Highlights für das Humboldt Forum : Vishnu, der Erlöser

Er greift ein, wenn das Chaos droht: Kuratorin Martina Stoye, ein Schriftsteller und eine Reisende erklären die oberste Gottheit vieler Hindus.

Martina Stoye Christina Franzisket Rajvinder Singh
Die Figur wurde 1963 über eine New Yorker Galerie vom Berliner Museum für Indische Kunst gekauft.
Die Figur wurde 1963 über eine New Yorker Galerie vom Berliner Museum für Indische Kunst gekauft.Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst/Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, digitale Reproduktion: Jester Blank GbR

Ein von Menschenhand erschaffenes Götterbild, aus grobem irdischen Werkzeug gehauen – ist das in den Augen eines gläubigen Menschen nicht ein Widerspruch? Ist die Definition des Göttlichen nicht gerade, dass es größer und abstrakter ist als alle konkrete Form, dass es ewig – das heißt, ohne Anfang und Ende – grenzen- und formlos ist und aus der Unsichtbarkeit heraus wirksam?

Wohl alle Religionen müssen sich, sobald sie eine für den Menschen sichtbare Form des Göttlichen wünschen, mit diesem Widerspruch auseinandersetzen. Doch hat man in unterschiedlichen Weltgegenden im Laufe der Zeit viele verschiedene und immer wieder neue Lösungen zur Verbildlichung des Göttlichen gefunden. Denn Menschen tun sich wohl leichter mit dem Heiligen, wenn sie ein sichtbares Gegenüber verehren können.

Im zukünftigen Humboldt Forum werden zahlreiche Götterbilder des Hinduismus die faszinierende Bildsprache zeigen, die in Indien zur Darstellung seiner vielen verschiedenen Gottheiten entwickelt wurde: Seit circa 2000 Jahren wird dabei eine jede Gottheit durch bestimmte festgelegte Posen (asanas) und Handgesten (mudras) sowie durch symbolhafte Gegenstände in den Händen (Attribute), durch bestimmte Frisuren und andere individualisierte Accessoires (Kopfbedeckungen, Kleidung, Schmuck) charakterisiert. Auf diese Weise beschreiben Bilder die Funktion einer Gottheit im kosmischen Geschehen in knappest möglicher Form und spielen auf besondere Qualitäten an, die der Gläubige verehren oder in sich selbst entwickeln will.

Beide Füße fest auf dem Boden

Ein besonders schönes Beispiel eines solchen indischen Götterbildes ist die Statue des Hindu-Gottes Vishnu (aus Tamil Nadu, Südindien, aus dem 8. Jahrhundert), die derzeit als einer der Vorboten des Humboldt Forums im Alten Museum zu sehen ist. Vishnu ist eine der wichtigsten männlichen Gottheiten des Hinduismus. Vielen der heute über eine Milliarde Hindus weltweit gilt er als oberster Gott. Gerne charakterisiert man ihn als ‚Erhalter’: Den heiligen Texten zufolge steigt er immer dann, wenn das Chaos überhand zu nehmen droht, herab und greift rettend ein.

Das südindische Bild bringt die Rolle Vishnus als die eines stabilisierenden kosmischen Königs subtil zum Ausdruck: In völlig ausgewogener Balance steht der Gott in stabiler Pose. Beide Füße stehen fest auf dem Boden. Gut geerdet, ist er kerzengerade aufgerichtet. Er wirkt konzentriert und zugleich unverkrampft. Sein makellos schönes Gesicht zeigt die tiefe Entspanntheit eines Meditierenden: Vishnu ruht in sich. Seine linke untere Hand ist lässig auf die Hüfte gelegt. Die untere rechte Hand, vor der Brust wie zum Gruß erhoben, signalisiert dem Betrachter: ‚Fürchte Dich nicht! Ich schütze Dich’. Auf dem Kopf sitzt als Zeichen von Vishnus Majestät eine hohe, mit Juwelen besetzte Krone.

Eine Waffe gegen Dämonen

Göttlichkeit zeigt sich in der indischen Bildsprache am sichtbarsten in der übernatürlichen Anzahl der Arme, hier sind es vier an der Zahl. In den oberen Händen balanciert Gott Vishnu die für ihn typischsten Attribute: in seiner oberen Rechten ein Wurfrad (cakra) mit scharfem Rand, eine Waffe , die er gegen Dämonen einsetzte – auch ein etabliertes Herrschersymbol. In seiner oberen Linken hält Vishnu eine Schneckenschale (shankha). Dieser kann man – wenn man hineinbläst – einen Trompetenstoß wie aus einem Nebelhorn entlocken. Den Mythen zufolge hat Vishnu damit ebenfalls Dämonen vertrieben. Solche Schneckenschalen sind in indischen Tempeln aber auch seit alters her Requisit im Ritual: Bis auf den heutigen Tag erschallt ihr Ton zum Auftakt heiliger Handlungen, und man gießt aus ihnen heiliges Wasser auf zu weihende Statuen.

Allein: Eine korrekt ausgeführte Skulptur repräsentiert noch keinen echten Gott. Um eine solche von Menschenhand geschaffene Götterstatue zu beseelen, bedarf es in Indien umfangreicher Rituale. Erst danach geht man davon aus, dass der göttliche Funken im Götterbild vorhanden ist. Der letzte Schritt ist dabei das ‚Öffnen’ (Einzeichnen) der Götteraugen. Dann erst ‚lebt’ das Bild. Noch heute finden Weihen von Götterbildern in Indien tausendfach statt.

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Die Autorin ist Kuratorin für die Kunst Süd- und Südostasiens am Museum für Asiatische Kunst. Im Humboldt Forum konzipierte sie die Räume zur Kunst des Hinduismus, des Buddhismus und des Jainismus.

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