• Interview mit Burghart Klaußner: "Mehr Singen, mehr Abheben - das brauchen wir im deutschen Film"

Und wie verändert Erfahrung das Schauspielen, Herr Klaußner?

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Interview mit Burghart Klaußner : "Mehr Singen, mehr Abheben - das brauchen wir im deutschen Film"
Burghart Klaußner, Jahrgang 1949, lebt in Hamburg und Berlin.
Burghart Klaußner, Jahrgang 1949, lebt in Hamburg und Berlin.Foto: dpa

Und wie verändert Erfahrung das Spielen?
Außer dass man das Lampenfieber los wird, lehrt sie eben das: dass es mehr ums Verschwinden geht als ums Auftrumpfen, um Hingabe statt Dreingabe, darum, auch etwas wissen zu wollen, nicht nur etwas zu behaupten. Die Grundfeste ist und bleibt das Verkleiden, das Verwandeln. Die magische Wirkung eines Kostüms, die Komplettverwandlung des inneren Zustands durch eine kleine Zutat, das ist immer wieder ein Hochgenuss für mich. Es kann eine Uniform sein, ein Frack, ein Blaumann, ein Hörgerät wie in „Requiem“ als Vater von Sandra Hüller, der gleichzeitig den Scheitel auf der falschen Seite trägt. Ein Zeichen der Unsicherheit.

Beobachten Sie Menschen wegen solcher Details?
Das ist die andere Grundfeste: der Hunger auf die Welt, das nie erlahmende Interesse an Menschen. Dieses Verstehen-Wollen, sich ins Erstaunen-setzen-Lassen von den anderen, das ist der größte Schatz. Welcher andere Beruf bekommt ununterbrochen so viele Anregungen? Ich kann permanent beobachten, wie das Äußere sich mit dem Inneren verbindet, was es mit Vorurteilen auf sich hat, ob sich einlöst, was man sieht. Ich erinnere mich, wie ich als junger Mensch mit dem Rad durch die Gegend fuhr und mich laut fragte: Was ist hier los? Was um Himmels willen ist hier eigentlich los?? Es beschäftigt mich bis heute, und das Tolle an meinem Beruf ist, dass ich dem ständig nachgehen kann.

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Wenn Sie zurückblicken, welchen Fehler würden Sie nicht mehr machen?
Ich würde mich (denkt lange nach) – nicht mehr so mit Hans Lietzau anlegen.

Sie stritten sich mit dem Intendanten des Schiller Theaters unter anderem über Heiner Müller und flogen nach anderthalb Jahren raus.
Er war ein großer Theatermann, aber er hatte es schwer. Er konkurrierte mit Peter Stein an der Schaubühne, sie arbeiteten teilweise mit denselben Schauspielern. Lietzaus „Prinz von Homburg“ war großartig, aber Steins „Prinz von Homburg“ war noch großartiger, eine entsetzliche Zwickmühle. Bei allem Wunsch nach Autonomie und eigenem Kopf: Ich würde Hans Lietzau am 15. Mai 1972 gerne einen Satz länger zugehört haben.

Sie haben Neil MacGregors Deutschland-Buch als Hörbuch eingesprochen. Darin schreibt der britische Historiker, ein Land werde von seinen Dichtern und Malern ebenso zusammengehalten wie von seinen Regierungen und Grenzen. Können Schauspieler da etwas beisteuern?
Sagen wir mal so: In jedem von uns steckt ein Stück nationaler Herkunft, Identität, Geschichte. Deshalb ist die Beschäftigung mit der deutschen Sprache und dem Fundus an Literatur und Geschichten natürlich auch identitätsfördernd. Außerdem glaube ich, dass die Bedeutung von Kunst und Kultur in dem Maß zunimmt, in dem die Religiosität erschlafft. Die Zukunft liegt nicht in der Religion, sondern in der Kunst. Was wir als Schauspieler tun, ist immer auch ein Appell an das Öffentliche, an das Gemeine. Das spüre ich im Theater oder auch in Kinovorstellungen: Die berühmte Stecknadel im Heuhaufen fällt nicht, wenn man alleine ist.

Sie können als Schauspieler Gemeinschaft stiften?
Kann ich das? Ich weiß nur, dass wir es brauchen. Wenn alle im selben Moment das Gleiche erleben, hat es etwas Spirituelles. Und es ist tröstlich, weil man in diesem Moment geschützt ist. Wer mit mir lacht, wird nicht mein Mörder. Wir brauchen mehr „Toni Erdmann“, mehr von dem, was einer wie Herbert Fritsch am Theater macht. Mehr Singen, mehr Abheben, mehr Sich-Vergessen. Daran werden wir arbeiten.

– Das Gespräch führte Christiane Peitz.

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