zum Hauptinhalt
Konzentration. Zohra-Musikerinnen vor einem Auftritt. Sie wurden bei Auslandstourneen gefeiert.

© Afghanistan National Institute of Music

Tagesspiegel Plus

„Ich habe Angst um meine Verwandten“: Wie die Taliban Jagd auf Orchester machen

Zohra war das erste afghanische Frauen-Orchester. Nun schweben die Mitglieder in Lebensgefahr. Denn die Taliban sind Musik feindlich gesinnt.

So hat Beethovens Neunte noch nie geklungen. Auf der Bühne der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche saßen Musikerinnen in farbenfrohen Gewändern, ihr Haar unter reich bestickten Kopftüchern verborgen. Einen Monat nach dem Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz kam das afghanische Frauenorchester Zohra im Januar 2017 nach Berlin, um eine Brücke zwischen den Kulturen zu schlagen.

Die „Ode an die Freude“ und Volksmelodien aus ihrer Heimat spielten sie auf Violinen, Bratschen, Celli und traditionellen Instrumenten wie Rubab und Sitar. In den Augen von Islamisten war ein solcher Auftritt die reinste Provokation, zumal das Orchester von zwei Dirigentinnen geleitet wurde. Als die jungen Frauen am Anschlagsort Kerzen für die Opfer entzündeten, war ihnen bewusst, dass auch sie in Lebensgefahr schwebten.

Gedenkfeier am Breitscheidplatz in Berlin, 2020.
Gedenkfeier am Breitscheidplatz in Berlin, 2020.

© picture alliance/Christoph Soeder

Marjan Fedayee, damals Konzertmeisterin von Zohra, ging rechtzeitig in die Türkei, bevor die bärtigen Fundamentalisten im August Kabul einnahmen. „Ich habe jetzt Angst um meine Verwandten in Afghanistan“, sagt sie in einem über Whatsapp geführten Interview. „Sie sind wegen mir in großer Gefahr. Diese Situation ist für mich nur schwer zu ertragen.“ Auch das Schicksal vieler Mitglieder von Zohra ist ungewiss, die meisten halten sich in Kabul versteckt.

Fedayee erfuhr, dass die Taliban von Tür zu Tür gehen, um nach Musikern und Mitarbeitern der gestürzten Regierung zu suchen. Das Afghanische Musikinstitut ANIM, wo sie schon als Kind unterrichtet wurde, ist geschlossen. Niemand wagt mehr zu musizieren, Gerüchte über die Zerstörung von Instrumenten machen die Runde.

Ich möchte ihnen sagen, dass sie die Musik respektieren und die Frauen arbeiten lassen sollen.

Marjan Fedayee

Die Hoffnung vieler Afghaninnen auf gesellschaftliche Teilhabe ist jäh zunichte gemacht worden. ANIM ermöglichte ihnen nicht nur das Musizieren, sondern verschaffte ihnen auch Zugang zu umfassender Bildung. Der Musikologe Ahmad Sarmast, der nach dem Sturz des ersten Taliban-Regimes aus dem australischen Exil zurückkehrte, gründete das Institut 2010 mit Unterstützung des afghanischen Bildungsministeriums. Unabhängig von Herkunft und sozialem Status konnten Kinder dort in einem Jugendorchester traditionelle afghanische und westliche Musik kennenlernen.

Sarmast hätte dieses Engagement beinahe mit seinem Leben bezahlt. 2014 sprengte sich bei einem Theaterbesuch hinter ihm ein Selbstmordattentäter in die Luft. Seither ist er auf einem Ohr fast taub. Die Taliban erklärten, der Anschlag habe ihm gegolten. Er ließ er jedoch nicht beirren und stellte ein Jahr darauf das erste afghanische Orchester vor, das ausschließlich aus Mädchen bestand.

Die Taliban verbieten Proteste.
Die Taliban verbieten Proteste.

© AFP / Hoshang Hashimi

Negin Khpalwak und Zarifa Adiba, die inzwischen Dirigentinnen sind, machten allerdings die bittere Erfahrung, dass ihnen die eigenen Familien Steine in den Weg legten. Khpalwak, die von zwei Onkeln mit dem Tod bedroht wurde, kam mit neun Jahren in ein Waisenhaus in Kabul, um bei ANIM Musik zu studieren. Adiba hatte ebenfalls Angst vor ihren Verwandten, nur Mutter und Stiefvater waren in ihre Pläne eingeweiht. Auch Fedayee bekam in ihrem Umfeld Widerstand zu spüren. Ihre Liebe zu Bach, Vivaldi und afghanischen Komponisten war jedoch stärker.

Seinen Wunsch, das tausendjährige Musikerbe Afghanistan auch im Ausland zu präsentieren, konnte Sarmast schließlich in die Tat umsetzen. 2017 kam Zohra, benannt nach der persischen Göttin der Musik, auf Einladung des Weltwirtschaftsforums WEF erstmals nach Europa. Die jungen Frauen, die zusammen mit Schweizer und deutschen Nachwuchsmusikern auftraten, wurden in Davos, Zürich, Genf, Berlin und Weimar gefeiert. Bei den Konzerten in Deutschland waren Schüler des Weimarer Musikgymnasiums Schloss Belvedere dabei.

In Genf nahm Fedayee stellvertretend für das Orchester eine Auszeichnung der Menschenrechtsorganisation Freemuse entgegen, die für Kunst- und Meinungsfreiheit eintritt. Sie habe viele gute Erinnerungen an die Tournee und die Preisverleihung, sagt sie. „Ich hoffe, ich werde so etwas noch einmal erleben.“

Die rigorosen Verbote der Taliban lassen leicht vergessen, dass Musik in Afghanistan eine wichtige Rolle spielte. Im 19. Jahrhundert holte der Emir Schir Ali Khan Musiker aus Nordindien an seinen Hof. Unter seinen Nachfolgern entwickelte sich ein neuer Musikstil, der auf der mystischen Ghaselendichtung beruhte.

Das 1940 gegründete Radio Kabul sendete neben den Lehren des Korans auch Folkloremusik. Die Invasion der Sowjetunion zerstörte Ende der Siebzigerjahre eine lange musikalische Blüte, viele Künstler flohen ins Ausland. 1996 verbannten dann die Taliban Musik vollständig aus dem öffentlichen Leben.

Auch jetzt ist die Musik im Land wieder verstummt. In einem Interview mit einem indischen Fernsehsender richtete Fedayee kürzlich einen Appell an die neuen Machthaber: „Ich möchte ihnen sagen, dass sie die Musik respektieren und die Frauen arbeiten lassen sollen.“ Sie sei sicher, dass in Wirklichkeit auch die Taliban Melodien lieben: „Manchmal muss einfach jeder Mensch Musik hören.“

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false