Helmut Merker gestorben : Kritik als Schule des Sehens

Zum Tod des langjährigen WDR-Redakteurs und Filmpublizisten Helmut Merker, der stets das Kino abseits des Mainstreams verteidigte.

Merkers letzter Text für den Tagesspiegel handelte vom US-Regisseur John Cassavetes. Hier eine Szene aus "Shadows" von 1957
Merkers letzter Text für den Tagesspiegel handelte vom US-Regisseur John Cassavetes. Hier eine Szene aus "Shadows" von 1957Foto: Stiftung Deutsche Kinamethek

Er hat jetzt eigentlich in Venedig sein wollen, beim Filmfest. Er hätte dann wieder auf seinem Stammplatz gesessen, vorne, nicht zu nah an der Leinwand und unbedingt mittig. Aber er ist nicht da, um seine fünf, sechs Filme am Tag zu gucken, drunter tat er es selten. Helmut Merker, der langjährige WDR-Redakteur und Filmpublizist, ist am Wochenende in Berlin gestorben.

Den Autorenfilm hat er geliebt, das Kino abseits des Mainstreams verteidigt und gefördert hat, über Jahrzehnte. Seit 1975 gehörte Merker zu jener legendären WDR-Redaktion, die noch in den Achtzigern und Neunzigern  mit einem ordentlichen Budget ausgestattet war, um Filme auf den großen Festivals anzukaufen und sie im dritten Programm auszustrahlen. Kino im Fernsehen: Die Truppe um Merker, Wilfried Reichart und Werner Dütsch bewies, dass das geht. Die „Kinozeit“ sicherte die Vielfalt des Kinos, denn die öffentlich-rechtlichen Ankaufsummen unterstützten auch die kleineren Verleiher, verhalfen unabhängigen europäischen Produktionen, amerikanischen Indies, Hollywoodklassikern und Werken aus Japan, Hongkong oder Korea zu mehr Sichtbarkeit.

Er liebte gleichermaßen das asiatische Kino, Musical und Dokumentationen

Das asiatische Kino lag Merker besonders am  Herzen. Und Musicals, Fred Astaire, Gene Kelly. Und der Dokumentarfilm, bei Lanzmanns „Shoah“, Volker Koepp oder Harun Farocki wirkte der WDR auch als Koproduzent.

Im September 2007 ging Merker als letzter der Cineasten-Redakteure in Rente, Eine Ära endete damit, auch wenn es den von Merker verantworteten „Filmtip“ noch heute vereinzelt gibt, jene als Lückenfüller ins Programm geschmuggelte Film-Kurzkritik, deren Autoren nie mit EPKs arbeiteten, den Electronic Press Kits mit konfektionierten Interviews und Filmschnipseln.

Helmut Merker
Helmut MerkerFoto: privat

Über die verstand Helmut Merker trefflich zu schimpfen. Merker, dieser zähe Mann von hagerer Gestalt, war ein Lakoniker, ein Einzelgänger – und doch ein Teamkünstler, der auf Vertrauen setzte, nicht auf Autorität. Nur stur konnte er sein, beim „Filmtip“ bestand er auf die Bereitstellung des gesamten Films als Material. Denn es ging nicht um Wertung oder gar Werbung, sondern um Reflexion. Um Kritik als Schule des Sehens.

Seine Sprache evozierte Bilder

Auch als Autor unter anderem im Tagesspiegel verlor er nie einen Satz zuviel,  ob er nun über asiatische Programme auf der Berlinale schrieb oder über eine Billy-Wilder-Retrospektive. Seine Sprache evozierte die Bilder, präzise, knapp, gerne auf Zeile. Nicht dass er keinen anderen Leidenschaften nachgegangen wäre, allen voran dem Fußball, auch auf Steffi Graf ließ er nichts kommen. Eine WM toppte noch jedes Festival, und wehe, er verpasste ein Bundesligaspiel. Der gebürtige Bielefelder war der größte Arminia-Fan unter der Stadionsonne. Nicht zufällig besaß das Logo des „Filmtips“ Ähnlichkeiten mit dem von Arminia Bielefeld.

„Wir wollen keine falschen, polierten, glatten Filme – wir möchten sie rau, unpoliert, aber lebendig. Wir wollen keine Filme in Rosa – wir wollen sie in der Farbe des Bluts.“ Mit diesem Zitat des New-Hollywood-Meisters John Cassavetes begann im Juli sein letzter Text in dieser Zeitung. Einer, der dem Rosa trotzte: Helmut Merker wird fehlen. Er wurde 76 Jahre alt.

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