Helene Fischer im Berliner Olympiastadion : Spürst du das?

Konfetti, Raketen und Planschen gehen: Schlagerstar Helene Fischer feiert im Berliner Olympiastadion Kindergeburtstag und Silvester in einem.

Sie hat sie alle. Helene Fischer am Sonntagabend im Olympiastadion in Siegerpose mit Klunker-Bra.
Sie hat sie alle. Helene Fischer am Sonntagabend im Olympiastadion in Siegerpose mit Klunker-Bra.Foto: Britta Pedersen/dpa

Hey, Helene, du heiße Westernbraut! Lange genug hat es ja gedauert, bis Deutschlands Schlagerpopdiva Nummer eins nach ihren fünf wegen Krankheit ausgefallenen Konzerten im Februar Berlin endlich mit ihrer livehaftigen Anwesenheit beehrt. Aber als sie im letzten Drittel ihrer knapp zweieinhalbstündigen Show in einem roten Fransenfummel auf einem Riesenherz reitet wie beim Rodeo, wissen die 55 000 Frauen, Männer und Kinder im Olympiastadion: Das lange Warten auf Frau Fischer aus Krasnojarsk hat sich gelohnt. Von den verschnupften Reaktionen der Fans, die sich im Winter über die jeweils kurzfristig erfolgten Konzertabsagen geärgert hatten, ist an diesem perfekten Sommerabend im ausnahmsweise bestuhlten Innenraum des Stadions jedenfalls nichts mehr zu spüren. Stattdessen: rote Pappherzen, Helene-Fischer-T-Shirts und Prosecco-Laune allüberall.
Statt der Artisten des Cirque du Soleil, die Helene Fischer in Berlin erst im Herbst (4. bis 9. September) bei den Ersatzterminen für die ausgefallenen Konzerte der Arena-Tour dabeihat, wird sie auf ihrer ersten Stadiontour seit „Farbenspiel“ vor drei Jahren ganz schlicht von Tänzern, Backgroundsängern und einer Band begleitet. Wobei „schlicht“ beim bunten Abend à la Fischer eine arge Untertreibung ist. Die Show zum letztjährigen Kirmes-Popschlager-Album „Helene Fischer“ bietet jede Menge Remmidemmi, ist polonäseträchtige Silvesterparty und niedlicher Kindergeburtstag in einem.

Spürst du das? Jawoll!

Los geht’s wie beim indischen Holi-Fest mit vielfarbigen Rauchsäulen, die hinter der Bühne aufsteigen. Dem Gequalme folgt ein im Stil von James-Bond- Titelsequenzen produziertes Intro, das die aus einem großen H und zwei flankierenden Projektionswänden bestehende LED-Phalanx erst in tiefes Rot taucht und dann mit lasziven Fischer-Silhouetten verziert. Dazu flüstert ihre Stimme aus dem Off eine aus dem Song „Achterbahn“ entliehene Textzeile, die sich als Reprise durch den ganzen Abend zieht: „Spürst du das?“ Jawoll! Wer sollte es auch nicht spüren, wenn Raketen böllern, Konfetti im Nacken kitzelt und unter Schwefelgeruch zum Glück nicht der Leibhaftige, sondern die vor zehn Jahren mit dem Album „Zaubermond“ zur Erfolgssängerin avancierte Blondine aus dem Bühnenboden fährt.
„Flieger“, „Phänomen“, „Fehlerfrei“ – das textsichere Publikum steigt flüssig in die Auftaktnummern ein. Nur mit dem berüchtigten Durchklatschen will es nicht so ganz klappen. Die Leute sind viel zu beschäftigt, mittels hochgereckter Arme ihre Heimvideos zu drehen. „Hallo, Berlin“, ruft die nie um eine originelle Wendung verlegene Helene Fischer und verspricht: „Ihr Lieben, heute soll euer Sommermärchen wahr werden.“
Die Künstlerin hat sich zur Feier des Tages sogar die alten Jeans abgeschnitten und kombiniert die Hotpants mit einem durch Klunker und Fransen aufgerüsteten Büstenhalter, der später durch Glitzerkleider, Glitzeranzüge, schwarzes Leder und roten Lack ersetzt wird. Nicht lange, und das Muster ist bekannt. Jeder Einspieler, in dem Helene Fischer mit sexy Augenaufschlag, feuchten Lippen, flatternden Haaren und biegsamem Körper posiert, kündigt einen Kostümwechsel der Bühnencrew an. Und Konfetti, Raketen, Ballons und Pyrotechnik gehen den ganzen Abend nicht aus.

Auf dem Helene-Mobil geht's durchs Stadion

Dass die 33 Jahre alte Sängerin mit den zehn Millionen verkauften Tonträgern weiß, was sie der Liebe ihres Publikums schuldet, ist gleich beim ersten Bierzelt-Medley aus „Feuerwerk“, „Mitten im Paradies“ und „Hundert Prozent“ zu erleben. Da steht sie oben auf dem Helene- Mobil und fährt fröhlich winkend durchs Stadionrund. Klar, dass es auch einen Laufsteg und eine Mittelbühne gibt. Dort zelebriert Fischer in der Konzerthalbzeit zusammen mit Ben Zucker – dem Achim-Reichel-Verschnitt, der das Vorprogramm bestritten hat – ihre Coverversion der Westernhagen-Ballade „Freiheit“ als Romantik-Duett. Die Nummer und drei weitere Balladen sind die einzige Unterbrechung der sonst strikt auf Schlagerstampfrhythmus gepolten Party. Ihre Ankündigung, „voll auf die Zwölf“ gehen zu wollen, hält Fischer allerdings nicht mal im 90er-Disco-Block durch, der mit deutlich zu langsam angesetzten Versionen von „Rhythm Is A Dancer“, „What Is Love?“ und „I Like To Move It“ viel zu wenig knallt.
Überhaupt: Wer hat eigentlich das Gerücht in die Welt gesetzt, dass Helene- Fischer-Konzerte eher Pop und Rock als Schlager seien? Totaler Quatsch. Natürlich plündert der stimmstarke verhinderte Musicalstar in seiner hochprofessionellen, komplett auf sie ausgerichteten Show populäre Musikstile, und die Band verfügt sogar über eine funky Bläsersektion. Und doch ist dies eine jeder musikalischen Grenzverletzung abholde Schlagershow und nichts anderes. Heißt, die Nummern vereinen eingängige, schlichte Melodien mit trivialen, oft sentimentalen Texten. Ein komplett überraschungsfreier und strunzharmloser Bauplan, der besonders im Fall der derzeit in keinem Fischer-Konzert fehlenden Hits „Atemlos durch die Nacht“, „Herzbeben“ und „Achterbahn“ ganz prächtig aufgeht und beim Drei-Generationen-Publikum jubelnde Begeisterung auslöst.
Mit „Achterbahn“ steuert der Abend pünktlich um 23 Uhr auf sein erst krachendes und dann platschendes Finale zu, in dem die vor lauter Dankbarkeit und der engagiert absolvierten rhythmischen Sportgymnastik fast zerfließende Chefin im roten Lackröckchen mitsamt der Crew in einem flachen Wasserbecken baden geht. Eine Wet-Shirt-Einlage, die so wenig jugendgefährdend ist wie die ganze perfekt durchgeturnte Show. So rosig und frisch gewaschen lieben die von Publikumskameras inklusive knutschender schwuler Pärchen weidlich in Szene gesetzten Menschen sie – ihre blitzsaubere Helene.

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