"Die Maserung des Holzes macht Sope lebendig"

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Highlights für das Humboldt Forum : Hier weilte ein Gott
Dorothea Deterts Corinna Braun Christoph Droß
Ausdrucksstark. Nur 38 mikronesische tino-aitu-Götterfiguren wie diese Skulptur des Sope sind heute bekannt.
Ausdrucksstark. Nur 38 mikronesische tino-aitu-Götterfiguren wie diese Skulptur des Sope sind heute bekannt.Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum/Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, digitale Reproduktion: Jester Blank GbR

Corinna Braun

Die Autorin ist Holzbildhauerin und Kunsttherapeutin in Berlin. Ihr Können gibt sie in Kursen weiter.

Trotz ihrer Schlichtheit ist die Figur sehr ausdrucksstark. Die Maserung des Holzes, vor allem im Brustbereich, macht sie lebendig. An den Linien dort sieht man, dass sie aus einem Stück gearbeitet ist - wir Holzbildhauer sagen: aus dem vollen Stamm. Der Körper wirkt fast wie geschliffen. Und ob die Schattierungen bewusst erzeugt wurden oder durch Verwitterung entstanden sind? Ich frage mich auch, welches Werkzeug der Künstler wohl hatte: Hohlbeitel, wie ich sie verwende, sicherlich nicht. Vielleicht nur eine Axt?

Auch ich arbeite gerne aus dem vollen Holz. Ich nutze den Stamm so, wie er ist. Er hat vielleicht Risse oder eine schöne Maserung; das finde ich dann besonders interessant. Tatsächlich haben auch meine Figuren oft kein Gesicht. Ich finde, das Holz und die Körperhaltung wirken für sich. Der Sope steht ganz gerade: stolz und erhaben. Ich persönlich mag auch runde, weiche Formen, daher sind meine Figuren oft Frauen.

Dass die Beine so abrupt enden, stört mich etwas. Aber vielleicht stand der Verwendungszweck im Vordergrund: Wenn er im Tempel geschmückt wurde, musste der Holzgott schließlich einen festen Stand haben.

Protokolliert von Silke Zorn.

"Kein Gesicht, kein Erkennen - ein Stellvertreter"

Christoph Droß

Der Autor bietet in Berlin psychologische Beratung und Aufstellungsarbeit an.

Spontan denke ich bei der Gestalt an E.T., den Außerirdischen. Sie sieht menschlich aus, aber die Proportionen stimmen nicht, der Hals ist zu dünn, die Brust zu kantig. Und dann dieser gesichtslose Kopf. Es gibt keine Anhaltspunkte für ein Erkennen, die Figur könnte stellvertretend für jeden stehen.

Auch bei der Aufstellungsarbeit, meinem Schwerpunkt als Psychologe, gibt es sogenannte Stellvertreter. Aufstellungen können zum Beispiel bei nicht bewältigten Familienkonflikten helfen. Der Fragesteller platziert fremde Menschen in einem Raum, die stellvertretend für ihn selbst, für Vater, Mutter oder andere wichtige Personen stehen - so wie es seinem Gefühl entspricht. Mal geht es schnell, mal dauert es etwas, aber irgendwann spüren die Stellvertreter eine Veränderung. Der „Vater“ lässt die Schultern hängen, im „Bruder“ kommt Wut auf, die „Mutter“ hat den Impuls, sich umzudrehen, weil sie die „Tochter“ nicht sieht. Warum diese Empfindungen sich einstellen, dazu gibt es viele Theorien. Wichtig ist: Es hilft, verborgene Beziehungsmuster zu begreifen.

Anders als die gesichtslose Figur sind diese Stellvertreter aber keine Projektionsfläche; es geht um ihr eigenes Erleben. Projiziert nicht, interpretiert nicht, sage ich der Gruppe. Bleibt bei dem, was ist.

Protokolliert von Silke Zorn.

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