• Intendant zur umstrittenen Inszenierung „In Stanniolpapier“: Ulrich Khuon: „Kunst braucht Abgründe“

Intendant zur umstrittenen Inszenierung „In Stanniolpapier“ : Ulrich Khuon: „Kunst braucht Abgründe“

Das Stück „In Stanniolpapier“ soll am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt werden - trotz heftiger Kritik am Regisseur und seiner brutalen Inszenierung. Ein Gespräch mit Intendant Ulrich Khuon.

Plädiert für Respekt. Ulrich Khuon, geboren 1951 in Stuttgart, hat bis 2009 das Thalia Theater Hamburg geleitet. Danach wechselte er als Intendant ans Deutsche Theater Berlin. Seit 2017 ist er zusätzlich Präsident des Deutschen Bühnenvereins.
Plädiert für Respekt. Ulrich Khuon, geboren 1951 in Stuttgart, hat bis 2009 das Thalia Theater Hamburg geleitet. Danach wechselte...Foto: Klaus Dyba

Ulrich Khuon, an Ihrem Haus hatte jüngst im Rahmen der „Langen Nacht der Autoren“ das Stück „In Stanniolpapier“ Premiere. Die Auswahljury hat sich von der Fassung des Regisseurs Sebastian Hartmann distanziert, die Inszenierung soll auch intern sehr umstritten sein. Was ist da los?

Dazu muss ich etwas ausholen. Der Sinn der „Langen Nacht der Autor_innen“ ist ja, Stücke zu entdecken und sie uraufzuführen. Diese Uraufführungen von Siegertexten, die eine Jury auswählt, setzen wir seit einigen Jahren im Verbund mit dem Burgtheater Wien und dem Schauspielhaus Zürich um. Es war unser ausdrücklicher Wunsch, dass „In Stanniolpapier“ von Björn SC Deigner bei uns am Haus stattfindet, das Stück ist uns nicht etwa zugelost worden, ich schätze es sehr. Und dann hat Sebastian Hartmann seinen Weg begonnen, mit der Absicht, den Text umzusetzen.

Was aber nicht passiert ist. Hartmann lässt teilweise nur einzelne Wörter aus dem Stück stehen.

Es entwickelt sich eine künstlerische Energie, das ist die Qualität und das Risiko von Theaterarbeit generell. Im Probenprozess selbst hat der Regisseur eine Fassung entwickelt, die eine deutliche Reduzierung bedeutet, das stimmt. Als wir die gelesen und mit der Dramaturgie diskutiert haben, war uns klar, dass wir uns darüber mit dem Autor und dem Verlag austauschen müssen.

Aber Sie waren mit der Fassung erst mal einverstanden?

Weder einverstanden noch nicht einverstanden. Ich sagte es schon, das sind Prozesse. Regisseure sind doch keine Befehlsempfänger, denen ich mitteile: So geht das jetzt aber nicht.

Es soll Intendanten geben, die das genau so machen.

Ich setze auf eine andere Art des Austausches. In meinem Verständnis von Theater gehe ich Wege mit, und ich gestalte sie auch mit. Ich halte mich nicht heraus, aber ich bringe beiden Seiten, Autor und Regie, einen Respekt entgegen. Dass es zu Verwerfungen kommen oder kompliziert werden kann, ist meiner Meinung nach Teil des Projekts. Wir machen ja nicht auf sicheren Wegen einen Spaziergang hinter einem Stück her, sondern wagen ein Abenteuer, eine Eroberung, die je nachdem großartig oder schrecklich, sehr schwierig oder sehr schön werden kann.

Aber Sie haben es selbst schon gesagt: Der Sinn der „Langen Nacht der Autoren“ ist es nicht, Regiehandschriften vorzustellen.

Natürlich fand ich diese Textreduzierung auch heikel. Mein Wunsch ist ein anderer. Nämlich das Stück, wie es geschrieben ist, zum Blühen zu bringen. Weil das mit der Fassung von Sebastian Hartmann so nicht mehr möglich war, haben sich Regisseur, Verlag, Dramaturg und Autor getroffen und ausgetauscht. Mit dem Verlag gemeinsam fiel dann die Entscheidung, das Wort Uraufführung durchzustreichen – jetzt ist es eine Inszenierung, die das Anliegen des Textes je nach Blickwinkel zum Leuchten bringt, konterkariert, mit dem Text geht oder gegen ihn.

Wie hat der Autor reagiert?

Extrem fair. Er hat, glaube ich, gespürt, dass wir nicht zynisch oder wegwerfend mit seinem Stück verfahren wollen. Wir haben dem Programmheft zu „In Stanniolpapier“ nicht nur ein Statement der Jury beigelegt, sondern auch den originalen Stücktext, sodass jeder Zuschauer vergleichen und sich sein eigenes Bild machen kann.

Das Stück erzählt vom Leidensweg einer Frau namens Maria, die Missbrauch und Vergewaltigung erlebt, zur Sexarbeiterin wird. Die Schauspielerin Linda Pöppel spielt das fast durchweg nackt, live gefilmt, in einer extrem stilisierten Inszenierung. Man könnte Hartmann eine Ästhetisierung von Gewalt gegen Frauen vorwerfen.

Meiner Ansicht nach ist das Gegenteil der Fall. Ich wüsste gar nicht, wie man diese Unterdrückung, diesen Missbrauch, diesen Lebens- und Leidensweg anders als in der Härte darstellen sollte, die Hartmann wählt. Das Verletzungspotenzial, um das es geht, muss doch zum Teil der Aufführung werden. Will man daraus eine Diskursveranstaltung machen? Kunst bewegt sich in riskanten Zonen, und dazu gibt es natürlich unterschiedliche Haltungen. Ich finde, die Gewalt ist kein bisschen ästhetisiert, sondern extrem anstrengend und aufreibend.

Schon klar, dass da eine Schauspielerin ihren Beruf ausübt. Trotzdem bleiben es ja Körper auf der Bühne, mit denen etwas angestellt wird. Reproduziert das letztlich nicht nur die Verhältnisse, die man zu kritisieren vorgibt?

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Nein, da muss ich widersprechen. Nichts wird reproduziert, sondern die Schauspielerin gestaltet selbstermächtigt einen Prozess mit. Für mich ist in der gesamten künstlerischen Arbeit der Freiwilligkeitsbereich entscheidend. Solange der gewährleistet ist, sollten wir im Theater gerade nicht die Reibungen meiden und bloß noch diskursfähige Sachlichkeitsveranstaltungen aufziehen. Kunst braucht Abgründe. Die entscheidende Frage ist: Wie selbstbestimmt sind alle Beteiligten dabei?

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