Hommage an Gidon Kremer : Der Meister offenbart seine musikalische Welt

Zehn Tage wurde Violinist Gidon Kremer im Konzerthaus gefeiert. Am letzten Abend tritt er noch einmal selbst auf die Bühne.

Berührend introvertiert. Geiger Gidon Kremer.
Berührend introvertiert. Geiger Gidon Kremer.Foto: Hermann Wöstmann/dpa

Eine zehntägige Hommage an Gidon Kremer, mit der das Konzerthaus den 79-jährigen Violinisten feiert, geht zu Ende. In der Progammgestaltung zeigt sich der Meister selbst. Es liegt ihm daran, dem Publikum seine musikalische Welt vorzustellen.

Was sie umfasst, beginnt naturgemäß bei der Chaconne von Bach, um sich über das weite Feld vor allem der Romantik Schuberts der zeitgenössischen Moderne zu nähern. Denn Kremer war stets neugierig auf neue Musik. Ein Schwerpunkt seiner gegenwärtigen Hommage ist jedoch dem Komponisten Mieczyslaw Weinberg (1919–1996) gewidmet.

„Als junger Mann war ich Feuer und Flamme für die Avantgarde und hatte noch nicht erkannt, was für eine Bedeutung Weinbergs Musik hat“, so beginnt die späte Entdeckungsreise Kremers für sich und das von ihm gegründete Kammerorchester Kremerata Baltica.

Weinberg war ein polnisch-jüdischer Komponist, der nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen Richtung Osten floh. Seine Familie wurde ermordet. Weinbergs Schicksal erinnert Kremer, wie er sagt, an das seines Vaters.

Schostakowitsch lud Weinberg nach Moskau und zu einer lebenslangen Freundschaft ein. Viel Weinberg brachte Kremer in diesen Tagen nach Berlin, nun also das Violinkonzert in g-Moll von 1959.

Musizieren mit vielen Pausen

Es ist ein violinistisch gefühltes Werk, dessen Melodik und klagende Lyrik elegisch singen, ohne die Tonalität voll auszureizen. Romantischer Sound klingt verführerisch, bis im vierten Satz ein kecker Marsch überrascht und zurückführt ins Pianissimo.

Zum zweiten Mal steht Christoph Eschenbach als neuer Chefdirigent vor dem Konzerthausorchester. In der gedämpften Atmosphäre der Komposition stimmt er mit dem Solisten Gidon Kremer überein. Dazu passt dessen berührend introvertiertes Geigenspiel.

Auch Victor Kissine, geboren 1953, liegt Kremer am Herzen. Von dem russischen Komponisten wird sogar als Auftragswerk „Another Question“ für Streichorchester (nämlich die Kremerata) und Sinfonieorchester uraufgeführt. Das Musizieren mit vielen Pausen und schwebenden Dissonanzen bleibt Innenspannung schuldig, sodass eine Überredung des Publikums schwach ausfällt.

Das Gegenteil ist der Fall mit der Fünften von Schostakowitsch. Das Haus jubelt. Denn auch in der späten Version des Schlusses triumphiert die Pauke. Als Interpret dient Eschenbach dem ausdrucksstarken Eigenton der Partitur, indem er den Musikern, den Holzbläsern zumal, ihren Freiraum lässt.

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