Ingeborg-Bachmann-Preis : Medienhistorisches Experiment

Eröffnung und Auftakt des Bachmannpreises: Sharon Dodua Otoo hält eine starke Eröffnungsrede über Schwarze Kunst, erste gute Texte gibt es auch.

Starker Start. Die Bachmann-Preisträgerin und in Berlin lebende Autorin Sharon Otoo sprach in der Eröffnungsrede über Rassismus.
Starker Start. Die Bachmann-Preisträgerin und in Berlin lebende Autorin Sharon Otoo sprach in der Eröffnungsrede über Rassismus.Foto: Paul Zinken/dpa

Es ist ein ungewohntes Bild an diesem Mittwochabend, ein halbe Stunde vor der Eröffnung des 44. Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Lesens, das in diesem Jahr aus bekannten Gründen kein Klagenfurter Lesen ist: nichts los im Garten des ORF-Theaters. Nur ein paar Menschen laufen hier und dort herum, alle sehr geschäftig, bis auf die österreichische Schriftstellerin Julya Rabinowich, die an einem Seiteneingang des Studios seelenruhig auf ihr Handy tippt oder ihrem kleinen Hund gut zuredet, der gerade eine Beinamputation hinter sich hat. 

Rabinowich freut sich, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Sie kommentiert zusammen mit dem Wiener Journalisten Heinz Sichrovsky die diesjährigen Tage der deutschsprachigen Literatur, wie der Bachmann-Wettbewerb auch heißt, und zwar aus dem Garten des ORF-Studiogeländes heraus.

Hier hat der Sender eine Tribüne aufgebaut, wo Rabinowich und Sichrovsky mit dem Moderator Christian Ankowitsch sitzen werden, mit ein paar Bäumchen, alles ganz heimelig. Rabinowich fürchtet sich ein wenig vor der hohen Treppe, im Burgtheater sei ihr da bezüglich so einer Treppe mal ein Malheur passiert, erzählt sie, doch bevor sie mit ihrer Geschichte zu Ende kommen kann, ist schon jemand vom ORF da und fordert mich auf, das Gelände zu verlassen, von wegen der Auflagen. Absolutes Zutrittsverbot. 

Also geht es am noch leeren Lendhafen vorbei zurück ins Hotel und ins Internet, wo der Livestream mit der Eröffnung pünktlich kurz nach sieben beginnt. Das ORF-Studio fungiert weiter als Zentrale, von hier aus leitet Moderator Christian Ankowitsch den Wettbewerb.

Er sagt die Reden der Verantwortlichen von den Sendern und den Sponsoren an, dieses Jahr „Botschaften“ genannt; er stellt die Jurymitglieder vor, die in von ihnen gewählten Räumen zuhause oder in Literaturinstitutionen in Berlin, Graz, Wien oder Zürich sitzen; er führt zusammen mit dem im Studio anwesenden Justitiar die Auslosung der Lesereihenfolge aus - und spricht auch kurz mit den jetzt im ORF-Theater sitzenden Rabinowich und Sichrovsky.

Eröffnung verläuft ohne Komplikationen

Das Ambiente ist braunblau anheimelnd, ganz im Gegensatz zur formstrengen Helle sonst bei diesem Wettbewerb. Fehlt eigentlich nur ein Kaminfeuer, (seltsam deplatziert auch das Pflänzchen auf Ankowitschs Moderatorentisch), und als die beiden Kommentatoren zum Moderator kommen, fragt man sich, ob hier jetzt wirklich die Abstandsregeln eingehalten werden.

Und wenn ja, ob zumindest Jury und Autorinnen und Autoren nicht doch hätten kommen können? Zumal es beispielsweise in Klagenfurter Hotels scheint, als sei die Coronakrise wirklich vorbei: von Masken, die nicht mehr getragen werden müssen bis hin zum offenen Frühstücksbüffet. Doch waren es, als der Wettbewerb erst abgesagt, dann als digitaler geplant wurde, natürlich noch andere Coronazeiten und Fallzahlen.

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 Die Eröffnung verläuft jedenfalls recht rund und komplikationslos, von „Fehlern“ und „Zufällen“, die Ankowitsch als Mitbeteiligte der nächsten Tage ankündigt, ist kaum etwas zu bemerken.

Man hätte sich gar mehr Spontanität des Moderators gewünscht. Das eine oder andere Wort mit den Jurymitgliedern hätte er beispielsweise wechseln, zum Beispiel Michael Wiederstein fragen können, was das Paar Schuhe in dessen Hintergrund zu bedeuten hat. Oder Hubert Winkels, vor was für einem Bücherschrank (durch Glas geschützt, wertvolle Ausgaben) er da wohl sitzt.

Eröffnungsrede mit Appell

Die „Botschaften“ waren wie üblich nicht besonders spektakulär; hübsch jedenfalls, wie Klagenfurts Bürgermeisterin Maria-Luise Mathiaschitz darauf verwies, dass ganz Klagenfurt Jahr für Jahr eine Woche während des Bachmann-Wettbewerbs im Zeichen der Literatur stehen würde, auf dem ORF-Gelände, im Lendhafen, in den Cafés und Bars der Stadt (wirklich?) - und wie sie sich schon jetzt auf nächstes Jahr freue, wenn alles wieder im alten Gewand daherkommen soll. 

Am interessantesten auch bei dieser Eröffnung war dann die Rede, in diesem Jahr eine Berliner Rede zur Literatur, von der Bachmannpreisträgerin 2016, Sharon Dodua Otoo. Die Berliner Schriftstellerin stand in den Räumen des LCBs am Wannsee und trug sie hier vor (live? Einmal setzte sie von neuem an…). 

Die Rede hatte was Appellatives, Erwartbares, war jedoch denkbar schön weit weg von so mancher die Klagenfurter Folklore bemühende Rede aus den vergangenen Jahren. Otoo erörterte, wie Sprache einerseits diskriminierend wirken, und mehr noch, wie sie andererseits durch die Wahl ihrer Mittel ein Ort der Repräsentation von Minderheiten sein kann.

Wie „schwarz“ und „Schwarz“ eben was Unterschiedliches meinen, wie erst die Rezeption ihr, Otoos Schreiben zu Literatur werden lasse, die Kunst beispielsweise „Schwarzer Kunstschaffender“ (Otoo besteht hier auf die Großschreibung des Adjektivs schwarz) nie für sich allein stehe: „Sie wird zur Repräsentation einer ganzen Community“. 

Otoo fordert Platz für unterschiedlichste Positionen und Problematiken

Was eine Bürde sein kann, wenn man sich wie Jackie Thomae mit „Brüder“ dem durchaus bewusst in Teilen verweigert. Dass es Platz für die unterschiedlichsten Schreibweisen, Positionen und Problematiken geben müsse, fordert Otoo, sei es Melanie Raabes „Die Falle“ oder Olivia Wenzels „1000 Serpentinen Angst“, für Bücher von Zoe Hagen, Michael Götting und vielen mehr.

Diesen Platz gibt es inzwischen, scheint es, da braucht es eigentlich den Hinweis nicht, dass die deutschsprachige Literaturlandschaft „daran wachsen, davon lernen“ werde. „So oder so schreiben wir Menschen der afrikanischen Diaspora weiter - denn es gibt unendlich viel zu erzählen.“ Was gut so ist. 

Sharon Dodua Otoo hätte Applaus verdient gehabt nach ihrer Rede, der fehlte dann doch - ein „medienhistorisches Experiment“ (Hubert Winkels) wie die Tage der deutschsprachigen Literatur 2020 lässt vieles zu, aber das nicht.

Philipp Tingler fällt unangenehm auf - ist aber ein Gewinn für die Jury

Und so ging es los am Donnerstagvormittag, mit einem hermetisch nervigen Psychotext von Carolina Schutti und drei guten, so manche Welt aufschließenden Texten von Jasmin Ramadan, Lisa Krusche und Leonhard Hieronymi: eine Inspektion der Generation-40-plus, eine bunte Dystopie mit Computerspielatmosphäre, Bots und Avataren. Und ein literarischer Reisebericht auf den Spuren Ovids im rumänischen Konstanza.

Erstaunlich gut funktioniert die Jury- Diskussion, im Fernseh-Bild sind manchmal alle sieben Jury-Mitglieder zu sehen. Mehr als sonst fallen sie sich aber ins Wort (da fehlt der moderierende Eingriff!), vor allem Neujuror Philipp Tingler tut sich da unangenehm hervor. Klaus Kastberger, Hubert Winkels und Insa Wilke sind davon spürbar genervt.

Diese vier dominieren die Diskussionen, Gomringer und leider Wiederstein fallen dagegen ab. Kaum eine Wortmeldung hat Neujurorin Brigitte Schwens– Harrant; erst bei ihrer Autorin Carolina Schutti kämpft sie – was deren Text nicht hilft.

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