"Bei Christa Wolf versuche ich, das Kammerspiel für mich neu zu erfinden"

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Interview mit Armin Petras : „Die DDR war eine Truman Show"
Probenszene aus "Der geteilte Himmel" mit Jule Böwe und Tilman Strauß
Probenszene aus "Der geteilte Himmel" mit Jule Böwe und Tilman StraußFoto: Dorothea Tuch

Christa Wolf beschreibt differenziert und mit vielen kritischen Beobachtungen die frühe DDR als ein junges Land, voller Hoffnung auf eine gelingende Zukunft. „Das ganze Land war in Unruhe und Aufbruchsstimmung“, denkt Rita, die junge Hauptfigur. Ist das Verklärung und Propaganda oder ein halbwegs genauer Blick?
Das ist keine Propaganda. Ich bin davon überzeugt, dass es diese Aufbruchsstimmung gab. Das findet man auch in den Büchern von Franz Fühmann oder Werner Bräuning, in den Filmen von Jürgen Böttcher oder Frank Beyer. Es gab trotz des 17. Juni 1953 viele Menschen, die in den sechziger Jahren an dieses Land geglaubt haben, trotz der Zweifel, die man in den Tagebüchern von Christa Wolf auch lesen kann. Was mich an dieser Zeit so interessiert, ist zum Beispiel die Frage, was es mit Menschen macht, wenn es so etwas wie eine gesellschaftliche Idee gibt. In Stuttgart hat vor kurzem ein riesiges Einkaufszentrum eröffnet, angeblich das größte Deutschlands. Die Werbung dafür zeigt einen jungen Mann, der eine junge Frau auf den Schultern trägt, mit vier goldenen Paketen. Darüber steht der Satz „Ich kann endlich so lange shoppen, wie ich will.“ Das sind offenbar heutige Vorstellungen von Utopien. Im Kontrast dazu interessieren mich die Ideen und das Lebensgefühl, von dem Christa Wolf schreibt.

Wie gehen Sie mit diesem empfindsamen, leisen Text auf der Bühne um?
"Der geteilte Himmel" ist kein dramatisches Werk. Es ist wie vieles bei Christa Wolf sehr lyrisch, verhalten, introvertiert, fein. Und es ist die Erzählung einer jungen Frau, die damit ihr allererstes Buch schreibt. Ich verwende in meinen Inszenierungen gerne Trash und viele unterschiedliche Mittel und Stile. Genau das mache ich hier nicht. Ich versuche, so etwas wie ein neues Kammerspiel für mich zu erfinden.

Da werden Petras-Fans enttäuscht sein.
Tja, schade. Aber da kann ich auch nichts machen. Ich bin daran gewöhnt, dass irgendwer immer enttäuscht ist.

Unternehmen Sie so etwas wie die Archäologie eines untergegangenen Landes?
Absolut. Der Text ist in der Beobachtung sehr genau, er zeigt, wie mühsam und ineffizient es etwa in der Wirtschaft zugeht. Die Gründe, weshalb Manfred, Ritas Freund, nicht mehr in diesem Land leben will und nicht mehr daran glauben kann, sind absolut ernst gemeint. Diese Desillusionierung oder Enttäuschung 1963 so genau zu beschreiben, ist alles andere als SED-Propaganda – auch wenn dem Buch zunächst im Westen genau das vorgeworfen wurde. Die Erzählung ist der mutige Versuch einer jungen Künstlerin, DDR-Wirklichkeit zu beschreiben. Das ist jenseits von allem, was damals im „Neuen Deutschland“ stand.

Ab und zu stolpert man bei Christa Wolf schon über ideologische Schablonen – etwa wenn zwei Figuren ausgerechnet dadurch zu guten Sozialisten und loyalen DDR-Bürgern wurden, dass sie in Sibirien Zwangsarbeit leisten mussten.
Ich muss zugeben, dass ich solche Passagen, die es in dem Buch gibt, nicht unbedingt zum Zentrum meiner Inszenierung mache. Vielmehr interessiert mich, dass Christa Wolf selber öfter das erlebt hat, was ihre Romanfigur Rita durchmacht. Sie hat immer wieder in Lebenskrisen schwere Depressionen bekommen und musste ins Krankenhaus. Sie hat ihre Krisen in ihren Büchern verarbeitet.

Die DDR, die Sie in den achtziger Jahren erlebt haben, haben Sie mal als „schlechten Witz“ beschrieben. Ich nehme an, Ihr Blick zurück ist nicht besonders sentimental.
Sicher nicht. Meine Freunde hatten alle Schwierigkeiten. Die Autoritäten waren gefährliche Witzfiguren. Für mich war das wie im Film „Die Truman Show“. Man fragte sich, was für ein bizarres Stück führen die hier auf. Mitte der achtziger Jahre war klar, das wird nichts mehr. Ich war 19 oder 20, als mir ein BE-Schauspieler – natürlich unter Alkohol, aber absolut ernst gemeint – sagte, mach, dass du wegkommst, das bricht hier alles zusammen. Das war Konsens. Deshalb lohnt es zu schauen, wann das anfing, eine Farce zu werden – und nicht arrogant davon auszugehen, dass dieses Land schon immer ein schlechter Witz war. Man liest die Erzählung von Christa Wolf und denkt, dass es auch hätte anders kommen können. Es gab doch nicht nur Stalinisten und Duckmäuser, auch suchte man 1949 nicht nur in der DDR nach einer anderen Zukunft. Das Ahlener Programm der CDU von 1947 ist kapitalismuskritischer als alles, was die Linkspartei heute fordert. Es macht mir auch einfach Spaß, ausgerechnet am Kurfürstendamm ein linkes, sehr ostdeutsches Werk zu zeigen. Das ist die denkbar fremdeste Umgebung für diesen Stoff.

Erinnern Sie sich an Ihren Abschied von der DDR?
Das war 1988. Freunde und ich machten damals in Ost-Berlin mehr oder weniger illegal Theater. Eines Mittags um 12 Uhr bekam ich einen Brief, dass ich bis Mitternacht das Land zu verlassen hätte. Wir hatten aber am nächsten Tag in der Zionskirche Premiere mit „Technik des Glücks“ von Franz Jung, ich sollte mitspielen. Von den zwölf Stunden, die ich noch in der DDR hatte, habe ich acht Stunden die Umbesetzung geprobt. Danach haben mich alle zum Grenzübergang gebracht. Die Premiere fand am nächsten Tag statt, es war meine einzige Premiere, bei der ich nicht selbst dabei sein konnte.

Das Gespräch führte Peter Laudenbach.

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