„Alle Anmut und Freude des Universums“

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Highlights für das Humboldt Forum : Vishnu, der Erlöser
Martina Stoye Christina Franzisket Rajvinder Singh
Die rechte Hand vor der Brust hält er wie zum Gruß: "Fürchte dich nicht. Ich beschütze dich."
Die rechte Hand vor der Brust hält er wie zum Gruß: "Fürchte dich nicht. Ich beschütze dich."Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst/Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, digitale Reproduktion: Jester Blank GbR

Rajvinder Singh

Der Autor ist deutsch-indischer Schriftsteller und Synchronsprecher. Er lebt in Berlin.

Wenn ein Querdenker wie ich in einem multireligiösen Land wie Indien aufwächst, begreift er früh, dass alle Glaubensphilosophien, die uns Menschen vom Sinn des Daseins überzeugen wollen, Mogelpackungen sind. Sie dienen nur sich selbst, ohne eine Entlastung im Leben anzubieten. Doch Darstellungen Vishnus als Verkörperung aller Anmut und Freude des Universums haben mich schon immer angezogen. Auch sein Erscheinen als schöne Mohini, die den Dämonen den gestohlenen Nektar der Unsterblichkeit wieder abluchst.

Mit der Wahl dieser Statue mag das Humboldt Forum die jahrtausendealte Frage, ob nun Shiva oder Vishnu der oberste Hindu-Gott ist, für sich beantwortet haben. Aber wird seine physische Anwesenheit in einer Hochburg des Denkens auch westlichen Vorurteilen entgegenwirken? Etwa dem, dass die indische Philosophie mit der Religion gleichzusetzen und daher nicht analytisch genug sei? Das bleibt abzuwarten.

Vishnu, dessen Name sich von vish – das Universum durchdringen – ableitet, verfügt über die Macht der Inkarnation. Zeit und Form wählt er je nach dem Zustand der Welt. Er war schon Fisch, Schildkröte, Eber, Löwe, Zwerg und Krieger, aber auch Gott Rama, Gott Krishna und Buddha. Es heißt, wenn die Welt am Abgrund steht, wird er als Kalki auf einem weißen Pferd erscheinen. Viel fehlt dazu gerade nicht mehr; wir dürfen ihn bald erwarten.

„Donnerstags brennen für ihn die Kerzen”

Christina Franzisket

Die Autorin bereist Indien seit vielen Jahren. 2018 erschien ihr Buch „Culture Curry: Auf den Spuren der Liebe durch Indien“.

Der hinduistische Gott Vishnu begegnet mir in Indien meistens donnerstags. Donnerstag ist im Haus meiner indischen Freunde aus Delhi Vishnu-Tag. Bevor die Mutter beginnt, das Abendessen für ihren Mann und ihre drei erwachsenen Kinder zuzubereiten, zündet sie in einem kleinen Haustempel, der sich in einem offenen Fach des Küchenschranks befindet, eine Kerze an.

Sie blättert in einem bunten Bilderbüchlein auf die Seite mit dem Abbild des Gottes und stellt es aufrecht hin. Dann faltet sie ihre Hände, schließt die Augen und bittet Vishnu um das, wofür er ihrem Glauben nach zuständig ist: Wohlstand, Frieden und Liebe für die ganze Familie.

„Im Hinduismus steht jeder Gott für etwas anderes und hat seinen eigenen Wochentag“, erklärt mir die Mutter. So betet sie zum Beispiel montags zu Shiva, er möge ihre Töchter mit guten Ehemännern segnen, und dienstags zu Hanuman, dem Gott mit dem Affengesicht, dass er alles Böse von ihrer Familie fernhalte. Wie viele Götter es im Hinduismus gibt, weiß sie nicht – aber Vishnu ist einer ihrer Lieblinge.

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