Ingo Metzmacher mit dem DSO : Alles fügt sich

Schostakowitschs Sechste Symphonie: Ingo Metzmacher dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester in der Philharmonie.

Der Dirigent Ingo Metzmacher
Der Dirigent Ingo MetzmacherFoto: Doris Spiekermann-Klaas

„Bing, bang – and the symphony is over“, sagte Leonard Bernstein über Schostakowitschs Sechste Symphonie, deren zwei letzte Sätze in ihrer Kürze und verdächtigen Aufgekratztheit in rätselhaftem Kontrast zur ausgedehnten Bekenntnismusik des einleitenden Largos stehen. Ingo Metzmacher und das Deutsche Symphonie-Orchester akzentuieren die Unwucht der Komposition, indem sie den ersten Satz geduldig ausmusizieren (nur in der einstimmigen Passage des Anfangs sind Bläser und Streicher nicht zusammen) und die beiden folgenden in berauschender Virtuosität vorüberziehen lassen.

Es ist der Schlusspunkt eines ungewöhnlich beziehungsreichen Raritäten- Programms, das vom Orchester und seinem ehemaligen Chefdirigenten in der Philharmonie aufgeführt wird: Den späten Gustav Mahler meint man aus Schostakowitschs selten gespielter Symphonie ebenso herauszuhören wie aus Charles Ives „Robert Browning“-Ouvertüre, deren amerikanischen Optimismus Bernd Alois Zimmermanns Trompetenkonzert „Nobody knows de trouble I see“ aus Nachkriegsperspektive zu kommentieren scheint: Zimmermann überblendet Zwölf-Ton-Strukturen mit Jazz-Rhythmen und -klängen und lässt die Melodie des titelgebenden Spirituals immer wieder wie aus Trümmern auferstehen. Die stilistischen Collagen des amerikanischen wie deutschen Komponisten wirken an diesem Abend ungewöhnlich einleuchtend: Entfesselter Ausdruck verbindet sich mit formaler Schlüssigkeit.

Schmetternde Blechbläser, zarte Soli

Das gilt auch für den ersten Satz der zu Beginn des Zweiten Weltkriegs vollendeten und ursprünglich als eine Art Lenin- Kantate projektierten Symphonie von Schostakowitsch. Er hat (vielleicht zu viele) Klagegesänge dieses Typs hinterlassen, aber selten klingen sie thematisch so dicht und zielgerichtet wie hier.

Jedenfalls zeigen Dirigent und Orchester, wie spannend die eigentlich konventionelle Programmfolge von Ouvertüre, Solokonzert und Symphonie gestaltet werden kann, wenn man die richtigen Stücke auswählt. Das DSO glänzt mit schmetternden Blechbläsern und zarten Soli von Oboe, Englisch-Horn und Flöten, Metzmacher zeigt dramaturgische Übersicht und beweist einmal mehr seine Fähigkeit, unterschätzten Komponisten zum Publikumserfolg zu verhelfen. Zudem steht mit Håkan Hardenberger ein genialer Solist auf der Bühne. Er interpretiert Zimmermanns Konzert mit größtem Ernst, sublimiertem Swing und einem bei Trompetern selten zu erlebenden Reichtum an Klangfarben.

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