Im Kino: „Die Lebenden reparieren“ : Das geschenkte Herz

Der Tod eines jungen Mannes rettet eine Frau. Im Drama „Die Lebenden reparieren“ erkundet Regisseurin Katell Quillévéré eindringlich Leben und Sterben als grundsätzliche Seiten menschlicher Existenz.

Anke Westphal
Aus dem Leben gerissen. Simon (Gabin Verdet, links) im Krankenhaus.
Aus dem Leben gerissen. Simon (Gabin Verdet, links) im Krankenhaus.Foto: Central

Für Simon beginnt der Tag wie viele andere auch. Bevor er geht, macht er noch schnell ein Handyfoto von seiner schlafenden Freundin. Dann trifft er sich mit seinen Kumpels zum Surfen, die drei fahren ans Meer. Machtvoll und doch zärtlich schlagen die Wellen über ihnen zusammen – es sind wundervolle, still dem Augenblick verhaftete Bilder, die Katell Quillévéré in ihrem Spielfilm „Die Lebenden reparieren“ findet. Dann ist es für die drei Zeit für den Heimweg. Doch der Fahrer des Autos verliert kurz die Kontrolle, und Simon ist nicht angeschnallt. Hirntot lautet die Diagnose der Ärzte; sie erhalten den Teenager mit Maschinen am Leben.

Der Schock, die Ungläubigkeit, die Wut auf die Mediziner – das sind die emotionalen Stadien, die Simons Eltern zunächst durchlaufen. Quillévéré gibt ihrer so hilflosen wie zornigen Trauer viel Raum auch dann, als die Ärzte die Möglichkeit einer Organspende andeuten. Simon war jung und gesund; sein Herz könnte das Leben eines anderen Kranken retten. Als seine Eltern schließlich begreifen, was da geschehen ist, und verzweifelt daran arbeiten, es zu akzeptieren, bitten sie sich eines dringend aus: Nicht die Augen entnehmen! Simon soll mit seinen Augen bestattet werden.

Das ist einer der Momente in „Die Lebenden reparieren“, in denen klar wird, dass es hier um mehr geht als um Medizin, dass menschliche Organe über die reine Biologie hinaus etwas bedeuten. Dieser belgisch-französische Film mutet dem Zuschauer viel zu. Allein schon die Untröstlichkeit der Mutter (Emmanuelle Seigner), die gerade ein Kind verloren hat, ist schwer zu ertragen. Und gerade auch deshalb ist dies ein besonderer Film, so wie er aus verschiedenen Perspektiven vom Tod und Leben als den grundsätzlichen Seiten menschlicher Existenz erzählt.

Das Verhalten der Ärzte (Tahar Rahim, Bouli Lanners) und Krankenschwestern bei der finalen Betreuung von Simon gerät zentral in den Blick – die große Würde und der Respekt, die hier walten (Kamera: Tom Harari), wünschte man sich in jedem Krankenhaus. Im Wechsel von der privat-familiären Katastrophe zum Klinikalltag wird dann auch der Schritt zu einer universalen Erzählebene gemacht: Das Herz eines Unbekannten zu erhalten, der gerade gestorben ist, zwingt potenzielle Empfänger zur Überprüfung ihrer eigenen Prioritäten.

Wann endet das Leben?

In dieser Situation ist nun Claire (Anne Dorval), deren schwaches Herz zu versagen droht, wenn nicht umgehend etwas unternommen wird. Die zweifache Mutter hat große Angst vor der Transplantation, obwohl sie weiß, dass sie ihr das Leben retten wird. Ihren Kindern und ihrem Arzt gegenüber offenbart sie ihre Befürchtungen. Im Wechsel zu Claires Geschichte beginnt der Film quasi noch einmal: Mit der Figur der todkranken Patientin wird der Ton stiller und gütiger, während die Szenerie im Kontrast dazu semi-dokumentarisch gerät, wenn man Claire mit den Chirurgen wortwörtlich unter die Haut schaut.

Katell Quillévérés anatomische Bilder moderner Biomedizin aus dem OP-Saal und aus einer zentralen Organspendeagentur etablieren Distanz und verankern das Geschehen im Diesseits und lassen dabei doch ewige Menschheitsfragen zu: Wann endet das Leben? Was ist der Tod? Worin besteht das Sein, die Symbolik unserer Körperteile? Das Herz, das von Simon auf Claire übergeht, eröffnet ja nicht nur dramatische, sondern auch profunde metaphysische Möglichkeiten.

Film basiert auf einer erfolgreichen Romanvorlage

So wörtlich wie symbolisch gemeint ist nicht zuletzt auch der Filmtitel: Die Lebenden werden repariert, in einem psychisch wie physisch hochkomplizierten Prozess. Als Vorlage für ihren dritten Spielfilm wählte Quillévéré den gleichnamigen Roman von Maylis de Kerangal, der 2015 in Frankreich zum Bestseller avancierte und mit Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. De Kerangal hat ihren Roman als „gestisches Chanson“ bezeichnet: Organe zu spenden, sei nicht nur eine rein organische Angelegenheit, sie enthalte auch ein sakrales Element.

Dieses sakrale Element hat Quillévéré ganz in konkrete philosophische und ethische Bedeutungen übersetzt, wenn sie, ohne dabei gegen die Zeit anzurennen, von 24 Stunden aus dem Leben einer Gruppe von Menschen erzählt, die durch das Unfallkoma eines jungen Mannes verbunden und in Extremsituationen gestürzt werden. Hernach sind sie ein für allemal verändert.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmkunst 66, OmU: b-ware!, fsk, Kulturbrauerei

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