Interview mit Constantin-Chef Martin Moszkowicz : „Corona kommt noch obendrauf“

Der Filmproduzent und Constantin-Chef Martin Moszkowicz über die Folgen der Pandemie für den deutschen Film, die staatlichen Hilfen – und die Tücken von Drehs mit Abstand.

Martin Moszkowiz mit der Filmemacherin Doris Dörrie bei der Berlinale 2020. Die beiden sind seit 1999 ein Paar.
Martin Moszkowiz mit der Filmemacherin Doris Dörrie bei der Berlinale 2020. Die beiden sind seit 1999 ein Paar.Foto: Imago/Bedrosian

Martin Moszkowicz hat seinen Vertrag als Constantin-Vorstandsvorsitzender gerade verlängert. Vorstandsmitglied Oliver Berben, zuständig für TV und digitale Medien, wurde sein Stellvertreter. Der Münchner Unterhaltungskonzern („Der Schuh des Manitu“, „Der Untergang“, „Fack ju Göhte“) hat damit einen rein männlichen, vierköpfigen Vorstand. „Ich würde mir wünschen, dass es schneller geht“, sagt Moszkowicz zur Frage, warum sich bei der Gleichstellung in der Firmenspitze nichts tut.

Er verweist darauf, dass als Produzentinnen mehr Frauen als Männer arbeiten (28 von 44), auch die Regiequote sei ordentlich. „Ich bin hundert Prozent der Meinung, dass gemischte Teams bessere Ergebnisse erzielen, und hoffe sehr, dass wir in der Krise nicht in alte Rollenstereotypen zurückfallen“, sagt er am Ende des online geführten Gesprächs.

Herr Moszkowicz, 50 Millionen Euro zahlt der Bund den Filmproduzenten jetzt für pandemiebedingte Ausfälle. Zufrieden?
Es geht ja um eine Ausfallgarantie, das heißt, wenn alles gut geht, muss der Bund gar nichts zahlen und wir bekommen viele Kurzarbeiter wieder in reguläre Arbeit. Aber Politik ist ja kein Wunschkonzert. Wir sind zufrieden, dass geholfen wird, aber es hapert bei der Umsetzung, die extrem komplex ist. Noch wird verhandelt.

"Ein anderes Problem sind die vielen Freiberufler, die durchs Raster fallen"

Wir Produzenten kritisieren zum Beispiel, dass der Fonds nicht für Fernsehauftragsproduktionen gilt. Die Sender übernehmen „großzügig“ 50 Prozent des Ausfalls: Wieso sollen wir bei einer 100-prozentigen Auftragsproduktion die übrigen 50 Prozent tragen? An den Erlösen und den Rechten sind wir null beteiligt, aber am Risiko zur Hälfte?

Ein anderes Problem sind die vielen Freiberufler, die durchs Raster fallen. Das Problem ist erkannt, wird aber von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich gelöst. Kein Künstler lässt sich gerne „verharzen“.

Kulturstaatsministerin Grütters betont, die Grundsicherung für Solo-Selbstständige sei etwas ganz anderes als Hartz IV.
Aber in einigen Bundesländern werden Antragssteller auf Hartz IV verwiesen. Wir müssen alle die Ärmel hochkrempeln, ich will nicht jammern. Bisher geht es uns doch vergleichsweise gut: In Deutschland geht die Politik vernünftig mit der Pandemie um. Alleine ein Instrument wie die Kurzarbeit existiert in dieser Form in keinem anderen Land.

In den USA, wo wir auch eine Tochtergesellschaft betreiben, ist es wegen der Hire-and-Fire-Mentalität viel härter. Wir haben Glück im Unglück. Auch bei uns konnte die gesamte Belegschaft bleiben, selbst die Crews der gestoppten Produktionen zu einem großen Teil.

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Constantin wird überleben?
Wir haben Ersatz- und Nachholgeschäfte, da geht es uns besser als den Kinos, die fast vier Monate gar nichts machen konnten. Wir konnten fürs Fernsehen arbeiten und als Auswerter Filme, die eigentlich fürs Kino gedacht waren, an Streamingdienste verkaufen. Das soll nicht zur Regel werden, aber in extremen Ausnahmesituationen ist es hilfreich. Aber es muss jetzt auch schnell gehen: Noch können wir keine Anträge für den Ausfallfonds stellen.

Selbst in Ländern wie in Österreich, die schneller reagiert haben, ist das noch nicht möglich. Seien wir ehrlich: Corona ist ein riesiges Desaster. Die Auswirkungen werden unsere Gesellschaft und die Branche so verändern, dass wir sie in einigen Jahren nicht wiedererkennen werden.

Was meinen Sie konkret?
In vielen Bereichen werden wir um Jahre zurückgeworfen. Zum Beispiel die Gendergerechtigkeit: Es waren die Frauen, die sich während des Lockdowns hauptsächlich zu Hause um die Kinder gekümmert haben. Oder beim Umweltschutz, wo noch so viel mehr zu tun ist. Und die Kinolandschaft wird es künftig so nicht mehr geben. Viele Häuser, die vielleicht schon Probleme hatten, werden nicht überleben.

Es wird dauern, bis das Konsumentenvertrauen wieder hergestellt ist. Wir gehen für die nächsten zwei, drei Jahre von einem Rückgang auf 40 bis 60 Prozent der Kasseneinnahmen gegenüber der Vor-Corona-Zeit aus.

Wegen der Scheu, sich mit anderen in geschlossene Räume zu begeben?
Die Scheu ist verständlicherweise vor allem beim älteren Publikum da. Die Teenager sind etwas sorgloser, man sieht das am Party-Verhalten. Deshalb starten wir jetzt vor allem Filme für ein jüngeres Publikum, „After Truth“ im September oder „Drachenreiter“ im Oktober. Die Kinos haben wieder aufgemacht in der Hoffnung, dass die US-Blockbuster herauskommen. Aber sie kommen nicht oder spät. „Tenet“ wurde verschoben, „Mulan“ von der Startliste genommen, ebenso „Quiet Place 2“. Und James Bond im November?

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Im Prinzip sind fast alle großen Titel auf 2021 verschoben. Das Risiko, dass am Ende ein paar hundert Millionen Dollar futsch sind, ist einfach zu groß.

Auch Constantin hat Filme verschoben. „Ostwind – Der große Orkan“ startet jetzt im Dezember, Sönke Wortmanns „Contra“ ist in den Januar gerutscht, die Bayern-Komödie „Kaiserschmarrndrama“ hat vorerst gar keinen Termin. Cineplex-Chef Kim Ludolf Koch hat ihnen einen offenen Brief geschrieben: Sie sollten die Filme jetzt herausbringen, den Kinos zuliebe.
Ich verstehe die Sorgen der Filmtheater. Aber auch wir können es uns nicht leisten, unsere Headliner womöglich zu verheizen, die wir mit viel Mühe und Geld hergestellt haben. Die Filme könnten in mehr Sälen laufen, heißt es dann. 100 statt 50 Kopien, das mag für kleinere Starts funktionieren, nicht aber für „Kaiserschmarrndrama“, der bundesweit hochgerechnet mit 600, 700 Kopien herauskommt.

Und bei einem US-Marktanteil in Deutschland von gut Zweidritteln können deutsche Filme die Probleme der Kinos nicht alleine lösen. Entscheidend ist die Frage der Zuschauerkapazität.

Ein Meter Abstand sollte genügen?
Die Gesundheit des Publikums darf keinesfalls gefährdet werden. Mir geht es um die Verhältnismäßigkeit. Wieso ist es erlaubt, dass die Menschen im Flugzeug eng zusammengepfercht sitzen und die Filmtheater nur 20 Prozent der Plätze belegen dürfen? Die extrem restriktiven Vorschriften sind desaströs für die Kultur.

"Große Solidarität beobachte ich vor allem unter den Künstlern"

Zeigt die Branche sich in der Krise solidarischer oder nehmen die Spannungen zu?
Ohne Filme haben die Kinos kein vernünftiges Auskommen, und ohne vernünftige Regeln in den Kinos haben Produzenten und Verleiher kein Auskommen. Alle sind nervös, es geht um existenzielle Probleme. Da tritt auch ein gewisser Egoismus zutage. Als wir am 9. Juli das französische Feel-Good-Movie „Das Beste kommt noch“ herausbrachten, für ein eher älteres Publikum, meinten einige Theaterbesitzer gleich am Montag, der laufe nicht gut, sie müssten ihn absetzen.

Große Solidarität beobachte ich vor allem unter den Künstlern. Auch eine gegenseitige Unterstützung. Ich finde es toll, was mache Schauspieler auf die Beine gestellt haben.

Zum Beispiel?
Schauen Sie sich mal „Koala“ von Friedrich Mücke im Netz an, seine mit Stofftieren nachgestellten, von ihm nachgesprochenen Talkshows. Mit Karl Lauterbach, Markus Lanz, Siegfried Palmer und anderen – ich bin vor Lachen am Boden gelegen. Das ist große Schauspielkunst. Oder, ganz anders, Thelma Buabengs Videoblog „Tell Me Nothing From The Horse“. Viele warten nicht, bis sie wieder vor die Kamera können, sondern überlegen sich was, sehr kreativ und hochprofessionell.

Wobei wir schmerzlich gemerkt haben, wie sehr wir Live-Erlebnis vermissen.
Das wurde sogar bei den Autokinos spürbar. Vor Corona hatten wir in Deutschland vielleicht sieben oder acht davon, plötzlich waren es 400. Selbst als Wageninsassen suchen wir offenbar das Gemeinschaftsgefühl. Mit „Das perfekte Geheimnis“ konnte wir so mitten im harten Lockdown über 100.000 Zuschauer erreichen. Mit Lichthupe statt Szenenapplaus.

Dreht Constantin inzwischen wieder?
Wir mussten etwa 30 Produktionen stoppen, in verschiedenen Stadien. Neun davon konnten wir wieder aufnehmen und zum Teil fertigstellen. Dazu gehört die Bühnenverfilmung „Caveman“ unter Regie von Laura Lackmann, mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle, der jetzt in der Postproduktion ist. Ich ziehe den Hut vor den Produktionsleuten, die Übung darin haben, das Unmögliche möglich zu machen; zu dem ganz normalen Wahnsinn kommt Corona jetzt noch obendrauf.

Aber es ist aufwendig, man kann zwischen 10 und 20 Prozent Mehrkosten draufrechnen. Die Crew muss größer sein, es braucht zum Beispiel mehr Fahrer und Hygienebeauftragte, und die Schauspieler werden für ihre Quarantäne-Zeit natürlich bezahlt.

Entspricht das den Regeln, von denen man jetzt öfter hört: Fünf-Tage-Quarantäne, Sozialkontaktbeschränkung während des Drehs, keine öffentlichen Verkehrsmittel?
Auch auf dem Set sollen sich möglichst wenig Leute treffen. In Deutschland gibt es mit der Berufsgenossenschaft erarbeitete Richtlinien, die gerade angepasst wurden. Für Szenen, bei denen der 1,50-Meter-Abstand nicht eingehalten werden kann, Kampf- oder Liebesszenen, gelten besondere Vorsichtsmaßnahmen. Wir testen massiv auf Corona.

Bei internationalen Produktionen ist es noch komplizierter, weil zu den Regeln des Landes noch die der Screen Actor’s Guild, des Studios oder einer Streamingplattform hinzukommen. Manchmal muss man fünf verschiedene, teils sich widersprechende Maßnahmenkataloge unter einen Hut kriegen.

Krisen bringen das Beste und das Schlechteste in einer Gesellschaft zum Vorschein. Auch im deutschen Film?
Die Folgen des Föderalismus sind deutlicher. Im zentralisierten Frankreich gab es einen Wiedereröffnungstermin für alle, mit grandiosen Werbespots, die in hoher Frequenz im Fernsehen gezeigt wurden. Dort gab es in der ersten Woche eine Million Zuschauer, wir dagegen hatten die Stotterbremse. Vor allem wird die Coronakrise manche Entwicklung beschleunigen. Etwa das Phänomen der Bestsellerisierung: Man geht nicht mehr auf gut Glück ins Kino, sondern sucht sich gezielt bestimmte Titel aus. Wie auch im Musik- und im Buchmarkt.

Weil es gleichzeitig mehr Verwertungsplattformen als früher gibt, wird die Vielfalt des Films aber nicht darunter leiden. Nicht jeder Film braucht die große Leinwand. Und kein Mensch braucht über 600 Filmstarts im Jahr, gute Filme können auch als Streamer laufen. Als Produzenten müssen wir die Möglichkeiten all der neuen Verwertungsformen besser austarieren.

Entwickelt Constantin jetzt Coronastoffe?
Nicht bei großen Kinoproduktionen, dafür ist es zu früh. Im hochfrequenten seriellen Bereich und beim Fernsehen ist das etwas anderes. Wir bekommen viele Stoffe angeboten, die etwa an nur einem Schauplatz spielen, also pandemiegeeigneter sind. Als ob wir das nicht längst gemacht hätten: „Das perfekte Geheimnis“ wäre damit die perfekte Corona-Produktion. Wir sollten aber lieber antizyklisch denken und Filme realisieren, die nach draußen gehen und zeigen, wie toll die Welt ist.

Ihre Prognose für 2021?
Für die Macher wird es ein härteres Jahr als 2020. Bei der Produktion stehen sich alle auf den Füßen, die Konkurrenz um Schauspieler, Crewmitglieder, Ressourcen wird riesig sein. Vor der Gefahr der Kannibalisierung der startenden Filme wird ja bereits gewarnt. Aber sobald die Kinos wieder mehr besucht werden dürfen, wird es für die Zuschauer ein Superjahr, mit einer Unmenge von Produktionen.

Martin Moszkowicz, 62, arbeitet seit 1989 bei der Constantin Film AG, seit 2014 als ihr Chef. Er ist seit 1999 mit der Filmemacherin Doris Dörrie liiert und lebt in München.

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