Kultur : Innig

Der Rias-Kammerchor mit Bruckner und Brahms

Christiane Peitz

Wenn es stimmt, dass Männer entweder Jäger oder Sammler sind, dann gehört Philippe Herreweghe zur Kategorie der Sammler. Typische Geste: die greifende, behutsam den Gesang umschließende Hand. In der Philharmonie legt der Alte-Musik-Meister mit dem Rias-Kammerchor und seinem Orchestre des Champs Élysées Bruckner und Brahms sorgsam aus dem romantischen Unterholz frei und pflückt im Dickicht komplexer Harmonien zarte Klanggewächse.

Vielleicht liegt es an diesem naturreligiösen Musikglauben und am Herreweghe-Ideal eines ehrlichen, integralen Klangs, dass Brahms und Bruckner einander hier nahekommen wie selten. In Brahms’ „Schicksalslied“ zeichnet der Dirigent den Kontrast zwischen irdischem Jammertal und Hölderlins himmlischen Genien mit jener verhaltenen, intelligenten Naivität, die man gewöhnlich Bruckner zuschreibt. Auch bei der „Alt-Rhapsodie“ verzichtet er aufs Theatrale und fokussuiert dessen Abglanz im tonlos ersterbenden Piano: Fata Morgana einer Sehnsucht nach erquickenden Tönen.

Genesung durch Musik? Bruckner hat die letzte seiner drei Messen in f-Moll 1867 nach einem Nervenzusammenbruch in der Hoffnung auf Selbsttherapie komponiert: ein verzweifeltes Werk, das als unaufführbar galt, bis Bruckner 1872 selbst zum Taktstock griff. Schade, dass ihm dabei nicht der Rias-Kammerchor zur Verfügung stand. Der verfügt nämlich über heilende Kräfte. Neben diesem Weltklasse-Ensemble verblassen sogar die (vor den Kontrabässen platzierten) Solisten Ingela Bohlin, Ingeborg Danz, Hans Jörg Mammel und Alfred Reiter. Wenn der Chor zum gleichsam körperlosen Orgelregister verschmilzt, um sogleich in warmherzig gestammeltes Flehen zu wechseln, geraten Bruckners Architekturen wie ein Mobile in Bewegung.

Die Innigkeit und die organische Präzision des Kammerchors stellt Herreweghe ebenso wie sein fingerspitzenfeines Originalinstrumente-Orchester in den Dienst Bruckners. Hier das auftrumpfende C-Dur, das trotzige Bekenntnis zur katholischen Kirche und der gleißende Auferstehungsjubel nach der Herzschlag-Flatline im „Credo“. Dort der Zweifel, die Depression, aufgehoben im Motiv der fallenden Quart, das die gesamte Messe grundiert. Und immer wieder: jähe Stimmungswechsel. Ein paar Takte vor der schlichten Frömmigkeit des A-Cappella-Schlusses im „Dona nobis pacem“ geht das Orchester zitternd in die Knie. Kein gemeinsames Finale: Der Frieden muss warten.

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