Horia Damian in der Galerie Plan B : Den Kosmos fangen

Gesellschaftliche Umwälzung durch vollkommene Spiritualität: Eine Ausstellung der Galerie Plan B widmet sich dem visionären Künstler Horia Damian.

Dorothea Zwirner

Aufgebahrt liegt ein Ritter mit Helm und Rüstung, als wollte er den Zugang zur Ausstellung versperren. Das reliefhafte Selbstbildnis, das in seiner archaischen Vereinfachung an Bilder der Frührenaissance denken und innehalten lässt, bildet den Auftakt einer beeindruckenden Werkschau, die dem rumänisch-französischen Künstler Horia Damian gewidmet ist. Es zählt zu seinen späten Bildnissen von 2004, die im starken Kontrast zu den visionären Architekturen und kosmischen Monumenten seines Früh- und Hauptwerks stehen, das die Berliner Galeria Plan B präsentiert.

Trotz des Kontrasts führt ein gedanklicher Bogen vom imaginären Sterbebett des Künstlers zurück in seine spirituelle und weitgehend abstrakte Welt, die auf archaisch-geometrischen Formen früher Zivilisationen wie dem Zikkurat (Weltenberg), Mastaba (Pyramidenstumpf), der Stufenpyramide oder dem Tumulus (Hügelgrab) aufbaut. Zwischen dem Reich des Todes und dem gestirnten Himmel entfalten sich Damians utopische Entwürfe als Zeichnungen, Reliefs und Modelle. In den Grundfarben Rot, Blau und Gelb liegt seinen Gestaltungsformen immer ein reduziertes, geometrisch-harmonisches Prinzip zugrunde, das vom Neoplastizismus Mondrians ebenso geprägt ist wie von den Monochromien eines Yves Klein. Beide Richtungen lernte der in Bukarest geborene Damian kennen, als er 1946 nach Paris zog, wo er bei Fernand Léger studierte und mit Auguste Herbin und Yves Klein eng befreundet war.

Die Vision einer gesellschaftlichen Umwälzung durch vollkommene Spiritualität, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur bei Künstlern wie Damian spürbar wird, berührt noch heute durch ihre utopische Dimension. Denn was wäre einfacher und schöner als die Vorstellung eines goldgelben Hügels, eines Weltenbergs aus reinstem Sonnenlicht? Damian hat sie 1976 realisiert in seinem Projekt „The Hill“ für das Guggenheim Museum in New York, wo er einen riesigen Hügel in der Rotunde errichtete, der mit unzähligen Kügelchen aus goldgelb bemaltem Polyesterharz beklebt war. Erhalten ist davon ebenso wenig wie von Damians monumentalem Projekt für San Francisco 1978, das die Sonne der Stadt einfangen wollte. Die Ausstellung zeigt stattdessen das Ölbild eines gewaltigen Baukörpers, der das Licht auf geheimnisvolle Weise reflektiert.

Besonders verdienstvoll war bereits 2014 die Rekonstruktion von Damians Großprojekt für ein Monument in Houston, Texas, das zur Werkgruppe seiner Galaxien gehört. Die fast zwölf Meter lange schwarze Rampe wurde 2014 in der Galeria Plan B und vergangenes Jahr auf der Schweizer Kunstmesse Art Basel gezeigt. Im Kontrast zwischen der mit schwarzen Kügelchen beklebten Schanze und ihren hochglänzenden Seiten zeigt sich eines der typischen Gestaltungsmittel Damians, das auf die kosmische Dimension seiner Galaxien, Konstellationen und Kosmogonien verweist. Bereits in seinen frühen Zeichnungen der fünfziger Jahre, von denen ebenfalls einige zu sehen sind, finden sich die wie Sternenstaub dicht an dicht gedrängten Kügelchen angelegt.

War Horia Damian für Pierre Restany im Paris der siebziger Jahre „zweifellos der Prophet einer Kunst des Heiligen“, so bedurfte es fast eines halben Jahrhunderts, bis er 2009 im Nationalmuseum seiner Heimatstadt Bukarest mit einer großen Retrospektive gewürdigt wurde. Weitere zehn Jahre später gehört er nun in Berlin zu den großen Entdeckungen.

Galeria Plan B, Potsdamer Str. 77–87; bis 15. 6., Di–Sa 12–18 Uhr

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