Olivier Assayas blickt mit zärtlichem Sarkasmus auf seine Figuren

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Im Kino: "Die Wolken von Sils Maria" : Draußen, im richtigen Leben
Sorge dich nicht, spiele. Bühnen- und Filmstar Maria Enders (Juliette Binoche).
Sorge dich nicht, spiele. Bühnen- und Filmstar Maria Enders (Juliette Binoche).Foto: NFP Filmverleih

Und was hat es mit der Malojaschlange auf sich, in deren Dunstkreis Maria, mit Val als Stichwortgeberin, in Melchiors Haus hoch über Sils Maria den Text lernt für die Premiere demnächst in London? Man muss sie sich als einen weißwolligen Wolkenstrick vorstellen, der über den Silser und den Silvaplaner See Richtung St. Moritz treibt, eine Schlechtwetterbotin meist frühmorgens im Herbst. Die Schlange dunkelt das Tal ein, sie legt das Alter über die Jugend, die Gegenwart über das Vergangene, und manchmal verschlingt sie auch eine Filmfigur, löst sie mir nichts dir nichts in ihren eigenen Nebel auf. Aber wer wäre schon unersetzlich in dieser oder auch jener Welt, von den Berühmtheiten mal abgesehen?

Die größte unter ihnen ist allerdings nicht Maria, sondern Jo-Ann. Das wilde Hollywood-Girlie soll in der Neuinszenierung die Sigrid spielen. Als Mutantin in einem Sci-Fi-Movie zur Super-Celebrity aufgestiegen, will sie in London möglichst unauffällig die Affäre mit ihrem verheirateten Lover fortsetzen, dem auch gerade extrem berühmt werdenden Jungautor Chris. Schon möglich, dass die Sache aber auffliegt angesichts all der Paparazzi und Blogger und Twitterer, und sehr wahrscheinlich, dass das Stück, das Maria nun in neuer Rolle drauf hat, dann zur totalen Nebensache wird; der ganze Rollenwechselkram, das Hadern mit dem Älterwerden, der Film, den Maria im Kopf mit sich rumträgt und auch ihr irgendwie noch junger Regisseur.

Kompliziert? Nicht wirklich. So einfach und genau, wie Olivier Assayas zuletzt in „Après mai“ (Die wilde Zeit, 2012) die Alt-Einundsiebziger in ihrer Polit-Hippie-Jugend wiedererfunden hat, nur dass es jetzt ums Heute geht. Mit zärtlichem Sarkasmus, ja, den gibt es, blickt er auf alle seine Figuren, in ihre Verschränkungen und Neugier aufeinander, in ihre Einsamkeiten und Kämpfe, auf ihre zu nichts führende Geschicklichkeit und ihr gelassen voranschreitendes Ungeschick. Nicht dass in dieser perfekt inszenierten Gegenwart – und da ist Assayas ganz nah bei seinem Urvater Eric Rohmer – jemand glücklich würde oder ernstlich unglücklich. Nur klüger.

Nun zu den Akteuren, wie in der guten alten Theaterkritik, passend zu dieser Schauspielerfeier rund um „Malojaschlange, die zweite“. Juliette Binoche als Maria: immer grandios wahr, ob geschminkt oder ungeschminkt, ob mit schön dreckigem Lachen oder in bestürzend beiläufiger Augenblicksverlorenheit. Kristen Stewart, eben noch der Vampirfilm-„Biss“-Serienstar: eine coole, clevere Val, die weiß, wie man Reißleinen zieht und dann, zu lesen in winzigen Blickgewittern, plötzlich Schmerz spürt und aushält. Chloe Grace Moretz: Vorsicht vor Jung-Sigrids Komplimenten, damit erledigt sie bald ganz andere Kaliber als Maria! Zeitweise dürfen sich auch Lars Eidinger als Jungregisseur und Hanns Zischler als Marias eitler Kollege wunderbar wichtig machen. Und dann ist da Angela Winkler: Sie hat ein, zwei Auftritte als Witwe Rosa Melchior, eine warme Farbe aus einer anderen Zeit.

Bleibt Wilhelm Melchior. Im Film unsichtbar, hat er sich als historische Person, geboren 1935, gestorben 2010, ins Presseheft geschlichen, gewisslich mit dem Segen von Olivier Assayas. Darin bewohnt er 13 köstlich feinziselierte biografische Würdigungszeilen: schön frech, diese Irreführung einer ins Faktum verwandelten Fiktion. Oder ein Traum wie die so kunstvoll schillernde Wahrhaftigkeit dieses Films, aus deren Wolkengespinsten man nicht erwachen will, in die Wirklichkeit am allerwenigsten.

Ab Donnerstag im Capitol, Cinemaxx, International, Yorck; OmU: Cinema Paris, Hackesche Höfe, Kulturbrauerei, Rollberg

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