Und deshalb zeigen Sie Ihre Figuren so ausführlich beim Briefeschreiben?

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Interview mit Dominik Graf : Wider die Diktatur der Moderne


Ich finde es beeindruckend, den unterschiedlichen Handschriften mit der Kamera zu folgen. Auch der Buchdruck von damals fasziniert mich. Die Druckereien in Weimar und Ludwigsburg mussten wir bauen, die alten Druckerpressen gibt es in ganz Europa nicht mehr. Es ist, als wollten wir den Buchdruck und das Setzer-Handwerk vollständig aus dem kulturellen Gedächtnis tilgen: eine Diktatur der Moderne, ein Angriff der Gegenwart auf alle übrigen Zeiten, wie Alexander Kluge sagt. Die alten Medien sollen so schnell wie möglich verschwinden müssen, wenn etwas Neues erfunden wird.

Und im Kino verschwinden die letzten Projektoren. Das gesamte nicht digitalisierte Filmerbe wird bald unsichtbar sein.

Ich habe nichts gegen neue Technik, aber muss ich einen HD-Fernseher mit grausig geschmacklosem Bild haben, wenn ich nicht will? Warum wird das tolle deutsche PAL-TV-Farbsystem auf dem Altar der neurotischen Hyperschärfe-Ästhetik alternativlos geopfert? Als wir unsere in Österreich nachgebaute Druckerei betraten, dachte ich, dieser Raum existiert jetzt hier für zwei Tage und ist dann wieder weg, auf immer.

Was unterscheidet den Dreh eines Schiller- Films von dem eines „Tatorts“?

Bei der Kutsche dauert es länger als beim Auto, bis sie beim nächsten Take wieder in Position steht. Aber das Pittoreske ist auch gefährlich. Die Bilder sollten ihren Ausstattungswert nicht ausstellen, finde ich. Hinzu kommt ein verändertes Zeitempfinden: Als Drehbuchautor stellte ich mir eine schnelle Briefverkehr-Montage vor, aber beim Drehen schleppen sich Kutschen durch die Landschaft. Es wäre idiotisch, sie ständig durchs Bild zu jagen, also lässt man ihnen ihre eigene Geschwindigkeit.

Deshalb dauert „Die geliebten Schwestern“ 170 Minuten?

Ja, ein bisschen auch deshalb. Er war auf 140 Minuten gestoppt, aber die Wege und damit auch die Gefühlswege waren tatsächlich länger.

Gibt es auch etwas, was Ihnen an der Schiller-Zeit fremd geblieben ist?

Nein. Ich will den Menschen aus der Vergangenheit aber nicht unbedingt auf den Pelz rücken wie ein Arzt mit einem Hörrohr. Es sollte eine Art Diskretion geben bei der Annäherung an sie. Caroline von Wolzogen beispielsweise, die am Schluss ihres Lebens einen Großteil der Schriften und Liebes-Korrespondenzen vernichtet hat: Womöglich gab es da doch ein Versprechen zwischen den dreien, ihr Gefühlsleben nicht der Nachwelt-Plebs zum Fraß vorzuwerfen.

2012 haben Sie in einem Essay auf die Biederkeit des deutschen Themenfilms geschimpft, sich mehr triviales, schmutziges Kino gewünscht. Wieso machen Sie dann jetzt einen Schiller-Film?

Ich habe damals als Zuschauer argumentiert. Mir ging es weniger darum, was ich gerne machen, als was ich gerne sehen möchte. Ich meine übrigens nicht nur Schmutz und Genre, sondern auch formalistische Filme, solche, die ihre Geschichte geheimnisvoller machen und nicht argumentativ abarbeiten. Das Schreckliche am deutschen Themenfilm ist ja, dass alles immer auserzählt werden muss wie in einer Talkshow. Die ewige Präsenz des gewichtigen Themas verkleinert das Filmische am Film.

Die Wettbewerbsfilme der Berlinale 2014
'71Yann Demange, Regisseur aus London, drehte bisher vor allem Miniserien fürs Fernsehen. Vor sieben Jahren nahm er am Talent Campus teil, jetzt präsentiert er sein Langfilm-Debüt im Wettbewerb des Festivals. 1971 in Belfast: Dem Rekruten Gary wird bei einem Handgemenge die Waffe entrissen. Gemeinsam mit einem Kameraden jagt er den Dieb und erlebt auf dem Rückweg zur Kaserne eine albtraumhafte Nacht. Großbritannien, 98 Min., R: Yann Demange, D: Jack O’Connell, Paul Anderson, Sean HarrisWeitere Bilder anzeigen
1 von 24Foto: Twentieth Century Fox
28.01.2014 17:54'71Yann Demange, Regisseur aus London, drehte bisher vor allem Miniserien fürs Fernsehen. Vor sieben Jahren nahm er am Talent...

Deutsche Themenfilme gab’s auch zu Zeiten des Aufbruchs der 60er, 70er Jahre.

Ja, aber früher galt auch: Wichtig ist nicht das Thema, sondern das Detail, die überraschende Szene, der tolle Dialog. Heute hingegen kommen Politiker zu staatstragenden Premieren und verleihen den Filmen damit eine außerfilmische, antifilmische Bedeutung. An der Subventionskultur können wir nichts ändern, wir sind finanziell abhängig, denn im TV- und Internetzeitalter spielen Filme nun mal erheblich weniger ein als früher. Ich bin dankbar für die Filmförderung. Aber die Pest der Konsenskultur gewinnt immer mehr Einfluss. Die Radikalität, das schmutzige andere Kino wird in der protestantischen Berliner Republik zu einer bedrohten Spezies.

Jährlich entstehen in Deutschland über 200 Filme. Verfolgen Sie, was die Jüngeren machen?


Ich sehe, was jedes Jahr in der Kiste mit der Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis liegt. Die jungen Regisseure sind unendlich viel besser als wir damals, nicht nur rein technisch gesehen, auch im filmischen Erzählen. Ihre Produktionen mögen oft billig gedreht sein, dennoch enthalten sie rasante Action, haben einen ausgefeilten Look. Aber sie haben verdammt wenig Zeit, sich selbst zu finden. Wir durften mehr Fehler machen.

Haben Sie von Schiller etwas für den nächsten Polizeikrimi gelernt?

Schiller entwickelte in seiner Abhandlung „Über die Ästhetische Erziehung des Menschen“ eine Theorie der reinen Form. Das Wie kommt vor dem Was. Plot ist Oberfläche, Form ist Tiefe.

Sie waren vorher doch schon selber auf den Gedanken gekommen.

(lacht) Jetzt hat meine naive Ahnung höhere Weihen bekommen.

– Das Gespräch führte Christiane Peitz.

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