Kultur : Im Simulator

Denker der Postmoderne: Jean Baudrillard ist tot

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Er war einer der anregendsten Köpfe jener Pariser Intellektuellenszene, die in den letzten 40 Jahren die strenge Ordnung des strukturalistischen Blicks in einem Gemisch aus literarisch-soziologischen, politisch-philosophischen und allgemein kulturkritischen Assoziationen explodieren ließ. Dabei hatte der 1929 in Reims geborene Arbeitersohn Jean Baudrillard seine Karriere bescheiden begonnen: als Deutschlehrer am Lyzeum und nebenberuflicher Übersetzer von Brecht-Gedichten und der frühen, surrealistischen Stücke von Peter Weiss. Später Universitätsdozent und schließlich habilitiert als Professor für Soziologie in der Pariser Trabantenstadt Nanterre, begleitete er den Pariser Mai ’68 bereits als Unterstützer der revoltierenden Studenten. Mitte der 80er Jahre wurde Baudrillard in Paris Direktor des renommierten IRIS (Institut de Recherche et d’Information Socio-Économique). Die kapitalistische Moderne kritisierte er als postmoderner Zeichen- und Zeitenleser. Dabei wurde ihm die Welt des Konsums zum überwältigenden Schein, und mit der Computer- ära sei selbst die Illusion noch um den Rest Realität gebracht. So verhängte Baudrillard über die Gegenwart den Generalverdacht des Virtuellen. Während sein Kollege Paul Virilo den „rasenden Stillstand“ beschwor, wurde Baudrillard zum Vordenker der „Simulation“. Das hatte Einfluss auf die Deutung auch der Bilder in den Irak-Kriegen. Am Dienstag ist Baudrillard, dessen Hauptwerk „Der symbolische Tausch und der Tod“ 1976 erschien, mit 77 Jahren in Paris gestorben. (Ausführlicher Nachruf folgt.) Tsp

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