• Hier bin ich Schwein, hier darf ich's sein: Warum Deutschlands Autofahrer ihr Hirn ausschalten

Mit den Automobilen kamen die Unfälle

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Hier bin ich Schwein, hier darf ich's sein : Warum Deutschlands Autofahrer ihr Hirn ausschalten

Gleich mit den ersten Automobilen kamen auch die Unfälle, die Fahrer waren nicht imstande, ihre Gefährte so zu lenken, dass kein Schaden entstand. Die ersten Tempolimits sprach der Kaiser aus, später verfügten die Nazis Höchstgeschwindigkeiten, die im Westen nach dem Krieg zunächst kassiert wurden. Im Osten nicht. Dann wurde im Westen die Autoindustrie groß und größer und mit ihr die Autonation BRD. Der dicke BMW, der schnelle Mercedes, das ist auch Stolz auf deutsche Ingenieurskunst, auf Wirtschaftsleistung – und eine Zeitlang auch das Überlegenheitsgefühl gegenüber den Trabis und dem sozialistischen Experiment. So umweht das Auto in Deutschland etwas Triumphierendes. Guck mal, ich bin schneller als du. Vielleicht liegt darin bis heute die Nachgiebigkeit, die soziale Toleranz gegenüber Verkehrssündern begründet. Oder würde jemand, der beim Schokoriegelklauen erwischt wird, laut klagen, wenn er den Bußbescheid bekommt, und den Kioskbesitzer einen Wegelagerer nennen?

Fahrradkultur auf Dänisch

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Die Stadtreinigung hat spezielle angeschrägte Mülleimer an den großen Wegen aufgestellt, um die Entsorgung zu erleichtern.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: Mikael Colville-Andersen
16.01.2012 18:00Die Stadtreinigung hat spezielle angeschrägte Mülleimer an den großen Wegen aufgestellt, um die Entsorgung zu erleichtern.

„Ein substanzieller Sicherheitsnutzen könnte erreicht werden, wenn Straßennutzer die geltenden Verkehrsregeln beachteten.“ Der Satz steht in einem Artikel der „Zeitschrift für Verkehrssicherheit“ vom April 2010. Ein Satz mit zwei Konjunktiven. Könnte, aber kann nicht. Das macht die enthaltene Unwahrscheinlichkeit deutlich. 2011 wurden in Deutschland 3900 Menschen bei Autounfällen getötet – das ist erstmals seit langem eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr. In den USA kommen jährlich etwa 12 000 Menschen durch Schusswaffen ums Leben. Die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland bei einem Autounfall zu sterben, ist höher als in den USA durch eine Kugel. Trotzdem haben viele in Deutschland weniger Verständnis für die Waffengesetzgebung der USA als für den heimischen Raser.

Andere Länder, andere Sitten. In Italien wird bei Alkoholfahrten über 1,5 Promille das Fahrzeug konfisziert und versteigert. In Frankreich kann als Strafe für eine Alkoholfahrt ab 0,5 Promille der Führerschein für bis zu sechs Jahre entzogen werden. Danach muss er neu gemacht werden. In den USA wurde ein Mann, der betrunken zwei Studentinnen tot gefahren hat, zu lebenslanger Haft verurteilt. In Japan gibt es für Trunkenheit am Steuer bis zu fünf Jahre Lagerarbeit. Strafen, die keinen Zweifel daran lassen, dass solches Verhalten nicht toleriert wird. Die Strafen in Deutschland sind sanfter. Es gibt eine große Angst vor der Wut der Autofahrer, die immerhin knapp 43 Millionen Pkw angemeldet haben.

Man wolle die Autofahrer nicht gängeln, sie sollen sich nicht überwacht fühlen, sagt der Verkehrspsychologe Wolfgang Schubert. Bußgelder und Flensburgpunkte sollen erziehen, nicht strafen. Deshalb werden Blitzgeräte nicht flächendeckend aufgestellt, so dass wenigstens den Verkehrssündern, die keine Millionäre sind, die Lust am Rasen vergeht.

Blitzgeräte verhindern keine Unfälle, heißt es auch in den Foren zum Thema. Untersuchungen bestätigen das: Lasergeräte erfassen vor allem Berufstätige, weil wochentags zu Arbeitszeiten geblitzt wird. Die jüngeren Raser sind aber meist abends, nachts und an Wochenenden unterwegs. Weil die aber die kleinere Gruppe bilden, ist beim Tagsüberblitzen mehr zu verdienen. Die Kommunen, die die Blitzgeräte aufstellen, sind deshalb angreifbar. Auch im Doppelhaushalt 2012/2013 des Landes Berlin finden sich wieder 100 Millionen Euro Blitzerbußgelder. Fest eingeplant. Als Gegenleistung muss in Deutschland niemand Angst um seinen Führerschein haben. Man bekommt ihn immer nur auf Zeit entzogen, und noch der notorischste Verkehrsrowdy kann sich über medizinisch-psychologische Begutachtungsrunden zurück auf die Straße bugsieren.

Man kennt das Prinzip aus der Schule: Besondere Angebote werden denen gemacht, die negativ auffallen, statt dass man die Erfolgreichen belohnt. Aber anders als in der Schule, wo der schlechte Schüler oft nichts für seine Defizite kann und zu recht gefördert wird, ist der Autofahrer für seine Fehler selbst verantwortlich. Zudem gefährdet er andere, auch wenn er meint, alles im Griff zu haben. Ein Irrtum, der keine Opfer wert ist. Und der Konsequenzen haben muss, die so schnell nicht vergessen werden.

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