Hong Sangsoos „Grass“ im Forum : Im Spiegel der Geschichten

Zwei Orte, fünf Paare, eine Beobachterin: das sind die Grundkoordinaten der formal komplexen Versuchsanordnung in Hong Sangsoos „Grass“.

Jonas Lages
Gong Minjeung und Ahn Jaehong in "Grass".
Gong Minjeung und Ahn Jaehong in "Grass".Foto: JEONWONSA Film Co.

Der Trostbär für den dümmsten Flirtversuch geht dieses Jahr an Kyungsoo. Er sei auf der Suche nach Inspirationen für ein Drehbuch, sagt der selbstverliebte Filmemacher und setzt sich unaufgefordert an Areums Tisch. Ob er sie nicht zehn Tage lang in ihrer Wohnung beobachten könne? Areum ist angewidert: Was für ein Idiot.

In seiner fünften Zusammenarbeit mit Kim Min-hee verdichtet Hong Sang-soo sein Lieblingsthema einmal mehr in der Beiläufigkeit des Alltäglichen: das Verhältnis von Männern und Frauen. Einen sonnigen Herbsttag lang folgt „Grass“ der jungen Areum. Sie sitzt mit ihrem Laptop in einem Café und belauscht die Leute. An zwei Tischen sind jeweils ein Mann und eine Frau; vor der Tür ist noch ein Paar. Dann trifft Areum ihren Bruder samt Freundin zum Essen. Als sie abends ins Café zurückkehrt, sind alle noch da.

Zwei Orte, fünf Paare, eine Beobachterin: das sind die Grundkoordinaten der formal komplexen Versuchsanordnung in Schwarz-Weiß. Wie ein wogender Herbstwind gleitet die Kamera von Miniatur zu Miniatur. Ihre fließenden Übergänge ebnen die thematischen Echos. An beiden Orten treffen sich ein Mann und eine Frau und weisen sich die Schuld am Selbstmord einer geliebten Person zu. Alter, Geschlecht und Sitzordnung sind verkehrt. Hongs typische Spiegeltechnik erreicht hier eine virtuose Einfachheit. In wenigen Dialogzeilen umreißt er die Verworrenheit menschlicher Beziehungen.

Schubert und Wagner im Café

Hongs Filme wehren sich gegen die Unaufrichtigkeit formelhafter Sinnstiftung. In „Grass“ bestimmt Areums Wahrnehmung die Perspektive. Sie ist Zuschauerin und Erzählerin, schreibt Gespräche mit und spinnt die Geschichten weiter. Traumwandlerisch verwischt der Film die Grenze von Fakt und Fiktion.

Früher untermalte Hong die Szenen seiner Filme nur mit dem Klirren von Soju-Flaschen. In „Grass“ erklingen Schubert und Wagner im Café. Mal harmonieren Bild und Ton, mal bilden die Stücke einen wunderbar komischen Kontrast zum Geschehen. Auf dem Höhepunkt des „Lohengrin“-Vorspiels bewirbt sich ein Schauspieler bei einer alten Freundin als Mitbewohner. Der heilige Gral – das ist hier ein WG-Zimmer.

18.2., 20 Uhr (Cubix 9); 25.02., 12 Uhr (CineStar 8)

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