Igor Levit im Boulez Saal : Glühender Kern

Barockes, Rzewski, Busoni: Igor Levit gibt sein Debüt im Pierre Boulez Saal. Sein Spiel überschreitet die Grenzen des technisch Möglichen.

Schwankender Grund. Igor Levit am Klavier.
Schwankender Grund. Igor Levit am Klavier.Foto: Peter Adamik

Schon der erste Ton sorgt für Verunsicherung. Ein Mordent, ein kurzes Schütteln der Finger, bald folgen Triller, schwankender Grund. Igor Levit hat für sein Debüt im Pierre Boulez Saal Werke zusammengestellt, die kompositorische und emotionale Gewissheiten erschüttern, sich Freiheiten erlauben.

Zwei barocke Passacaglien von Georg Muffat und Johann Caspar Kerll, Frederic Rzweskis „Dreams II“ und Ferrucio Busonis fast unspielbare „Fantasia contrappuntistica“: tastende Meditationen, weit ausholende Fantasien, Entgrenzungen, Welterkundungen.

Der 32-jährige, in Berlin lebende Pianist machte zuletzt mit seiner furiosen Einspielung aller Beethoven-Sonaten von sich reden. Aber auch mit seinem zivilcouragierten Engagement: Wegen seines Eintretens gegen Rassismus und Antisemitismus hat Levit Morddrohungen erhalten.

Umso bewegender, dass er zum Auftakt des Beethoven-Jahrs in „seiner“ Stadt gerade nicht Beethoven spielt oder vordergründige Statements abgibt, sondern die Musik selbst befragt und sich ihrem glühenden Kern nähert.

Ähnlich wie in den improvisatorisch anmutenden Barockstücken driftet auch Rzewskis Auftragswerk für den „Heidelberger Frühling“, das Levit 2015 auf dem Festival uraufführte, ins Offene, Ziellose, durchsetzt von wuchtigen Glockenschlägen und unerhört klangdichten Tremolo-Passagen. Wut und Zärtlichkeit liegen dicht beieinander.

Virtuosität und Verzweiflung fallen in eins

Erst recht bei Busonis Auseinandersetzung mit Bach aus dem Jahr 1910: Die zwölfteilige Fantasia mit Preludio über den Choral „Allein Gott in der Höh sei Ehr“, mehreren Fugen und Variationen verdichtet die zunächst schlichte, ja demütige Kontrapunktik mit derartiger Intensität, dass einem bange wird.

Wie lange sind Themen und Melodielinien noch erkennbar, bis der Gestaltungswille kapituliert und alles zum puren Klang wird, zum Chaos, zum Schrei?

Expression und Introspektion, Virtuosität und Verzweiflung fallen in eins. Levits Spiel überschreitet die Grenzen des technisch Möglichen und schleudert aus Busonis Zentrifuge gegen Ende noch einmal den Choral gen Himmel, einen zarten Engelsgesang, dem die Wirrnis der Welt nichts anhaben kann.

Als Zugabe Busonis Bearbeitung des Bach-Chorals „Nun komm der Heiden Heiland“: die Ruhe im Auge des Sturms.

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