Kultur : Hollywood und der deutsche Riese

„The Lives of Others“: Mythos und Wahrheit

Christoph von Marschall

Unter Zwergen ist der Liliputaner Riese. Florian Henckel von Donnersmarck hat den erfolgreichsten Start eines deutschen Films in den US-Kinos hingelegt. Doch was heißt das? Im Filmranking liegt „The Lives of Others“ auf Platz 23. In den ersten drei Wochen hat das Stasi-Drama in den USA 1,3 Millionen Dollar eingespielt, er läuft in 58 Kinos des Landes. Zum Vergleich: Spitzenreiter „Ghost Rider“ ist in 3620 Theatern zu sehen und hat es in nur zwei Wochen auf 80 Millionen gebracht.

In deutschen Medien hatte man seit der Oscar-Nacht den Eindruck gewonnen: A Star is born, Amerika liegt Florian zu Füßen. Doch auf den Sonderseiten großer US-Zeitungen wurde der Deutsche nur mit zwei, drei Sätzen erwähnt. Gewiss, sie mögen den 2,05-Meter-Riesen mit dem unaussprechlich langen Namen. Die Besprechungen seines Films sind freundlich. Doch wer im Archiv der „New York Times“ oder „Washington Post“ nach ihm stöbert, erzielt höchstens ein Dutzend Treffer.

Der Kinderbuchautor Michael Ende („Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“) hat der Welt das Phänomen des Scheinriesen geschenkt: Von ferne wirkt Herr Tur Tur monumental, je näher man ihm kommt, desto kleiner wird er. Aus deutscher Perspektive ist Henckel ein Koloss drüben in den USA – weil alles Deutsche in der Welt daheim besonders interessiert. „Wir sind Oscar.“ Von Amerika aus betrachtet, ist er – nun ja. Aber das kann noch werden. Von einem, der mit 33 einen Oscar holt, ist Großes zu erwarten.

Nur leider treiben die USA die Betrachtung der Welt als nationale Nabelschau noch viel weiter als Deutschland. Hollywood plant jetzt ein Remake von „The Lives of Others“, auf Englisch, schreibt das Branchenblatt „Daily Variety“. Die Donnersmarck-Version sei nicht erfolgreich genug, weil nicht amerikanisch genug. Womöglich darf der Deutsche die US-Fassung nicht mal selbst drehen. Amerika kennt auch im Kino nur einen Maßstab: sich selbst.

Deutschland war mal etwas Besonderes, im Kalten Krieg. 1945 spielt „The Good German“, der nach der Berlinale jetzt auch in den deutschen Kinos läuft. Berlin, die Mauer, Checkpoint Charlie sind allen Älteren ein Begriff. Mercedes, BMW, Porsche, Audi auch den Jüngeren. Deutschlands beste Botschafter – die an Rhein und Mosel stationierten US-Soldaten – treten allmählich ab. Für Amerika wird Deutschland ein normales Land, das man sympathisch findet, über das man aber wenig weiß, das erhöht den Donnersmarck-Triumph. Er hat es trotzdem zum besten ausländischen Film geschafft. Inneramerikanischen Gütekriterien genügt er deshalb noch nicht.

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