Interview mit Christoph Stölzl : „Jüdische Geschichte geht nur mit Israel“

Im Streit um das Jüdische Museum soll er vermitteln. Der Historiker Christoph Stölzl über guten Zorn und Briefe aus Jerusalem.

Streitklotz. Das Jüdische Museum in Berlin.
Streitklotz. Das Jüdische Museum in Berlin.Foto: imago images / United Archives

Herr Stölzl, wie haben Sie die Ereignisse am Jüdischen Museum wahrgenommen?
Ich habe in Weimar zuerst nur aus den Zeitungen davon erfahren. Dass jemand über fehlende Anführungsstriche in einem Tweet stürzt, fand ich erstaunlich. Jetzt, wo ich mich in den Fall vertieft habe, weiß ich, dass die Konfliktlinien tiefer liegen.

Es gab damals Kritik an einem Tweet des Museums, der Wissenschaftler nicht richtig zitierte. Wo liegen denn die Konfliktlinien?
Dieses Museum war sehr erfolgreich unter der Gründungsleitung von W. Michael Blumenthal. Als politisch erfahrener alter „Löwe“ hat er alle beschützt. Das Museum musste sich auch bei kontroversen Themen kaum rechtfertigen. Blumenthal wollte, dass die deutsche Gesellschaft aus der amerikanischen Erfahrung lernt, wie man in multikulturellen, multireligiösen Migrationsgesellschaften fair miteinander umgeht. Aus dieser Idee heraus entstand 2012 die Michael Blumenthal-Akademie. Ein Museum, wenn es sich nicht der zeitgenössischen Kunst widmet, ist bei aller Freude an der Aktualität vor allem eine Erinnerungsmaschine, die Vergangenheit erschließt. In einer Akademie aber steht das miteinander Reden und Streiten, das Aufgreifen aktueller Themen im Vordergrund. 2012 war das sicher weniger problematisch als heute, seit der Intensivierung der Migrationsdiskussion seit Herbst 2015. Die Akademiethemen Migration, Minoritäten, Verhältnis zwischen Islam und Judentum werden von vielen heute eben als hochpolitisch und hochkontrovers wahrgenommen.

Zur Person

Christoph Stölzl, Jahrgang 1944, ist Präsident der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar. Der Historiker publizierte über Jüdische Geschichte, war Museumsdirektor in München und von 1987 bis 1999 Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Er beriet die Regierung Helmut Kohls bei der Einrichtung der Neuen Wache als Gedenkstätte und beim zweiten Wettbewerb für das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Als Berliner Kultursenator handelte er die Übernahme des Jüdischen Museums durch den Bund aus. Stölzl ist beteiligt am Projekt „Exilmuseum“, das am Anhalter Bahnhof gebaut werden soll. Nach dem Rücktritt Peter Schäfers als Direktor des Jüdischen Museums Berlin (JMB) berief Kulturstaatsministerin Monika Grütters Stölzl als „Vertrauensperson“ für den Stiftungsrat. Kurz vor dem Gespräch war Christoph Stölzl bei den Bregenzer Festspielen, wo sein Sohn Philipp Stölzl gerade Verdis „Rigoletto“ auf der spektakulären Seebühne inszeniert hat.

Wie kamen Sie zu Ihrer Aufgabe?
Wenn man von der Staatsministerin für Kultur gefragt wird, ob man helfen kann, tut man das, wenn die Gründe überzeugend sind und man eine persönliche Beziehung zum Problem hat. Ich kenne die Frühgeschichte des JMB sehr gut und habe schon einmal, im Jahr 2001, bei einer entscheidenden Weichenstellung helfen können.

Was haben Sie jetzt konkret vor?
Das Wort „Vertrauensperson“ sagt sehr schön, worum es geht: wieder Vertrauen zu stiften nach einer Phase, wo viel übereinander, auch verletzend, und wenig miteinander gesprochen worden ist. Ich bin friedensstiftend zwischen den Linien unterwegs und suche nach der Schnittmenge im Streit um die Richtung des Museums. Im JMB plädiere ich dafür, Kritikpunkte offen zu diskutieren und sich nicht einzuigeln. Hauptsächlich aber möchte ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dabei helfen, getrost weiterzuarbeiten an ihren Großprojekten: In zehn Monaten sollen die neue Dauerausstellung und das Kindermuseum eröffnet werden.

Sprechen Sie auch mit Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, der das Museum so deutlich kritisiert hatte?
Ich hatte ein langes und gutes, sehr grundsätzliches Gespräch mit ihm – das war mir ganz wichtig. Außerdem bin ich im Dialog mit all jenen, die sich anschließend publizistisch zu Wort gemeldet haben. Beispielsweise mit Alan Posener, Götz Aly, Michael Wolfssohn und Andreas Kilb. Und auch mit denen, die sich gut auskennen: Andreas Nachama, der Vorsitzende des Allgemeinen Rabbinerverbandes, dem Historiker Hermann Simon und auch Dan Diner, der ehemalige Professor für Moderne Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Auf meiner Liste sind noch viele unverzichtbare Namen, vor allem aus den Stiftungsgremien. Ich bin ja erst am Anfang.

Vermittler. Christoph Stölzl soll im Streit ums Jüdische Museum schlichten.
Vermittler. Christoph Stölzl soll im Streit ums Jüdische Museum schlichten.Foto: picture alliance/dpa

Worüber reden Sie mit den publizistischen Kritikern genau?
Ich möchte wissen, wie sie das Haus auf lange Sicht sehen. Ein Zeitungsartikel ist ja immer nur die Spitze des Eisbergs; mich interessiert die Gesamtschau der Kritiker, nicht eine „Blattkritik“. Erstes Ergebnis: Alle sind hoch engagiert, alle halten das JMB für eine unverzichtbare Institution mit Zukunft. Das ist ja schon mal etwas sehr Gutes. Das habe ich auch in der Vollversammlung des Museums gesagt: Es hat auch etwas Positives, dass über euch so gestritten wird. Öffentliche Wahrnehmung zu erringen, und sei sie sehr kritisch, ist doch der Wunsch aller Museumsleute. Dass das, was man tut, nichts Antiquarisches ist, was achselzuckend abgelegt wird. Sondern dass es viele Leute sehr bewegt, bis zum Zorn.

Was sicher nicht der Traum aller Museumsleute ist: Dass ein ausländischer Regierungschef wie der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vergangenes Jahr an die Bundeskanzlerin schreibt und ihr nahelegt, die Förderung des Jüdischen Museums einzustellen.
Das war in der Tat höchst ungewöhnlich – und vollkommen aussichtslos. Deutsche Kulturinstitutionen handeln im Geiste des Grundgesetzes. Darin sind Wissenschafts-, Kunst- und Meinungsfreiheit verbürgt. Die Bundesregierung hat sich unmissverständlich dazu bekannt.

Soll ein Jüdisches Museum in Berlin sich primär mit jüdischer Kultur und Geschichte befassen, sich also innerjüdisch orientieren, oder soll es sich öffnen für andere Diskurse, über Migration und Rassismus?
In seinem Gründungsgesetz steht, dass sich das Museum mit der Geschichte des Judentums in Deutschland befasst und mit seinem wechselhaften Verhältnis zur nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft. Auch die Ausstrahlungen der jüdischen Kultur in die Welt hinaus werden im Gründungsgesetz genannt. Das Jüdische Museum muss sich aus dieser Themenfülle klug seine eigene Ausstellungs- und Veranstaltungsdramaturgie suchen.

Aber auch in einem anderen Sinne ist das Thema Judentum universell.
Die jüdische Geschichte ist nicht erst seit der Shoa im 20. Jahrhundert ein Feld, in dem all die großen Menschheitsfragen aufgeworfen sind. Wie man die Balance schafft zwischen der Nahsicht auf die Geschichte der deutschsprachigen Juden und die Diskussion von globalen Gegenwartsthemen, ist Sache der Museumsarbeit. Sicher wäre es hilfreich, sich anlässlich des Direktionswechsels einmal zu einem gründlichen, auch selbstkritischen Gedankenaustausch über die Akademie an einen Tisch zu setzen.

Streitklotz. Das Jüdische Museum in Berlin.
Streitklotz. Das Jüdische Museum in Berlin.Foto: imago images / United Archives

Es sind Stimmen laut geworden, die sich eine jüdische Leitung des Museums wünschen.
Vergangene Woche wurde die Stelle öffentlich ausgeschrieben. In der Anzeige wird keine Forderung nach Zugehörigkeit zu einer jüdischen Gemeinde erhoben – das wäre auch juristisch kaum denkbar. Aber es versteht sich von selbst, dass die neue Direktorin oder der neue Direktor sich in jüdischer Kultur und Geschichte exzellent auskennen muss.

Was, wenn niemand den Job machen will, weil er zu kontrovers ist?
Das kann ich mir nicht vorstellen. In einem Haus von solcher musealer Prominenz Verantwortung zu übernehmen, sollte die Besten aus dem Museumsleben anziehen. Große Herausforderungen schrecken doch nicht nur ab, sondern ziehen auch Mutige an. Das kann man sich hier nur wünschen! Das Thema Judentum mit seiner ungeheuren Bedeutung in Religions- , Sozial und Kulturgeschichte ist seit Jahrhunderten eng verwoben mit unserer europäischen Vergangenheit und Gegenwart, aber auch mit der Weltgeschichte. Man kann nicht jüdische Geschichte ohne Israel denken. Wer in dieser Gemengelage arbeitet, braucht politische Klugheit, Empathie, Behutsamkeit und – allem voran – strengste Wissenschaftlichkeit.

In „This Place“, der aktuellen Fotoausstellung des Museums, beeindrucken vor allem die Aufnahmen Josef Koudelkas von der israelisch-palästinensischen Sperranlage. Bilder, die den Zorn konservativer Kreise in Israel auf sich ziehen könnten. Kommt bald der nächste Brief aus Jerusalem?
Ein japanisches Sprichwort sagt: Ein Bild wird erst fertig im Auge des Betrachters. Will sagen: Das Echo auf Kunstwerke gehört untrennbar zu diesem dazu. Das ist bei fotografischen Kunstwerken nicht anders als bei einem Gemälde oder einer Skulptur. Ich habe nicht mitzureden in der Ausstellungsgestaltung des JMB, aber es gibt Beispiele, wie andere Museen sehr erfolgreich Kritik an ihrer Arbeit ganz öffentlich sichtbar in diese selbst integriert haben. Kritik ist doch nicht etwas, was man schamhaft verstecken muss, sondern legitimer Teil des Gesamtkunstwerks Museum.

Was ein Jüdisches Museum von einem Verkehrsmuseum oder einer Gemäldegalerie unterscheidet: Die Politik wird immer wieder an so ein Haus herangetragen werden.
Das macht die Größe, das Herausragende, aber auch die große Verantwortung aller Beteiligten deutlich. Eine Inszenierung am Theater kann einmal vollkommen misslingen, wird dann verrissen und verschwindet auf Nimmerwiedersehen vom Spielplan. Einer Dauerausstellung im Jüdischen Museum darf das nicht passieren.

Bis wann soll die neue Direktion gefunden sein?
Die Ausschreibung nennt den März 2020 als Dienstbeginn. An Findung und Entscheidung bin ich übrigens gar nicht beteiligt, und das ist auch gut so. Eine anteilnehmende, überall Türen öffnende, aber von allen „Weisungsbefugnissen“ freie Rolle der „Vertrauensperson“ tut der Sache nur gut.

Michael Wolffsohn findet im Tagesspiegel bereits die Idee eines eigenen Jüdischen Museums problematisch, weil es Juden quasi aufs Neue ghettoisiert. Sehen Sie das Ähnlich?
Nein. Ich schätze Michael Wolffsohn für seine pointierten und leidenschaftlichen Stellungnahmen, aber das halte ich doch für falsch. Dafür ein paar Beispiele: Verstehen wir Heinrich Heine mehr als literarisches Genie oder als bewegendes Schicksal in der Emanzipationsgeneration? Kann man James Simon eher als preußischen Pionier der Ägyptologie sehen oder als jüdischen Philantropen? Walther Rathenau mehr als deutschen Politiker oder als jüdischen Märtyrer in der Epoche des Antisemitismus? Else Lasker-Schüler mehr als Figur der Avantgarde oder als jüdische Poetin? Bei all diesen Biografien mischt sich das eine mit dem anderen. Wenn das Jüdische Museum ernst macht mit seiner Gründungsverfassung, die ja einen umfassenden Blick fordert, dann meine ich, dass Michael Wolffsohn keine Sorgen haben muss. Es gibt eben keine scharfe Trennung von jüdischer und allgemeiner Geschichte.

Shimon Stein und Moshe Zimmermann haben, ebenfalls im Tagesspiegel, darauf hingewiesen, dass israelische Nationalkonservative versuchen, auch Museen im Ausland kulturpolitisch zu beeinflussen.
Da wird man in diplomatischer Höflichkeit darauf hinweisen: Kulturinstitutionen in Deutschland tragen die Verantwortung für ihre Arbeit selbst und sind dabei ihrem Gründungsauftrag und ihrem wissenschaftlichen, moralischen und ästhetischen Gewissen verpflichtet – worüber selbstverständlich auch die verantwortlichen Gremien wachen. Die Gremien des JMB sind hochkompetent besetzt – die in- und ausländische Öffentlichkeit kann da voll vertrauen.

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