Henning Ziebritzkis Vogelgedichte : Lyrik von Luftgeschöpfen

Ein Kalendarium sinnlicher Grenzerfahrungen und Überwältigungsmomente: Henning Ziebritzkis dritter Gedichtband „Vogelwerk“.

Vögel beobachten ist Dichtertradition. Hier eine Blaumeise.
Vögel beobachten ist Dichtertradition. Hier eine Blaumeise.Foto: Tom Weller/dpa

Die geduldige Vogelbeobachtung, lange bevor sie zum Birdwatching mutierte, gehört seit je zur Grundausstattung guter Dichter. Bereits in der Antike erkannten die Poeten im Vogelflug ein Zeichen für die brüchige Seinsordnung. Wenn sich die Lyriker unserer Tage mit den Luftgeschöpfen identifizieren und sich etwa als „vogelsteller“ (Thomas Kling) bezeichnen, dann geht es keineswegs um Mimesis der Schöpfung oder gar um eine Reanimation der von der Romantik beschworenen Naturmagie.

Wenn der 1961 geborene Dichter Henning Ziebritzki in seinem dritten Gedichtband nun ein „Vogelwerk“ vorlegt, darf man keine beschauliche Ornithologie erwarten. Sondern im Gegenteil Augenblicke der Verstörung und Beunruhigung, der Aufsprengung der romantischen Verschmelzungssehnsucht zwischen Subjekt und Natur.

Henning Ziebritzki hat denn auch in den 52 Gedichten seines Zyklus „Vogelwerk“ ein Kalendarium sinnlicher Grenzerfahrungen und Überwältigungsmomente geschaffen, wobei in das Porträt der einzelnen Vogelart immer auch ein Selbstporträt des schreibenden Ichs eingezeichnet ist. Die Beobachtungen der Nebelkrähe, des Großen Brachvogels, des Kolkraben oder des Kuckucks, der hier als „Geist der Finsternis“ firmiert, sind immer auch Phantasmagorien und Sehnsuchtsbilder des lyrischen Subjekts, das herausgerissen wird aus seinen Verankerungen.

Hier ist, bei aller akribischen Erkundung der Vogelwelt, kein selbstlos in sich ruhender Beobachter am Werk, der ein Inventar der Vogelpopulationen im Anthropozän anlegt, sondern ein nervöses Ich, das auf der Lauer liegt wie die von ihm beobachteten Geschöpfe.

Affektiv statt kontemplativ

Bereits im Eröffnungsgedicht „Amsel“ korrespondieren die mechanischen Bewegungen des „aufgezogenen Körperchens“ mit der Ekstaseerwartung des Vogelbeobachters: „Starrt und wühlt/ sich wieder in das Eisgestrüpp, zögert, als sei sie überrascht/ von einem Fund, dann außer sich, in Gier und Ziel/ verbohrt.“ Der hier „außer sich“ gerät und sich „verbohrt“, ist der Schauende selbst, der auf seinen Erkundungsgängen immer neue Ausnahmezustände erlebt.

Das beobachtende Ich verstrickt sich in eine affektive Dynamik, die weit weg führt von jeder kontemplativen Haltung. So auch im Gedicht über die Rabenkrähe: „Sie zieht/ und hackt, zerfetzt die feste Hülle, pickt heraus, was/ Fleisch ist, das einst lebte, brannte und jetzt fault, reißt sich/ ein Stück, fängt es in der Kehle auf. Stößt dich ab, suchst weiter, / wovon ich nicht genug bekommen kann.“ Auf solche Fantasien der Destruktion können dann wieder unerwartet Epiphanien der Beglückung folgen.

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