Highlights für das Humboldt Forum : Tonnenschwere Zeitzeugin

Markus Sailer von der Stiftung Humboldt Forum erklärt, warum die Stahltür des Clubs "Tresor" ins Humboldt Forum gehört

Markus Sailer Mirko Nowak Silke Zorn
Früher schützte diese Stahltür den Tresorraum im Kaufhaus „Wertheim“, später entstand dahinter der Tresor, einer der berühmtesten Clubs der Welt. Jetzt zieht das Bollwerk ins Humboldt Forum.
Früher schützte diese Stahltür den Tresorraum im Kaufhaus „Wertheim“, später entstand dahinter der Tresor, einer der berühmtesten...Foto: © Privatbesitz Dimitri Hegemann/Berlin Ausstellung/Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss/digitale Reproduktion: Jester Blank GbR

Fast 100 Jahre Berlin-Geschichte lassen sich anhand dieser Tresortür erzählen, hat sie doch als „Zeitzeugin“ alle Umbrüche an einem zentralen Ort überdauert. Eingrenzung und Ausgrenzung, der Verlust und die Eroberung von Freiräumen, aber auch Leid und Vergnügen überlagern sich in der Geschichte Berlins wie die Rost- und Farbschichten auf ihrer Oberfläche. Davon erzählt die Tresortür, und deswegen wird sie in der Berlin-Ausstellung im Humboldt Forum zwischen den Bereichen „Freiräume“ und „Grenzen“ zu sehen sein.

Ursprünglich sicherte die Stahltür seit den 1920er Jahren den Tresorraum einer Bank im „Wertheim“ in der Leipziger Straße, einem der prunkvollsten Warenhäuser seiner Zeit. Zwischen 1897 und 1927 wuchs das Haus mit Erweiterungsbauten von der Leipziger Straße, Ecke Wilhelmsstraße bis zum Leipziger Platz. Mit einer Nutzfläche von über 100 000 Quadratmetern war es eines der größten Warenhäuser seiner Zeit.

Nachdem die Nationalsozialisten die Macht erlangt hatten, zwangen sie die jüdische Inhaberfamilie zur Aufgabe des Unternehmens. Der Wertheim-Konzern wurde „arisiert“. Am 1. Januar 1937 notierte der Haupteigner Georg Wertheim in sein Tagebuch: „Austritt aus dem Geschäft. Firma für deutsch erklärt.“ Ein Teil der Familie ging ins Exil, drei Mitglieder wurden in Auschwitz ermordet. Erst 70 Jahre später erhielten die Erben nach einem langwierigen Prozess eine angemessene Entschädigung für das riesige Grundstück im Herzen Berlins.

Nach dem Mauerbau lag die Ruine im Dornröschenschlaf

Das „Wertheim“ wurde im Zweiten Weltkrieg durch einen Bombentreffer stark beschädigt. 1955 wurde der nun im Sowjetischen Sektor gelegene Komplex abgerissen. Einzig der unterirdische Tresorraum mit seiner Stahlkammer und den Schließfächern verblieb. Nach dem Bau der Mauer fristete die Ruine einen Dornröschenschlaf im brachliegenden Gebiet auf deren Ostseite.

Das änderte sich erst kurz nach der Wende, als Kulturschaffende auf der Suche nach neuen Spielstätten eine Baracke in der Leipziger Straße erkundeten. Hinter einem Regal befand sich eine Tür, und hinter der Tür eine Treppe, die in ein Gewirr aus unterirdischen Gängen führte. Am Ende eines dieser Gänge stießen sie auf die Stahlkammer. „Mit einem Feuerzeug in der Hand. Als würde man eine Pyramide öffnen“, wie der spätere Club-Betreiber Dimitri Hegemann den Moment beschreibt.

Ursprünglich wollten Hegemann und seine Gefährten nur eine einzige Party veranstalten. Wechselnde Orte, Experimente, improvisierte Events waren das Gebot der Stunde. Doch was dann folgte, wurde legendär. 1990 wurde die Stahlkammer mitsamt ihren Schließfächern zum „Tresor“-Club umfunktioniert, dem Geburtsort der Techno-Bewegung, die von dort aus um die Welt ging.

Die Außenfassade des "Tresor" in der Wilhelmstrasse/Ecke Leipziger Straße
Die Außenfassade des "Tresor" in der Wilhelmstrasse/Ecke Leipziger StraßeFoto: ullstein bild - XAMAX

Junge Menschen aus aller kamen im "Tresor" zusammen

Die Nachricht von einem Club in unterirdischen Tresorräumen sprach sich herum wie ein Lauffeuer. Die fehlende Sperrstunde in Berlin, die euphorische Stimmung kurz nach der Vereinigung, der symbolische Standort und die absolut neuartige Musik sorgten für magische Momente.

Junge Menschen aus Ost- und Westberlin, aus Deutschland und der ganzen Welt kamen im „Tresor“ zusammen. Im Lauf der Jahre durchschritten Hunderttausende die einstige Tresortür, traten ein in eine Welt aus harten Beats, Stroboskoplicht und schwitzenden Körpern. Der „Tresor“ wurde zum Ort der Entgrenzung – doch von begrenzter Dauer.

2005 musste der Club den Plänen für eine Neubebauung des Areals am Leipziger Platz weichen. Er zog in das Heizkraftwerk Mitte um. An der Stelle des „Wertheim“ steht heute eine Shopping Mall, am Standort des „Tresor“ befindet sich ein Bürohaus. Die tonnenschwere Tür kommt nun ins Humboldt Forum. Für die Berlin Ausstellung hat Dimitri Hegemann sie an das Stadtmuseum Berlin verliehen. Dort wird sie mitsamt einigen der originalen Schließfächer des Tresorraums zu sehen sein. Sie erinnert an die Aufbruchsstimmung der 1990er Jahre und an die Freiräume, die sich zu Experimentierfeldern für die Kunst- und Kulturszene entwickelten. Sie erzählt allerdings auch vom Schwinden der Freiräume für kulturelle Experimente, die Berlin mit zu der Metropole mit explodierenden Grundstückspreisen machten, die sie heute ist.

Markus Sailer ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Humboldt Forum und arbeitete bis Januar 2019 als kuratorischer Berater für die Berlin Ausstellung. Die Tresortür befindet sich in einer Kreuzberger Werkstatt, wo sie im Auftrag von Kulturprojekte Berlin für die Ausstellung aufbereitet wird. Als erstes Objekt wird sie auf die Flächen der Berlin-Ausstellung ins Humboldt Forum einziehen, einer Koproduktion von Kulturprojekte Berlin und dem Stadtmuseum Berlin.

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