• Interview mit Burghart Klaußner: "Mehr Singen, mehr Abheben - das brauchen wir im deutschen Film"

"Die Travestie, Anarchismus, Komödie, das würde mich mehr interessieren"

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Interview mit Burghart Klaußner : "Mehr Singen, mehr Abheben - das brauchen wir im deutschen Film"
Den Bayerischen Filmpreis erhielt er schon für seine Fritz-Bauer-Rolle, im Januar in München.
Den Bayerischen Filmpreis erhielt er schon für seine Fritz-Bauer-Rolle, im Januar in München.Foto: dpa

Sie haben eine ganze „Galerie deutscher Männer“ gespielt, wie Sie es nennen, Unternehmer, einen Pastor, Bürgermeister, Machtmenschen, den Nazi in „Elser“ und jetzt Fritz Bauer. Haben Sie dabei etwas über das Deutsch-Sein gelernt?
Der Fundus an finsteren Figuren bei uns ist nicht klein, es gibt durchaus immer wieder Monströses in der deutschen Geschichte. Für einen Schauspieler sehr ergiebig, dieses Shakespeare’sche Gestalten-Arsenal. Bestimmt gibt es das auch in anderen Ländern – es wäre ein Hochgenuss, mal Churchill zu spielen –, aber wir sind nun mal hier. Wobei mit Fritz Bauer für mich etwas zum Abschluss kommt, ich muss nicht auch noch Kaiser Wilhelm spielen. Die Umkehr würde mich interessieren, die Travestie, Anarchismus, pure Komödie.

Zum Beispiel?
Nestroy würde ich gern mal hier machen. Von allen deutschsprachigen Autoren kommt er der Anarchie des Wahnsinns am nächsten, allem biedermeierlichen österreichischen Idiom zum Trotz. In unseren Filmen vermisse ich außerdem die Verquickung von Politischem und Persönlichem, wie etwa bei Hans-Christian Schmids Meisterwerk „Sturm“. Nach allem, was man gerade aus Cannes von Maren Ades Film „Toni Erdmann“ gehört hat, ist es da endlich wieder der Fall. Tragikomödien, Gegenwarts-Luftblasen mit einer gewissen französischen Leichtigkeit, davon gibt es bei uns zu wenig. Meine Entertainer- und Musikerauftritte wollen in diese Richtung.

Wie hemmungslos muss man als Schauspieler sein? Bei Ihren ersten sechs Theaterengagements traten Sie nackt auf.
Glauben Sie mir, es hat sich so ergeben. Mit George Taboris „Pinkville“ 1971 fing es an, nackt in einer Kirche in Buckow. Dann „Wildwechsel“ von Franz Xaver Kroetz in der Werkstatt des Schiller Theaters, Thomas Braschs „Rotter“ in Stuttgart ... Das ist für junge Schauspieler heute nicht weniger reizvoll: Weiter als nackt kann man nicht gehen.

2010 wurde Burghart Klaußner mit dem Deutschen Filmpreis für seine Rolle als züchtigender Pastor in Michael Hanekes "Das weiße Band" ausgezeichnet.
2010 wurde Burghart Klaußner mit dem Deutschen Filmpreis für seine Rolle als züchtigender Pastor in Michael Hanekes "Das weiße...Foto: dpa

Tabori nannte Sie den „Always no“: Sie überwarfen sich mit dem Schaubühnen-Ensemble, blieben nicht lang am Schiller Theater. Sie waren ein richtiger Rebell?
Den Menschen ins Gesicht springen, sie überwältigen wollen, das gehört zum Beruf. Es war Zeit, den alten Ballast abzuwerfen, dieses merkwürdige bayrische Leben, wo man auf Skifahren und Biertrinken getrimmt werden sollte. Alle anderen sind richtig, nur ich bin falsch... Meine Güte, es ist lange her. Lassen Sie uns über die Gegenwart sprechen. Mich fasziniert, was ich zur Zeit in Dresden bei „Terror“ erlebe.

Da stimmen die Zuschauer ab, ob der Pilot der Luftwaffe schuldig ist oder nicht, weil er ein von Terroristen gekapertes Passagierflugzeug abgeschossen hat, das auf ein vollbesetztes Stadion zusteuert.
In den meisten Inszenierungen in Deutschland wird er freigesprochen. Was immer das bedeuten mag: Plötzlich ist Theater wieder ein Forum, in dem Menschen sich ernst genommen fühlen, zudem ein Ort von verblüffender Lebendigkeit. Republikanisch, kontrovers.

Film ist Begegnung, Theater ist Heimat, sagen Sie.
Ein Theater ist ein Haus, eine Freiheit in Mauern. Weil man im Theater länger zusammen ist, ist es auch freundschaftsfähiger. Film ist ein Wanderzirkus, wobei Affentheater dort aber schnell teuer wird. Also verträgt man sich eher, es finden weniger pathologische Prozesse statt. Das Spielen ist eine Zerreißprobe: Man will in der Öffentlichkeit stehen und gleichzeitig vor ihr behütet werden. Inzwischen denke ich, ein Schauspieler hat die Aufgabe zu verschwinden, vielleicht kann man es bei „Fritz Bauer“ ja sehen. Die Perücke, der Dialekt, total übertrieben – aber vielleicht funktioniert es, jedenfalls deckt es sich mit dem Wunsch zu verschwinden.

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