Im Kino: „The Untamed“ : Mein Tentakel-Lover aus dem All

Lustprinzip trifft Todestrieb: Der Mystery-Thriller „The Untamed“ des mexikanischen Regisseurs Amat Escalante erzählt eine etwas andere Familiengeschichte.

Horror und Begehren. Die junge Mutter Alejandra (Ruth Ramos) lebt in einer unglücklichen Ehe mit Ángel, der eine Affäre mit ihrem Bruder hat.
Horror und Begehren. Die junge Mutter Alejandra (Ruth Ramos) lebt in einer unglücklichen Ehe mit Ángel, der eine Affäre mit ihrem...Foto: Forgotten Film Entertainment

Der Close-up auf das Gesicht der jungen Frau zeigt sie im Moment höchster Ekstase. Es könnte sich allerdings auch um einen flüchtigen Eindruck absoluten Horrors handeln. Denn was sich zwischen den Beinen Verónicas (Simone Bucio) windet, ist eindeutig nicht irdischen Ursprungs: ein schleimiger, blassrosa Tentakel ist der Grund ihrer Lust, die augenblicklich ins Gegenteil umschlagen könnte. „Es hat sie verletzt“, meint die ältere Hippie-Frau, die sich mit ihrem Mann um das Tentakelwesen in der einsamen Waldhütte kümmert. Lust und Schmerz liegen eng beieinander in „The Untamed“, dem vierten Film des mexikanischen Regisseurs Amat Escalante, der seit einigen Jahren als Enfant Terrible des Weltkinos gehandelt wird.

Der Schmerz, der tief in der kollektiven Psyche seiner Landsleute sitzt, ist eine Spezialität Escalantes, filmisch ein Vertreter des gemäßigten Naturalismus. Diese Ästhetik steht jedoch im krassen Widerspruch zu seinen Sujets. Sein letzter Film „Heli“, der 2013 in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurde, erzählt im Prinzip die Coming-of-Age-Geschichte eines jungen Mädchens vor der Hintergrund des blutigen Drogenkriegs in Mexiko. Escalante hat ein Faible für poetische Drastik.

„The Untamed“ erzählt eine etwas andere Familiengeschichte, vor allem ist sie wesentlich komplizierter als in „Heli“ – und verfügt darüber hinaus über ein fantastisches Element, das die längste Zeit buchstäblich in der Dunkelheit lauert. Alejandra, gespielt von der 23-jährigen Debütantin Ruth Ramos (wie Simone Bucio eine Entdeckung Escalantes), lebt in einer unglücklichen Ehe mit Ángel (Jesús Meza), mit dem sie zwei Kinder hat. Ángel befindet sich, wie es so schön heißt, nicht im Einklang mit seinen Gefühlen, womit auch schon das zentrale Thema von Escalantes Film umrissen wäre. Im Klartext bedeutet das: Er hat eine Affäre mit seinem Schwager Fabián, gelegentlich treffen sie sich heimlich für eine lieblose Nummer. Gegenüber Alejandra äußert er sich abfällig über den schwulen Bruder. Die Machismo-Kultur Mexikos pflegt eigenartige Männlichkeitsrituale: Beim spielerischen Gerangel zwischen Ángels Bauarbeiter- Kollegen geht es darum, einen Griff in die Weichteile abzuwehren.

„The Untamed“ beschreibt die Homophobie der mexikanischen Gesellschaft eher mittelbar, als manifesten Ausdruck eines verdrängten Zusammenhangs von Sex und Gewalt. Das Alien in der Waldhütte wird zur Metapher für dieses eklatante Missverhältnis: Es verkörpert gegenüber dem Menschen zwar „das andere“, bringt ihn aber auch wieder in Kontakt mit seinem unartikulierten Begehren. Der außerirdische Organismus bedient und verstärkt die menschlichen Urtriebe, während sich der Mensch von seinem Begehren verzehren lässt. In der amorphen Gestalt des Außerirdischen fallen Lustprinzip und Todestrieb zusammen. Die Kreatur ist dabei weder gut noch böse, sie verkörpert den reinen Instinkt. Die Stelle, an der sie nach ihrer Reise durchs All auf der Erde landete, ist gewissermaßen libidinös kontaminiert, ein „Kopulationsherd“, der die Tiere das Waldes anlockt.

Richtige Balance zwischen Realismus und Märchen

Verónica, die über eine besondere Beziehung zu dem Wesen verfügt (auch das ein Trugschluss, wie ihre blutende Wunde bezeugt), führt Fabián, der die emotional missbräuchliche Affäre mit Ángel beendet, in die Waldhütte. Ihr Versprechen erinnert an psychedelische Drogenexperimente, bei denen der Körper sich vom Geist befreien soll. Was die körperliche Interaktion mit dem Außerirdischen jedoch mit denen macht, die ihr innerstes Begehren noch nicht verstehen, davon handelt der wesentliche Konflikt in „The Untamed“. Worauf genau Escalante mit seiner Parabel abzielt, bleibt zwar vage – leidet Fabián unter latentem Selbsthass oder der Homophobie der Gesellschaft? –, doch ist das Alien-Motiv nicht zuletzt eine Absage an den bedrückenden Pessimismus des Vorgängerfilms. Die Reste eines sozialen Gemeinsinns sind in „The Untamed“ noch intakt.

Der chilenische Kameramann Manuel Alberto Claro, der schon an Lars von Triers „Nymphomania“ gearbeitet hat, hält mit Halbtotalen in entsättigten Farben, bedrohlich kriechenden Einstellungen und pastoralen Landschaftsaufnahmen die richtige Balance zwischen Realismus und Märchen. Science-Fiction und Body-Horror interessiert Escalante lediglich als Gedankenspiel, nicht als Genre an sich. Das Fantastische bleibt in „The Untamed“ auf die Hütte im Wald beschränkt. Das menschliche Drama findet im Alltag statt, wo die soziale Utopie der Befreiung von Körper, Geist und restriktiver Gesellschaft immer wieder an Grenzen stößt.

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