Haus Huth zeigt japanische Kunst : Sake aus der Dose

Vom Wurm, dem Frosch und der fremden Stadt: Das Haus Huth zeigt zehn Künstler aus Japan und Deutschland.

Jens Hinrichsen
Farbholzschnitt reloaded.. Der Fotograf Benedikt Partenheimer nahm in Tokio eine Serie von Verkaufsautomaten auf.
Farbholzschnitt reloaded.. Der Fotograf Benedikt Partenheimer nahm in Tokio eine Serie von Verkaufsautomaten auf.Foto: Benedikt Partenheimer

Ein junger Japaner verfolgt die Graffiti-Schlangenlinien an einem Berliner Bauzaun. Wie ein Wurm gehen rechter Arm und Hand in die jeweilige Kurve. Das Video der Aktion hat der Künstler Taro Izumi vielleicht deshalb „Ein dünner Wurm, um einen fetten Frosch zu fangen“ genannt. Der Frosch, das könnte die fremde Stadt sein, die Izumi erkundet hat, die andere Kultur, die ihm vielleicht immer mal wieder entschlüpft ist.

Der Künstler aus Tokio war 2017 Stipendiat des „Mercedes-Benz Art Scope“- Programms. Daimler Contemporary präsentiert im Haus Huth zehn Künstler aus Japan und Deutschland, die seit 2009 auf dem Scope-Award-Ticket entweder nach Berlin oder nach Tokio reisen konnten, für jeweils drei Monate. „Visions of Exchange“ ist eine vielfältige Schau mit Fotos, Videos, Skulpturen, Gemälden und gedruckten Werken.

Stadtansichten, abstraktes Design und Holzschnittkunst

Als Gast ist der Fotograf Tokihiro Sato dabei, der mit Tokioter Stadtansichten von 1991/92 und 2017 zeigt, wie sich die Metropole verändert hat. Der Art Scope Award übrigens auch: Das Programm wurde 1991 gegründet, ursprünglich um japanischen Kunstschaffenden einen Aufenthalt im französischen Monflaquin zu ermöglichen. Sato reiste 1993 in die Gemeinde unweit der Pyrenäen. 2004 wurde das Kulturprogramm als deutsch-japanischer Kulturaustausch neu aufgestellt, als die in Stuttgart und Berlin ansässige Daimler Art Collection ins Spiel kam.

Eva Berendes, Tokio-Stipendiatin von 2009, arbeitet im Grenzbereich zwischen Bild und dreidimensionalem Objekt. Von ihr sind Paravents aus gelochtem, pastellfarbenen Stahlblech zu sehen, die Blicke und Bewegungen der Besucher lenken. Berendes’ Werke stehen oft an der Schwelle zum Produktdesign, so auch die Seidentücher, die sie in Japan mit abstrakten Mustern bemalte und damit Bezug auf die französische Modefirma Hermès nahm. Keine (sichtbare) Spur aber von ihrem Tokio-Aufenthalt. Beim Bildhauer Jan Scharrelmann verhält es sich ganz ähnlich: Seine Objekte faszinieren durch den Materialkontrast von bröckeligem Styropor und gläsern-glattem Epoxidharz-Anstrich. Doch man wüsste gerne, wie Japan den Künstler beeinflusst hat. Bei Benedikt Partenheimer sieht man klarer. Der Fotograf nahm 2012 in Tokio Verkaufsautomaten auf, die viel über das Konsumverhalten der Bewohner erzählen. Seine fotografischen „Ansichten des Berges Fuji“ stellen eine Art von zeitkritischem Remake der berühmten Farbholzschnitt-Serie von Hokusai dar.

Besonders interessant ist die Auseinandersetzung Menja Stevensons mit der Tradition des Ukiyo-e-Holzschnitts: Die Stuttgarterin besuchte japanische Druckwerkstätten, um die Arbeitstische mit ihren Gebrauchsspuren zu Druckplatten der Grafikserie „Der Tisch des Meisters“ umzufunktionieren. Über die Farbverläufe der ausgestellten Monotypien bestimmten die jeweiligen Drucker mit, deren Handwerk in 400 Jahren japanischer Holzschnittkunst viel zu wenig gewürdigt wurde. Rita Hensen entdeckte 2014 in Tokio den Filzstift für sich – der 1962 in Japan erfunden wurde. Ihre flüchtigen, abstrakten Zeichnungen auf Japanpapier tragen den Namen einer U-Bahn-Station: „Hatchobori“.

Man erfährt leider wenig über die Rahmenbedingungen den Kunstpreis

Leider erfährt der Besucher im Haus Huth , in den Begleittexten oder im Internet wenig über den Mercedes-Benz Art Scope Award, über Regularien oder Jurybesetzungen. In welchem Jahr die Künstler ihre Stipendien angetreten haben, ist schwer herauszubekommen. Warum so viel Geheimnis um einen Kunstpreis? Die Japanerin Hiroe Saeki lebt laut Texttafel heute in Berlin. Vielleicht, seit sie 2010 durch Art Scope an die Spree kam. Aber darüber kann man nur spekulieren. Saekis an Pflanzen und Mikroorganismen erinnernde Bleistiftzeichnungen auf kreideweißen, oft ausgedehnt leeren Papierflächen, sind still-hermetische Welten. Anders die expressive Malerei von Satoshi Ono. In seinen farbkräftigen Gemälden vermischen sich Bildformeln aus ostasiatischer und westlich-europäischer Kunstgeschichte.

Ryosuke Imamura schafft kontemplative Miniaturobjekte und Videos, die knapp wie Haikus sind – jene japanische Dichtkunst, die wenig Worte macht, aber viel Resonanz erzeugt. Da leuchtet eine winzige Berliner Straßenlampe vor sich hin, ein Video-Stillleben aus Imamuras Stipendienphase 2013 zeigt, wie fünf Minuten und 18 Sekunden vergehen. Ein Wecker tickt, es sprudelt im Wasserglas, am Fenster wechselt das Licht.

Das Video „Sehstörung“, 2011 vom Künstler Meiro Koizumi geschaffen – ob in Berlin, bleibt unklar wie das Jahr des Stipendiums –, bildet eine Ausnahme in der Schau. Hintergrund ist der Zweite Weltkrieg. Ein Paar beim traditionellen japanischen Essen. Man spricht über den anstehenden Kamikaze-Einsatz des Mannes. Die Vorder- und die Rückseite der in der Raummitte hängenden Projektionsfläche zeigen divergierende Bilder derselben Geschichte. Irgendwann sitzt der Mann im Flugzeug, richtet Abschiedsworte an die Frau, mit der er telepathisch verbunden scheint. Die Frau antwortet, nun allein am Esstisch hockend, und schenkt Sake in den Becher des Abwesenden. Dann fängt sie hysterisch zu lachen an.

Über Ländergrenzen hinweg sehen

„Sehstörung“, mit zwei blinden Darstellern besetzt, entstand während der Nuklearkatastrophe von Fukushima. Koizumis Film zielte vor allem auf die Mentalität seiner Landsleute, die 2011 schon wieder allzu bereit schienen, Opfer zu bringen – wie im Krieg 70 Jahre zuvor.

Wie stark ändern sich Gesellschaften wirklich? Und wie blind oder sehend sind die Menschen gegenüber historischen Fehlern? Die Frage stellt sich ebenso in Deutschland, in einer Zeit, in der rechte Populisten gegen Geschichtsbewusstsein und Erinnerungskultur agitieren. Kulturaustausch kann auch das sein – über Ländergrenzen hinweg historische Perspektiven entwickeln. Einfach ausgedrückt: vom Anderen lernen.

Daimler Contemporary Berlin, Haus Huth, Alte Potsdamer Str. 5, bis 4.11.; Mo bis So 11–18 Uhr

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