Im Kino: "Landrauschen" : Herzflimmern in der Provinz

Im Kino: die Dramödie „Landrauschen“.

Komplizinnen. Die aus der Stadt heimgekehrte Toni (Kathi Wolf, links) und ihre alte Dorf-Freundin Rosa (Nadine Sauter).
Komplizinnen. Die aus der Stadt heimgekehrte Toni (Kathi Wolf, links) und ihre alte Dorf-Freundin Rosa (Nadine Sauter).Foto: Arsenalfilm

Der Job ist flöten, das ist so was von klar. Eine Frau, die beim Vorstellungsgespräch mit dem Chefredakteur der Lokalzeitung eine Viertelstunde auf der Toilette verschwindet und damit dem Konkurrenten das Feld überlässt, ist selbstredend raus. Warum macht Toni das nur, nachdem sie eben noch taff mit dem Mofa durchs Dorf knatterte? Die drastische Auflösung: ein blutiger Schlüpfer, sprich, die einsetzende Periode ist schuld.

Spätestens jetzt ist klar, das Lisa Millers Dramödie „Landrauschen“, mit der sie im Januar den Max-Ophüls-Preis beim Filmnachwuchs-Festival in Saarbrücken gewonnen hat, jedes Provinzidyll verweigert. Die Heldinnen Toni und Rosa haben jede auf ihre Weise ihre liebe Not mit dem Landleben in Bubenhausen.

Das Kaff liegt in Bayerisch-Schwaben. Also sprechen Rosa und zahlreiche sich selber spielende Dörfler Dialekt. Das trägt ebenso zum stimmigen Lokalkolorit bei wie die quasi dokumentarischen Aufnahmen vom Fastnachtszug, über den die verpeilte Toni schließlich doch als Zeitungspraktikantin schreiben soll. Die gescheiterte Landflüchtige hat mit Ende 20 zwar zwei Studienabschlüsse, aber keinen Job, also geht es aus Berlin wieder zurück zu Mama und Papa. Dort kann sie nur Sandkastenfreundin Rosa vor dem Versauern zwischen dem vierschrötigen Vater, der frustrierten Mutter und dumpfen Bierzeltdeppen retten. Die bodenständige Jugendarbeiterin ist lesbisch – was zu allerlei Herzflimmern führt. Laiendarstellerin Nadine Sauter als Rosa rührt dabei deutlich mehr an als Schauspielprofi Kathi Wolf in der Rolle der Toni.

Der neue Heimatfilm arbeitet mit den Romantizismen, die er bekämpften will

Millers per Crowdfunding und mittels befreundeter und verwandter Laien realisierte Selfmade-Produktion schwankt zwischen Drama und Satire. Und natürlich steht sie in der Tradition des Arthouse-Heimatfilms, die von Stefan Ruzowitzkys „Siebtelbauern“ über Marcus H. Rosenmüllers „Wer früher stirbt, ist länger tot“ bis zu Aron Lehmanns „Die letzte Sau“ reicht. Schade nur, dass die filmische Dramaturgie immer wieder rumpelt und Längen produziert. Und dass die anhand der Figuren des Chefredakteurs, Pfarrers und anderer bornierter Kerle thematisierte Frauen- und Lesbenfeindlichkeit, durch die ungelenke Darstellung und eindimensionale Figurenzeichnung ihrerseits Klischees über konservative Dörfler gebiert.

Genau das ist ein ewiges Dilemma des neuen Heimatfilms, der häufig mit jenen Romantizismen oder auch Negativbildern arbeitet, die er zu bekämpfen vorgibt. Lisa Millers Ansatz, eine fiktive Coming-of-Age-Geschichte in ein echtes Dorf zu pflanzen, ist aber eine prima Idee – und auch ohne Untertitel gut zu verstehen. Gunda Bartels

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