Heinz Strunks neuer Erzählband : Als Mensch springen, als Molch landen

Geschichten von der Vergeblichkeit: Heinz Strunk widmet sich im Erzählband "Teemännchen" den traurigen Gestalten der Gesellschaft.

Erbarmungsloser Erzähler. Der Schriftsteller Heinz Strunk.
Erbarmungsloser Erzähler. Der Schriftsteller Heinz Strunk.Foto: promo

Der Umsatz im Borstelgrilleck steigt, seit Anja hinter der Imbisstheke steht. Leider entkommt die junge Frau, eine „Bauernkalenderschönheit“, diesem Arbeitsplatz, der nach einer gescheiterten Ehe nur eine Zwischenlösung sein sollte, nicht mehr. Pommes- und Frikadellenmief, ohrenbetäubendes Zischen des siedenden Fetts, ständig die dummen Sprüche der Gäste, dazu die Nachstellungen des Chefs und die ungünstigen Arbeitszeiten – im Lauf weniger Jahre büßt Anja im Borstelgrilleck ihre Attraktivität restlos ein: „Das Gesicht ist schrundig, faltig, seltsam starr, dreifach gestaffelte Tränensäcke, Haut gedunsen und rotfleckig, Figur ruiniert vom Imbissfraß.“ Weil der Chef ihren Anblick nicht länger zumutbar findet, wird sie zu noch würdeloseren Hilfsarbeiten in den Keller verdammt. Verdammte und In-den-Keller-Geschickte sind sie eigentlich alle, die Figuren Heinz Strunks.

Dieser Erzähler, anfangs als Leichtgewicht aus der Comedyszene beargwöhnt, zeichnet Charaktere, die mit ihren Beschränktheiten und Deformationen sonst in der Literatur kaum vorkommen. Das war schon so in seinem Debütroman „Fleisch ist mein Gemüse“, der kenntnisreich von einem über die norddeutsche Tiefebene ziehenden Partymusiker handelte. Erst recht sein auch von der Kritik gefeierter Roman „Der goldene Handschuh“ erweist sich als gnadenlose Ausleuchtung existentieller Kaputtheit und Verzweiflung, am Beispiel des Frauenmörders Fritz Honka. Es ist ein aus den Gerichtsakten gearbeiteter Extremfall, der aber doch für eine allgemeine Misere steht, die Strunk nun in 50 Geschichten und Kurzprosastücken weiter erkundet.

Mängelwesen und Scheiternde

„Zu wenig Adrenalin, zu wenig Testosteron“, heißt es in der Titelerzählung über das „Teemännchen“ – zeitgemäßer Bio-Sprech für den Umstand, dass ein Mensch zu wenig Lebensenergie und Entschlusskraft hat. Erzählt wird von einem weichen jungen, bald schon nicht mehr so jungen Mann, der nach seinem Studium vor lauter Lebensangst nicht weiter weiß. Mit einer Bürgschaft seiner Eltern macht er schließlich einen Teeladen auf. Aber er bleibt auf seiner Ware selbst bei stark reduzierten Preisen sitzen. Ein Teegeschäft in dieser Lage und Gegend – völlig aussichtslos. Hätte er ein wenig Instinkt für das Geschäftsleben, kurz: mehr Lebensenergie gehabt, er hätte es wissen können. Aber da fehlt es bei ihm eben. So sind alle Figuren Strunks: Mängelwesen und Scheiternde.

Vor allem die Partnersuche ist ein gefährliches Kollisionsgebiet. Was kann da nicht alles heillos zusammenprallen! Zum Beispiel: Anspruch und Wirklichkeit. In der Geschichte mit dem Titel „Janine“ verabredet sich ein Fortbildungs-Dozent an der Hotelbar mit einer Vierzigjährigen, deren Zauber allerdings restlos zerfällt während des Gesprächs. Während sie zunehmend alkoholisiert redet, schielt der Mann, auch kein Jüngling mehr, hinüber zu einer frischen Blondine, mit der er sich allerhand vorstellen könnte.

Als er es endlich geschafft hat, die enttäuschte Janine loszuwerden, geht er mit zusammengekratztem Mut und einem Blick, der unwiderstehlich sein will, hinüber zu der Blonden. Aber bevor er etwas sagen kann, erhält er nun selbst eine Abfuhr, die ihn völlig sprachlos macht. „Bitte nicht!“, sagt die junge Frau nur und reduziert seine Kontaktanbahnung auf ein lästiges Verhaltensmuster. Als Mensch gesprungen, als Molch gelandet. Und damit ist die Erniedrigung in dieser Nacht noch nicht zu Ende. Unerfüllter Lebenshunger und die Qualen des unbefriedigten Geschlechtstriebs machen Strunks Figuren zu schaffen. Es ist nicht genug für alle da – so der an Michel Houellebecq erinnernde sozialdarwinistische Befund.

Die große Vergeblichkeit

Unter den vielen Verlierern und Verwelkenden in diesen Geschichten ragt einer heraus: ein Prominenter, ein Superstar, ein Musik-Millionär. Es ist der Guns N’Roses-Sänger Axl Rose, der nach einem umjubelten Konzert in Hamburg ausnahmsweise nicht in seine Hotelsuite zurückkehrt, sondern trotz Beinschiene in einer Reeperbahn-Kneipe einkehrt, die Nähe der Menschen sucht. Das bekommt ihm schlecht.

Nachdem sich das Gefühl der Sensation gelegt hat, kippt die Stimmung in „Rosis Bar“. Der „Weltstar“ wird bedrängt und verhöhnt; es zeigt sich, dass auch und gerade wer oben ist, tief fallen kann. Mit Arthur Schopenhauer gesagt: „Zuletzt läuft jeder entmastet in den Hafen ein.“

Dieser Erzählband bietet eine einzige „Kette der Demütigungen“, um auch den von Heinz Strunk verehrten Botho Strauß zu zitieren, dessen Vorbild gelegentlich durchschimmert: sowohl im prinzipiellen Gestus, mehr oder weniger adipöse Paare und vom Pech gezeichnete Passanten an öffentlichen Orten wie Raststätten, Hotelbars, Bahnhöfen oder Stränden ins Visier zu nehmen, wie auch bei den speziellen Wendungen einiger Geschichten ins Surreale – wenn etwa ein Geschäftsreisender von seinem Hotelzimmer verschluckt wird.

Heinz Strunk gibt seinen Figuren keine Chance, er exemplifiziert an ihnen ein ums andere Mal die große Vergeblichkeit. Doch seine Figuren erscheinen nicht denunziert. An ihnen vollzieht sich nur eine Gesetzmäßigkeit des Lebens. Der Blick ist erbarmungslos, und doch sind diese Geschichten auch von einer grimmigen Einfühlsamkeit geprägt. Aus der Verbindung von bitterem Ernst und böser Komik ergibt sich die literarische Sprengkraft, die Strunks bessere Werke haben. Dieser Band gehört dazu.

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