Im Kino: "Werk ohne Autor" : Süßigkeiten für Geschichtsblinde

Florian Henckel von Donnersmarck macht eine Episode aus dem Leben Gerhard Richters zur Grundlage seines Films „Werk ohne Autor“ – ohne die Kunst des Malers zu verstehen.

Tom Schilling als Kurt Barnert
Tom Schilling als Kurt BarnertFoto: Pergamon

„Alles, was wahr ist, ist schön“, lautet das Credo des Regisseurs Florian Henckel von Donnersmarck. In „Werk ohne Autor“, frisch gekürt als deutscher Oscar- Kandidat 2019, fällt der Satz gleich zweimal: erst als Anrufung, dann als Reprise. Es sagt ihn die Tante des kleinen Kurt Barnert nach ihrem gemeinsamen Besuch der Ausstellung „Entartete Kunst“. Der Junge soll nur von den Besten lernen: Kandinsky, Picasso, Klee, hier ist die gesamte Kunstmoderne versammelt.

Tante Elisabeth, gespielt von Saskia Rosendahl, stirbt später durch das NS-Euthanasieprogramm, gewissermaßen als Strafe für ihren exquisiten „entarteten“ Kunstverstand. Kurts Tante war auf der Suche nach der „Weltformel“, dem epiphanischen Moment der Erkenntnis absoluter Schönheit. Sie erlebt ihn dann aber doch nur auf einem Parkplatz, beim Hupkonzert der örtlichen Buskolonne. Kurt hingegen wird aufsteigen zum Starkünstler der jungen Bundesrepublik.

Die Pathosformel vom Wahren und Schönen ist reichlich abgegriffen, sie verrät allerdings einiges über den Kunstbegriff des Regisseurs. „Werk ohne Autor“ ist eine fiktionalisierte Künstlerbiografie, der Film bezieht sich auf ein Kapitel im Leben Gerhard Richters, von dem dieser selbst jahrzehntelang nichts wusste.

2004 veröffentlichte Jürgen Schreiber im Tagesspiegel einen Artikel über die unglaubliche Geschichte von Richters Schwiegervater Heinrich Eufinger, der im „Dritten Reich“ Karriere als Gynäkologe der NS-Eliten gemacht hatte. Als Direktor der Frauenklinik in Dresden war er auch in das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten involviert. Im selben Krankenhaus wurde 1944 Richters Tante Marianne zwangssterilisiert, bevor sie in der Anstalt Großschweidnitz starb. Der Artikel lieferte Schreiber die Grundlage für die Biografie „Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter – Das Drama einer Familie“, auf die sich Henckel von Donnersmarck – sehr frei – bezieht.

Parallele Geschichten von Tätern und Opfern

Schicksalshafte Verstrickungen vor dem Hintergrund deutscher Geschichte sind Henckel von Donnersmarcks großes Thema. In „Das Leben der Anderen“ greift ein Stasi-Spitzel als Schutzengel in das Leben eines Dissidenten ein, ohne die Tragweite seiner Tat zu überblicken. Auch in Richters Biografie verlaufen Täter- und Opfergeschichte parallel: 1965 „zermalt“ er mit seiner charakteristischen Wischtechnik ein Foto von seiner 14-jährigen Tante und sich als Baby, ein Jahr zuvor entstand bereits das Bild eines Schnappschusses mit seinem Schwiegervater: „Familie am Meer“. Ebenfalls 1965 reproduzierte Richter per Wischtechnik ein Zeitungsfoto von der Verhaftung eines Leiters der NS-Euthanasiebehörde, Werner Heyde. Die drei Bilder korrespondieren in Richters Werk auf unheimliche Weise.

Die Wischbilder der Tante, des Schwiegervaters und des NS-Täters stehen in „Werk ohne Autor“ am Ende einer Selbstfindung der Richter-Figur Kurt Barnert (Tom Schilling): als fotorealistische Montage, eine gemalte Mehrfachbelichtung. Er erfindet in seinem Atelier an der Kunstakademie Düsseldorf gerade seine „Signatur-Technik“, als Schwiegervater Professor Carl Seeband (Sebastian Koch) – auf den Titel legt er noch wert, als die Russen ihn am Kriegsende aus seinem zerbombten Krankenhaus abführen – hereinplatzt. Fassungslos starrt der Arzt, der sich durch drei politische Systeme (das NS-Regime, die DDR und die Bundesrepublik) laviert hat, auf die Arbeit, die unbewusst die Kontinuität der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert offenlegt. „Meine Bilder sind klüger als ich“, hat Richter zu Jürgen Schreiber gesagt, Kurt wiederholt den Satz. Richter allerdings, so muss man wohl konstatieren, war damals schon klüger als dieser Film 50 Jahre später.

Der Schlüsselmoment der modernen Kunst interessiert Henckel von Donnersmarck weniger hinsichtlich seiner ästhetischen Charakteristik, so uninspiriert wie er den Schaffensprozess in Szene setzt. Sondern als symbolische Geste: der Verdichtung von deutscher Geschichte, in der es dunkel raunt. Das gilt auch für den Soundtrack von Max Richter – als zum Beispiel der Führer, schemenhaft in der Rückansicht, in seiner Limousine durch ein Spalier deutscher Mädels gleitet.

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