicher Wünsche und Träume, als neues Volksbuch der Deutschen zu rezensieren.

HME untersucht Gratismut und Gratisangst im öffentlichen Diskurs

Doch Kulturkritik verbindet HME so schlau wie skrupulös elegant mit Selbstkritik, indem er „Gratismut und Gratisangst“ in öffentlichen Diskussionen untersucht. Mit Blick auf die „Bewußtseins-Industrie“ als „Schlüsselinstanz der modernen Gesellschaft“ schont er hier nicht die eigene intellektuelle Zunft. Er sieht Schriftsteller und Publizisten als Mitspieler auf dem Meinungsmarkt, freiwillig oder unbewusst, als „Komplizen“, die „mit Bestechungs- und Erpressungsversuchen neuer und subtiler Art zu rechnen“ hätten.

Das ist, im Jahr 1962 von einem kaum 33-Jährigen gedacht, nicht nur der Vorläufer für einem „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ (1970) oder das selbstreflexive Eintrittsbillett für die eigene Karriere als international hoch gehandelter Publizist (und: „Spiegel“-Gastautor). Sondern, in Zeiten des Internet wiedergelesen, ein Blick in die heutige Gegenwart.

Hier schreibt im letzten Jahr der Adenauer-Kanzlerschaft: ein Frühreifer. Schon im folgenden Jahr erhält er mit dem Georg-Büchner-Preis die höchste deutsche Literaturauszeichnung. Obwohl HME bis dahin außer den essayistischen „Einzelheiten“ gerade mal zweieinhalb schmale Gedichtbändchen veröffentlicht hat, von denen allerdings schon der erste, die „verteidigung der wölfe“ – in damals modischer Kleinschrift, gegen die Lämmer, gegen die Lammfrommen – so frech wie noch jungbrechtisch provoziert: „soll der geier vergissmeinnicht fressen? / was verlangt ihr vom schakal, / daß er sich häute, vom wolf?“

Der hellsichtige Denker hat das Ende des Berliner Walls herbeigeahnt

Vorauseilend hellsichtig ist er als dichtender Denker, trotz gelegentlicher publizistischer Irrtümer, oft genug geblieben. Der am 11. 11. fast auf den tollen Tag genau 60 Jahre vor dem Mauerfall Geborene hat ja in seiner wunderbar dokufiktionalen Reiserevue „Ach! Europa!“ das Ende des Berliner Walls und die deutsche Wiedervereinigung bereits 1987 herbeigeahnt. Als Spezialist gleichermaßen für realistische Fantasie wie für fantastischen Realismus.

So ist er als federleicht oder peitschenscharf formulierender, immer mehr ironischer als melancholischer Lyriker und Essayist durch die Zeiten gefegt. Als schlanker Tänzer mit Zigarette und einst blondem, nun weißem feinen Schopf. Im Allgäu zur Welt gekommen, im fränkischen Nürnberg aufgewachsen, was man bis heute hört,wenn er nicht gerade eine der mindestens sieben weiteren ihm geläufigen Weltsprachen spricht. Englisch und Amerikanisch hat er noch als Teenager bei der Royal Airforce als Barkeeper und Schwarzmarkthändler gelernt.

Damit hat er sein erstes Geld verdient, es hat ihn früh geerdet und atmosphärisch inspiriert. Später studiert er als einer der ersten deutschen Stipendiaten an der Sorbonne und promoviert in Erlangen über Brentanos romantische Poetik – weil ihm eine Diss über Hitlers Rhetorik in jenen 50er Jahren als akademisch zu heikel untersagt war.

Geistige Unruhe und nomadisches Temperament

Ein Akademiker ist der Ironiker trotz oder wegen seiner phänomenalen Belesenheit ohnehin nicht geworden. Der reinen, unfröhlichen Wissenschaft widerspricht schon seine geistige Unruhe und sein lange Zeit nomadisches Temperament, welches ihn durch drei Ehen und von den USA und Mexiko, von Moskau und Kuba, von Norwegen bis Berlin-Friedenau und schließlich nach München-Schwabing geführt hat. Wo er seine Gäste in einem modernen Dachgeschoss empfängt, hoch über Allerleiläden und einem Sternerestaurant schwebend. Gäste ja, doch möglichst nicht zu Interviews. Lieber zu „echten“ Gesprächen. Lieber zu Fragen, die vor allem neue Fragen erzeugen.

Über fünfzig Bücher hat HME verfasst. Dazu Übersetzungen, Editionen. Mit Karl Markus Michel hat er einst das „Kursbuch“ gegründet, das zum geistigen Kompass auch der Studentenrevolte wurde; dann zusammen mit Gaston Salvatore die Zeitschrift „TransAtlantik“ und später, mit dem Druckermeister Franz Greno, die fabelhaft findige „Andere Bibliothek“.

Kein großer Roman. Kein großes Drama, trotz etlicher Versuche. Stattdessen die große Lyrik, gipfelnd im Epos vom „Untergang der Titanic“ und in der „Geschichte der Wolken“. Dazu das essayistische Werk. Und, legendär, das von Enzensberger herausgegebene, mit eigenen Übersetzungen mitbestückte „Museum der modernen Poesie“: eine Anthologie von 351 Gedichten aus allen Kontinenten, für die man ihm einen Nobelpreis für literarische Editionen verleihen müsste.

Das Kopfkissenbuch gegen Angst vor der Mathematik

Last but not least aber hat der denkende Dichter noch einen Weltbestseller auf dem Konto, sein Vademecum für Kinder und alle Erwachsene, die sonst lebenslang albträumen, noch mal das Mathe-Abitur erleben zu müssen: „Der Zahlenteufel“, Untertitel „Ein Kopfkissenbuch für alle, die Angst vor Mathematik haben“.

Enzensberger nämlich kann rechnen. Kann höhere Gleichungen. Das zählt auf Dauer mehr als ein paar (eingestandene) Irrtümer über die Weltrevolution, den vermeintlichen „Tod der Literatur“ oder der Fehlvergleich zwischen Saddam Hussein und Adolf Hitler. Es zählen, statt falscher Antworten, die richtigen Fragen.

Gewiss macht Enzensberger, mehr ein Pointenfinder als ein Pointenjäger, auch aphoristisch zugespitzte Aussagen. Einst teilnehmender Beobachter, aber nur kurzfristig Wortführer der neomarxistischen Linken, bezeichnet er in späterer Einsicht den „realen Sozialismus“ als „höchste Stufe der Unterentwicklung“. Und das Attribut „modern“ empfiehlt er zur Selbstbesinnung schon auch mal auf der ersten Wortsilbe zu betonen.

Der Thementänzer weiß Kultur- und Naturgeschichte zu verbinden

Das Besondere indes ist, wie HME als Thementänzer (und Humboldt-Fan) Kultur- und Naturgeschichte zu verbinden weiß. Darin allenfalls mit Alexander Kluge zu vergleichen. Dabei vermeidet er freilich autobiografische Festlegungen. Er umspielt sie. Oder beschwört, als Universalgebildeter, seine private Vergesslichkeit.

Im neuen essayistischen Herbstband „Fallobst“ zitiert er unter anderem Max Beckmann: „Manchmal wäre man froh, sich selbst los zu sein.“ Und aus einem Brief den Dichterkollegen Gottfried Benn: „Erstaunlich, dass man am Ende seiner Karriere selber überhaupt nicht weiß, wer man war und ist.“

Gleichfalls bei Suhrkamp hat Hans Magnus Enzensberger jetzt auch noch „Eine Experten-Revue in 89 Nummern“ zur „Dämonie der Arbeitsteilung“ vorgelegt. Brillant führt er darin Genie und Wahnsinn berühmter oder vergessener Spezialisten vor, ob für Schrauben, physikalische Welträtsel, das bedingungslose Grundeinkommen oder britische Wasservögel. Das alles kann er. Kennt HME. Ein Hans im Glück, der einem im Gespräch gesteht, kein Talent zum Unglücklichsein zu haben. Aber nicht Hans, vielmehr Magnus nennen ihn Freunde und Familie. Sport betreibt er nur im Kopf, das hält ihn gesund. Im Übrigen zitiert er als eine Lieblingsfrucht im „Fallobst“ den Rat von Mick Jagger: „Never complain, never explain.“ – So möge er hundert werden!

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