Helmut Käutner-Retrospektive : Unter dem Kies liegt die Schuld

In allen Genres zuhause: Das Berliner Zeughaus-Kino widmet dem Regievirtuosen und Querläufer Helmut Käutner eine umfangreiche Retrospektive.

Curd Jürgens (rechts) spielte 1955 die Hauptrolle in „Des Teufels General“.
Curd Jürgens (rechts) spielte 1955 die Hauptrolle in „Des Teufels General“.Foto: DHM

Die Adenauer-Ära waren bleierne Jahre, geistig hatte die junge Bundesrepublik nach der NS-Zeit die Wende verpasst. In Helmut Käutners Noir-Heimatfilm „Schwarzer Kies“ von 1961 liegt die deutsche Schuld buchstäblich verschütt unter dem titelgebenden Schotter, den die Deutschen im Auftrag der Amerikaner aus einem Tagebau im Hunsrück abtransportieren.

Der Schwarzmarkt blüht in dem Kaff Sohnen, seit das US-Militär dort einen Stützpunkt errichtet hat. Die Düsenjets, die über die deutsche Kulturlandschaft donnern, bilden der Soundtrack der ausklingenden Adenauer-Ära. Nachts treffen Dorfbewohner und Amerikaner im „Atlantic“ aufeinander, das Verhältnis ist von gegenseitiger Abneigung geprägt. Wenn es zu später Stunde hoch her geht, wird der Gastwirt, dessen KZ-Tätowierung sich auf seinem Unterarm abzeichnet, schon mal als „Saujude“ beschimpft.

Käutners „Schwarzer Kies“, der im vergangenen Jahr restauriert wurde, gehört zu den Höhepunkten der Retrospektive „Querläufer“, die das Zeughauskino dem 1908 in Düsseldorf geborenen Filmemacher widmet. „Muss Helmut Käutner wiederentdeckt werden oder reicht der einstige Ruf als erfolgreicher Regisseur bis in die Gegenwart?“, fragten schon 2008 Claudia Mehlinger und René Ruppert in dem Band „Film-Konzepte: Helmut Käutner“.

Als einer der populärsten Ufa-Regisseure stand Käutner unter Verdacht

Zehn Jahre später fällt die Antwort schon leichter, auch dank der umfassenden Retrospektive zum „Adenauer-Kino“, die Olaf Möller 2016 für das Festival Locarno kuratierte. Käutner war einer von Möllers Kronzeugen für die Vitalität, Brüchigkeit und kritische Melancholie des deutschen Films in den Nachkriegsjahren. 1962 hatten die Regisseure des Neuen Deutschen Films mit dem „Oberhausener Manifest“ das Ende von „Papas Kino“ erklärt. Auch Käutner stand als einer der populärsten Ufa-Regisseure unter Generalverdacht: ein Vertreter der Kontinuitäten, obwohl er stets Distanz zur Filmpolitik der Nationalsozialisten gehalten hatte.

Der Zentralrat der Juden kritisierte „Schwarzer Kies“ seinerzeit als antisemitisch, dabei zeigt Käutner bloß den Antisemitismus, den die alten Seilschaften in die Bundesrepublik hinübergerettet hatten. Danach war Käutner erledigt, sein letzter Publikumserfolg mit den „Lausbubengeschichten“ (1964) erwies sich als unfreiwillig zukunftsweisend: Er lieferte die Blaupause für die Heintje- und „Pauker“-Filme der kommenden Dekade.

Seine Frauenfiguren waren modern und selbstbewusst

Es war das unwürdige Ende einer der idiosynkratischsten Karrieren im deutschen Kino. Käutner war kein Autorenfilmer, sondern ein virtuoser Handwerker, der sich in allen Genres zu Hause fühlte. Selbst dem Liebesfilm konnte er jede erdenkliche Koloration abgewinnen: dunkel-melancholisch im neorealistischen Meisterstück „Unter den Brücken“ von 1944/45, bittersüß-sentimental im St.-Pauli-Film „Große Freiheit Nr. 7“ (1944), dem schönsten Agfacolor-Film der Ufa, oder voll flirrend-leichter Romantik in „Zürcher Verlobung“ (1957) mit Lilo Pulver als junge Autorin, die sich burschikos, schäkernd und wortgewandt in der deutschen Filmbranche behauptet.

Überhaupt, Käutners Frauen. Sie waren ihrer Zeit weit voraus, in ihren Gesichtern leuchtete bereits der Geist des Aufbruchs, der sich im Kino dann doch nie erfüllte. Ihre Sprache war klar und schnörkellos, frappierend modern. Etwa Ingmar Zeisberg in „Schwarzer Kies“, wenn sie mit existenzieller Verzweiflung ihren Geliebten anschreit, dass sie dieses Gefühl der Sicherheit nicht mehr ertrage. Hätte man der Behaglichkeit des Wirtschaftswunders eine deutlichere Abfuhr erteilen können? Oder Ilse Werner, die sich in „Große Freiheit Nr. 7“ unbeirrt ihren Weg zwischen männlichen Verehrern bahnt. Am Ende entscheidet sie sich für den Schöngeist, nicht für den Seebären (Hans Albers). Auch das Männerbild in den Filmen Käutners ist eine Absage an das NS-Ideal des deutschen Helden.

Er war nie eminent politisch, aber auch kein Opportunist

Und dann Ruth Leuwerik, deren Karriere Käutner mit dem von der Kritik geschmähten „Die Rote“ 1962 ein jähes Ende bereitete. Alfred Andersch, der die Romanvorlage geschrieben hatte, distanzierte sich vom Film und von Käutner, obwohl sie zusammen das Drehbuch geschrieben hatten. „Die Rote“ ist sichtlich von Antonioni beeinflusst, Leuwerik wandelt wie eine Widergängerin Monica Vittis durch ein gespenstisches Venedig, in dem sich die Geister der Nazis (ein grandios schmieriger Gert Fröbe) eingenistet haben. „Die Rote“ hat sich schadlos neben den Filmen der „Oberhausener“ – wie Ferdinand Khittls „Die Parallelstraße“, „Der sanfte Lauf“ von Haro Senft und natürlich Alexander Kluges „Abschied von gestern“ – gehalten. Dennoch wurde Käutner kalt abserviert, erholt hat sich sein Ruf davon nicht mehr.

Käutner war nie ein eminent politischer Filmemacher, aber auch kein Opportunist, der sich nach dem Krieg groß verbiegen musste. Das ist wohl die einzige Kontinuität in der Karriere des 1980 gestorbenen Regisseurs. Dass er dem falschen Frieden der Bundesrepublik nicht traute, hat ihm keine Freunde beschert, weder links noch rechts. Aber es war Voraussetzung für das interessanteste Œuvre des populären deutschen Kinos. Hoffentlich ist „Querläufer“ nur der Auftakt für weitere Tiefenbohrungen im Treibsand des deutschen Nachkriegsfilms. Eine Revision des Gesamtwerks von Frank Wisbar oder František Cáp ist dringend überfällig.

Zeughaus-Kino, Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, bis 30. Juni.

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