Herbie Hancock wird 80 : Im offenen Gelände

Meister der funkigen Entspanntheit und janusköpfiger Virtuose: eine Verbeugung vor dem großen Jazzpianisten Herbie Hancock.

Herbie Hancock mit zwei Grammys.
Herbie Hancock mit zwei Grammys.Foto: Paul Buck/dpa

Er war immer Herbie und Hancock. Herbie stand für den Groove, den Saft und den Spaß, Hancock für den feinsinnigen Virtuosen. Um diese Janusköpfigkeit zu erkennen, die in Herbie Hancock bis heute selten glücklich zusammenfindet, brauchte es nicht erst die siebziger Jahre, als er das Klavier scheinbar endgültig in die Ecke verbannte und sich zwischen Synthesizern und Fender Rhodes in Keyboard-Gebirgen niederließ.

Das Doppelgesichtige steckte schon in den Aufnahmen des 22-Jährigen. „Watermelon Man“, das Eröffnungsstück seines Debütalbums „Takin’ Off“ (1962), ist in allen akustischen und elektrischen Variationen eine seiner Erkennungsmelodien geblieben. Eine gospelselige Nummer, die aus dem Jazz längst ausgewandert und über Samples von Madonna bis zu J Dilla in Pop und Hip-Hop eingewandert ist.

In Verbindung mit seinen übrigen, am Hardbop der Zeit angelehnten Kompositionen und der wie auf den sanften Schwingen von Bill Evans einschwebenden Ballade „Alone and I“ präsentierte sich ein Talent von staunenswerter Breite.

Ein Jahr später wehte ein deutlich schrofferer Wind. Miles Davis hatte Herbie Hancock als Pianisten verpflichtet. Die Kommunikationsdichte dieses zweiten Quintetts des Trompeters mit Wayne Shorter am Saxofon, Ron Carter am Bass und Tony Williams am Schlagzeug ist unerreicht geblieben.

Lebenslange Freundschaft zu Wayne Shorter

Der Abstraktionsgrad dieser Musik, wie man sie auf „E.S.P.“, der ersten Studioaufnahme von 1965 hören kann, ist gestiegen: Wer hier über Themen zwischen Freebop und modalem Jazz improvisieren will, kann sich nicht mehr auf das Material verlassen, das ihm wie im klassischen Jazz Melodie und Funktionsharmonik an die Hand geben. Der Solist muss sich in diesem offenen Gelände bewähren, indem er über verschiedensten Skalen sein eigenes Vokabular entwickelt.

Neben dem kürzlich verstorbenen McCoy Tyner, der im Quartett von John Coltrane das modale Klavierspiel vorantrieb, war es vor allem Herbie Hancock, der es zur Meisterschaft führte.

Was heute das kleine Einmaleins jedes Jazzstudenten ist, war damals revolutionär. Und es war nicht nur das Feuer der rechten Hand, das Herbie Hancock legte, es waren auch die harmonischen Leerstellen, die er mit der Linken ließ. Außerhalb jeder Epoche aber steht die innere Verbindung, die er mit Wayne Shorter aufbaute.

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Man hört sie auf Shorters „Speak No Evil“ (1964), einem der besten Miles-Alben ohne Miles. Es wurde eine Freundschaft fürs Leben, die sich durch die gemeinsame Begeisterung für Sokai Gokkai, eine aus Japan stammende Bewegung des Nichiren-Buddhismus, noch intensivierte. 

Drei Jahrzehnte später, Shorter hatte das Tenor- weitgehend gegen das Sopransaxofon eingetauscht, konnte man auf dem Duoalbum „1+1“ (1997) hören, mit welcher traumwandlerischen Sicherheit sie diese pflegten.

Der Herbie Hancock der Mittsechziger ist wohl der beste, den es je gab: ein gegen alle falschen Routinen gefeiter Mann, der sich selbst noch überraschen konnte. Der einflussreichste jedoch ist derjenige der Siebziger. Keyboard-Stars wie Robert Glasper, auf dessen jüngstem Album „Fuck Yo Feelings“ er mitspielt, sind ohne ihn undenkbar.

Tanzbare Art der Fusion Music

Mit Bestseller-LPs wie „Headhunters“, „Sextant“ oder „Thrust“ begründete er eine unverwechselbare Art einer tanzbaren, ganz in einen Kollektivsound eingetauchte Fusion Music.

Sie unterschied sich sowohl von der elektrischen Aggressivität, die Miles Davis zu jener Zeit pflegte, wie von den weitläufigen Klanglandschaften, die Wayne Shorter und Joe Zawinul mit Weather Report schufen. Ihre funkige Entspanntheit trennte sie auch vom Lichtgeschwindigkeits-Jazzrock, den Chick Corea mit seiner Band Return to Forever prägte.

Wenn Herbie Hancock heute eine lebende Legende ist, dann auch, weil er sich frühzeitig als Mittler zwischen den Generationen und Welten betätigte. Auf Tribute-Alben an George Gershwin, John Lennon und Joni Mitchell bot er mit viel musikalischer Prominenz seinen ganze Arrangierkunst auf. 

Mit aller Neugier, die er aufbringen konnte, hob er die Grenzen zum Pop auf, ohne den Jazz zu verraten, wie er es zeitweise mit Disco-Alben wie „Monster“ tat. An diesem Ostersonntag wird der unermüdliche, noch lange nicht zu den Alten gehörende Herbert Jeffrey Hancock 80 Jahre alt.

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