Kultur : Herrn Giuttaris Gespür für Mord

In den 70ern begann das „Monster von Florenz“ zu töten. Heute schließt der Kommissar den Fall ab. Aber ist er auch aufgeklärt?

Christine-Felice Röhrs[Florenz]

Am 10. September 1983 unterläuft dem Mörder ein Fehler. Es ist eine dunkle Neumondnacht; er mag die dunklen Neumondnächte. Die beiden Deutschen campieren in einem VW-Bus auf einem einsamen, von Ginster umgebenen Platz in den Hügeln der Toskana. Horst Meyer liegt bäuchlings im Wagen, im Schlafsack, Uwe Rusch auf dem Rücken, ein Buch vor dem Gesicht. Sie hören Radio; als man sie später findet, läuft es noch. Sieben Mal schießt der Mörder durch die Scheiben. Dann öffnet er die Schiebetür und entdeckt, dass das eine Opfer, dessen Gesicht er nicht hatte sehen können, Uwe Rusch, der die blonden Haare lang trägt, kein Mädchen ist.

Keine Verstümmelungen, dieses Mal.

Der Commissario kann auch 23 Jahre später noch zeigen, wo der VW-Bus stand, der Ginster wuchert wie damals. Wind geht über die Hügel, es nieselt und dunkelt schnell, aber der Commissario hat eine Taschenlampe dabei. Der Kegel zuckt über die Lichtung und hext den Zweigen monströse Schatten an. Der Fall war schon kalt, als er ihn 1995 übernommen hat, eiskalt, zwölf Jahre alt. Aber abgeschlossen hat er bis heute nicht damit. Immer noch wird ermittelt, gegen 22 Personen. Und ob das „Monster“, wie man den Mörder bald nannte, wirklich unter den drei Männern war, die bereits verurteilt wurden, das bezweifelt er. Er schwenkt die Lampe, dass die Schatten auf ihn zuspringen. „Irgendjemand hat sie alle überlebt.“

Der Mythos vom „Monster von Florenz“ ist bis heute lebendig. Am Tag zuvor war der Commissario zu Gast bei einer Talksendung im italienischen Ersten, beste Sendezeit, im Hintergrund hatten die Regisseure eine schaurige Figur eingeblendet, verlegenheitshalber mit Maske, wie das Phantom der Oper. Da saß also Michele Giuttari, 57, im eleganten blauen Anzug, einmal ohne Zigarre im Mundwinkel, das etwas zu lange Haar über die breite Stirn nach hinten frisiert, und beantwortete Fragen nach seinem eiskalten, heißen Fall. Er kehrt gern in die Vergangenheit zurück. Sie hat ihm Ruhm gebracht. Bevor sie ihm die Karriere versaut hat.

Die Atmosphäre in der ruhigen, ländlichen Toskana verändert sich Ende 1981 dramatisch. Die Menschen haben Angst. Ein Pärchenmörder ist unterwegs, und die Polizei ist hilflos. Die ersten Opfer waren schon 1974 entdeckt worden, aber nun machte einer eine Serie draus.

Die ersten Opfer waren Stefania Pettini, 18, aus Borgo San Lorenzo, und Pasquale Gentilcore, 19, aus Pontassieve. Ihre Leichen waren auf einer ungeteerten Straße 31 Kilometer nordöstlich von Florenz gefunden worden. Das linke Seitenfenster ihres Wagens war zertrümmert, Pasquale lehnte blutüberströmt auf dem Fahrersitz, Stefania lag nackt auf dem Boden, in ihrer Vagina steckte ein Rebschößling. Die Körper waren durchlöchert von Kugeln aus einer Beretta Long Rifle Kaliber 22. Stefanias Körper wies außerdem 96 Messerstiche auf, fast ausschließlich um Scham und Brüste.

7. Juni 1981. Die nächsten Opfer. Carmela de Nuccio und Giovanni Foggi. Der Mörder schneidet Carmelas Scham heraus, „mit einem sehr scharfen Gegenstand und nahezu perfekt“. Wieder Schusswunden, dieselbe Beretta.

22. Oktober 1981. Susanna Cambi und Stefano Baldi. Wieder Beretta-Wunden. Und: zwei lange dunkelbraune Haare in Susannas Hand. Seltsamerweise verschwinden sie später aus der Asservatenkammer, genauso wie ein pyramidenförmiger lackierter Stein, der Giuttari Jahre darauf auf eine neue Spur führen wird.

Fünf weitere Doppelmorde folgen in und um Florenz, der letzte am 9. September 1985. 16 Tote insgesamt. Aber die „Squadra Anti Mostro“, die Anti-Monster-Soko, kommt kaum voran.

Michele Giuttari macht die Taschenlampe aus und stapft zum Auto zurück. „Die Gutachten“, doziert er, „sind damals zu dem Schluss gekommen, dass der Verbrecher Eigenschaften des Lustmörders aufwies, wie er vor allem in der angelsächsischen Welt und in Deutschland vorkommt.“ Für Italien ist das damals neu, sagt Giuttari. Lustmorde. Es gibt auch bei Mördern Mentalitätsunterschiede.

Giuttari fährt in die Trattoria „Latini“. Er nimmt gerne Gäste mit her. In der Vitrine neben dem Eingang stehen seine Bücher. Es sind die Krimis, die er schrieb, während er zwei Jahre lang gegen seinen eigenen Arbeitgeber, gegen das italienische Innenministerium, klagte, um am Monster weiterarbeiten zu dürfen. Man hatte ihn versetzen wollen. Man hatte den Fall abschließen wollen. Aber für Giuttari kam das nicht in Frage. Neben den Krimis stehen Exemplare des Sachbuchs über die Ermittlungen, das dieser Tage bei Ehrenwirth auch in Deutschland erscheint. Akribisch hat Michele Giuttari darin alle seine Schritte, die Opferprofile, Tathergänge, Waffen und Schauplätze, jede Überlegung, jede Zeugenvernehmung protokolliert – ein langatmiger, aber gerade wegen der Detailtreue aufschlussreicher Einblick in die Anatomie von Mordermittlungen. Der Wirt wirft die Arme in die Luft. Herr Giuttari! Er lächelt breit. Für viele in Italien ist Michele Giuttari immer noch ein Held. Ein aufrechter Polizist, sagen sie. Vielleicht auch, weil er das oft und gern über sich selber schreibt.

Michele Giuttari wurde 1995 Chef der Squadra Mobile, der Kripo-Ermittlertruppe von Florenz. Zuvor war er leitender Fahnder bei der Anti-Mafia-Behörde. Er habe geholfen, die Mörder der Richter Falcone und Borsellino zur Strecke zu bringen, „da durften nur Leute mit besonderen Fähigkeiten mitmachen“, sagt er zufrieden; mit den Belobigungen hat er daheim den Flur tapeziert. Der Wirt bringt Bohnensuppe, Giuttari beginnt zu löffeln. Als er damals den Posten in Florenz antrat, ahnte er nicht, dass in den folgenden Jahren seine Autoreifen aufgeschlitzt, dass die Bremsen manipuliert werden sollten, dass sich seine Frau abends nicht mehr allein aus dem Haus trauen würde, bis auf den heutigen Tag.

Michele Giuttari trat die Stelle ein Jahr, nachdem man einen Mann namens Pietro Pacciani als das Monster verurteilt hatte, an. Der entscheidende Hinweis zu dessen Ergreifung war ein anonymer Brief gewesen: „Würden Sie bitte so schnell wie möglich unseren Mitbürger Pietro Pacciani verhören, geboren in Vicchio, wohnhaft Piazza del Popolo. Dieses Individuum ist in tausend Dingen bewandert. Seine Grobschlächtigkeit täuscht über seine Schläue hinweg. Er ist ein hervorragender Schütze.“

Die Behörden kannten Pacciani schon. Mit 26 hatte er einen Mann getötet, der seine Freundin zum Sex aufgefordert hatte. Gleich neben der Leiche schlief er dann mit ihr. Ein fast tierhafter Mann, ungebildet, gedrungen, der seine Töchter misshandelte. Nun fand man bei Durchsuchungen das Foto einer Frau, deren Scham mit Kuli eingekreist war. Eine Patronenhülse, die zu denen an den Tatorten passte, auch schwarzmagische Rezepturen mit Namen wie „Todeszauber“.

Pacciani kam vor Gericht, und ganz Italien schaute zu.

156 Zeugen wurden verhört, darunter der Postbote Mario Vanni, genannt „torsolo“, Tollpatsch, Kumpan des Pietro Pacciani bei erotischen Touren. Was diesen Fall bis heute so interessant macht, ist, dass das katholische Italien, dass die idyllische Toskana mit diesem Fall, so erzählen es noch heute viele Italiener, zum ersten Mal an sich eine bisher verborgene dunkle Seite entdeckt hat. Die, in der nicht die üblichen Verdächtigen sich schuldig machten – Rote Brigaden, Mafiosi, Terroristen –, sondern der Mensch von nebenan, der Postbote, der Apotheker, die Nonne. Ein mittelalterliches Italien schien auf und überlagerte die Moderne mit Macht, eine verworfene Welt zwischen Vergewaltigung in der Familie und Sexorgien unter Nachbarn.

So groß war die abscheugefärbte Faszination, dass Teile der Verhandlungen sogar auf Leinwände im Fußballstadion übertragen wurden. Paccianis rudimentäre Ausdrucksweise, seine jammernde Anrufung des Jesuskindes, Gesù!, Gesù! – es war eine ganz neue Sprache, die die Florentiner gruselnd nachahmten. Er bekam Fanbriefe. Thomas Harris, Autor von „Das Schweigen der Lämmer“, reiste an, um die Technik des „serial killing“ all’ italiana zu studieren.

Doch ein Jahr später, beim Berufungsverfahren, wird Pacciani überraschend freigesprochen. Die Einzeltätertheorie hat den Richter nicht überzeugt. Und Michele Giuttari, der gerade die Squadra Mobile übernommen hat, wühlt sich in die Unterlagen. „Mein Herr Giuttari hat ein Gefühl für Mord“, sagt seine Frau in der Trattoria und legt stolz die Hand auf seine neben der Suppe. Er schaut sie nicht einmal an, ihrer Anerkennung ist er sich sicher. Es ist eine andere, die er will.

Michele Giuttari kommt damals ebenfalls, wie der Richter, zu dem Schluss, dass die Tathergänge nicht nachvollziehbar sind, wäre nur ein Täter beteiligt gewesen. Chirurgische Maßnahmen wie die an den weiblichen Opfern brauchen Beleuchtung, wer hat die Lampe gehalten? Und wer ist der Mann mit der Schuhgröße 44, dessen Abdrücke man an Tatorten gefunden hatte? Zu wem gehörten die Haare in der Hand der toten Susanna Cambi? Und das Tuch voller Blut der Gruppe B, das weder zu den Opfern noch zu Pacciani passt?

Ist die Person, zu der Blut, Haar und Abdrücke gehören, der wirkliche Kopf hinter den Doppelmorden?

Michele Giuttari ribbelt alle Enden wieder auf. Er lässt jedes einzelne Auto ausfindig machen, an das Zeugen sich in der Nähe der Tatorte erinnerten, er lässt Telefone abhören, und er beschäftigt sich auch wieder mit Vanni, dem Postboten, in dessen Aussagen er Lücken entdeckt. Mordermittlungen sind harte Arbeit. „Dieselben Zeugen werden immer wieder verhört, dieselben Tatorte immer wieder besichtigt, dieselben Dinge immer und immer wieder gesagt, und manchmal kommt ein winziges Detail dazu, das es zu erfassen, zu verstehen gilt“, sagt Michele Giuttari.

Der Commissario füllt die Lücken, zumindest einige. 1997 wird Vanni, der Tollpatsch, als Mittäter verurteilt, auch Giancarlo Lotti, ein weiterer Kumpan. Das Rätsel der Haare in Susanna Cambis Hand ist damit immer noch nicht gelöst. Pietro Pacciani bleibt zunächst in Freiheit, doch 1998 stirbt er – unter seltsamen Umständen. Mitten in der Nacht, Fenster und Türen seines Hauses weit offen, die Hosen heruntergelassen. Giuttari glaubt an Mord. Und vielleicht glauben seine Vorgesetzten langsam, dieser Commissario ist besessen.

Giuttari vermutet nun einen Satanskult als Auftraggeber hinter den drei Männern, die die Morde ausgeführt hatten. Er nimmt die Spur auf zu einem Arzt, Francesco Narducci, der nur Wochen nach dem letzten Doppelmord tot aus dem Trasimenischen See gefischt worden war. Doch als er weiter ermittelt, geschehen merkwürdige Dinge.

Er sagt: Solange sich die Ermittlungen auf Leute aus den unteren Gesellschaftsschichten konzentrierten, lief alles glatt, aber sobald es um den Arzt Narducci ging, wurden die Ermittlungen schwer und schwerer. Wem ist er da auf die Füße getreten? Einem Satanisten mit Verbindungen in höchste Schichten, vielleicht sogar in hohe Polizeikreise? Giuttari fragt sich das heute noch.

Dann, 1998, bestellt ihn das Innenministerium zum ersten Mal ein und kündigt die Versetzung an. Giuttari lehnt ab. Weitere Versuche folgen. Einige kommen einer Degradierung gleich. Giuttari engagiert Anwälte. Er nimmt Urlaub und beginnt, zu schreiben, um nicht „in ein Loch zu fallen“. Fast zwei Jahre lang ruhen die Nachforschungen.

Noch heute ist sein Schreibtisch im Polizeipräsidium fast leer; Michele Giuttari fährt an einem trüben Samstag her, die Flure sind verwaist, die Regale in seinem Büro ohne Akten. Der Commissario arbeitet nur noch am Monster und offiziell auch nicht mehr für die Florentiner Polizei; ein Außenseiter im eigenen Präsidium. Seit April 2003 ist er der Staatsanwaltschaft Perugia beigestellt, denn auch dorthin haben die Spuren von Florenz aus geführt. Zurzeit versuche er, letzte Fäden zu verknüpfen, sagt er vage. Man wird den Eindruck nicht los, dieser Fall ist zum Abstellgleis geworden und das Bücherschreiben ein Mittel, an seine Erfolge zu erinnern. Die verletzte Eitelkeit zu heilen. Im Buch schreibt er gegen Ende, „ich bin verbittert und enttäuscht, aber entschlossen weiterzumachen“. Feinde tauchen plötzlich auf. Journalisten, die ihn in einen „Nebel unsachlicher Kritik“ hüllen. Staatsanwälte, die ihn diskreditieren.

Michele Giuttari kann noch immer scharf werden, wenn man ihn auf das anspricht, was er eine Kampagne nennt. Man kann das auch im Buch nachlesen, und manchmal klingt es wie wuchernde Paranoia. Einen Einbruch in seine Aktenkammer – „das Schloss war nicht beschädigt, ist das nicht seltsam?“ – nimmt er als Bestätigung, dass Leute aus der eigenen Behörde ihn ausspionieren. Giuttari steht auf und führt vier Türen weiter. Er hat sie immer noch dicht bei sich, die Akten. 87 dicke weiße Ordner in Stahlregalen.

„Was ich zu tun hatte, habe ich getan. In aller Gründlichkeit“, sagt Michele Giuttari. „Als Erstes und Wichtigstes“ habe er den Beweis erbracht, dass nicht Pacciani das Monster war. Und dass sie – „SIE“, wie in Großbuchstaben – wirklich existierten, die bis heute „unsichtbaren Drahtzieher“, die bis zum Schluss nicht aufgehört hätten, hinter den Kulissen zu agieren, mit Einschüchterungsversuchen und Behinderungen der Ermittlungen aller Art. Giuttari sagt: „Es ist fast sicher, dass sie weiter getötet haben: mindestens fünf Personen, die in entscheidenden Momenten der Ermittlungen beiseite geräumt wurden.“ Aber finden wird er sie wohl nie.

Michele Giuttari wird in den nächsten Monaten einen neuen Auftrag bekommen, welchen, wisse er nicht, sagt er. Diesmal wehrt er sich nicht, er weiß, dass er verloren hat. Die 22 Leute, gegen die immer noch ermittelt wird – es sind Lappalien. Es geht gegen die Ärztin, die nach dem Tod Narduccis einen falschen Totenschein ausgestellt hat. Gegen einen Polizisten, pensioniert mittlerweile, der Befragungen manipuliert hatte. In diesen Wochen werden die Akten geschlossen, und Michele Giuttari sagt ein wenig trotzig: „Es gab eine Lösung. Auch wenn es keine 100-prozentige war.“ Er habe die Mörder. Nur nicht die Auftraggeber. Die seien da draußen noch, irgendwo.

Fühlt er sich denn heute von ihnen immer noch beobachtet? Ja, sagt er. Der vielsilbige Mann wird wortkarg, und es ist unmöglich zu sagen, ob die Bedrohung, die er heraufbeschwört, ein PR-Trick fürs Buch ist oder echt. „Ja, ich glaube, sie beobachten mich noch immer. Deshalb machen wir jetzt auch besser Schluss.“

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