• Interview mit Hatice Akyün: "Viele Türken führen in Deutschland ein ganz normales Leben"

Charlottenburg ist mir so nah wie Neukölln.

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Interview mit Hatice Akyün : "Viele Türken führen in Deutschland ein ganz normales Leben"
Auf dem Sofa, nicht zwischen den Stühlen. Hatice Akyün hat sich in Berlin eingerichtet.
Auf dem Sofa, nicht zwischen den Stühlen. Hatice Akyün hat sich in Berlin eingerichtet.Foto: Marie Galinsky

Heute leben Sie im bürgerlichen Charlottenburg, die Filmpremiere fand in Neukölln statt. Wie verbinden Sie diese Gegensätze?
Für mich sind das keine Gegensätze, das ist mein Leben. Charlottenburg ist mir genauso nah wie Neukölln. Als ich auf dem Weg zur Premiere aus der U-Bahn gestiegen bin, haben ein paar Türken-Jungs ihre Sprüche gemacht. Ich weiß, wie sie's meinen, es ist mir nicht fremd. Gleichzeitig kann ich natürlich nachvollziehen, dass sich eine deutsche Frau mulmig gefühlt hätte. Weil sie die Situation nicht einschätzen kann. Die Öffentlichkeit hält sich ja gern an einem konstruierten Szenario fest: Neukölln – Parallelgesellschaft – oh mein Gott!

Aber es gibt unbestreitbar Probleme, gerade in Neukölln.
Natürlich. Aber ich sage Ihnen was: Neulich war ich in Zehlendorf, in einer Villengegend – das ist für mich eine Parallelgesellschaft! Da fühle ich mich fremder.

Trotzdem sind Sie vor 14 Jahren, als Sie nach Berlin kamen, nach Mitte gezogen und nicht nach Kreuzberg. Warum?
Ich fand es in Kreuzberg toll und wäre dann in meiner türkischen Welt gewesen. Aber Mitte hat mir auch gut gefallen, und das ist der deutsche Teil von mir. Als es mir irgendwann zu touristisch wurde, bin ich nach Charlottenburg gezogen. Mit Kind lebt es sich hier einfach besser. Dieses Geordnete, dieses Ruhige. Ich kann samstags über meinen Markt gehen. Es ist nicht so hektisch. Auf der anderen Seite liebe ich es auch, am Wochenende zum Mehringdamm zu fahren oder in die Oranienstraße. Beides ist mir sehr nah, beides sind Teile von mir.

Sie sind ein Musterbeispiel für das, was man gelungene Integration nennt. Spüren Sie noch Rechtfertigungsdruck?
Wenn mich jemand dazu befragt, habe ich das Bedürfnis, mich zu erklären. Wahrscheinlich liegt es an meinem Naturell. Ich möchte gerne harmonisch leben. Mit Reden kann man vieles aus der Welt schaffen. Vorurteile, Missverständnisse. Streitereien.

Strengt es an, als Erklärerin türkischer Befindlichkeiten herhalten zu müssen?
An manchen Tagen sage ich mir: Ich will unbedingt reden. An anderen stehe ich morgens auf, gucke in den Spiegel und denke: Ich bin so müde. Ganz aktuell werde ich in fast jedem Interview zu Erdoğan befragt. Ich möchte da eigentlich nichts mehr zu sagen. Ich habe den Mann nicht gewählt, ich lebe nicht in der Türkei. Ich könnte Ihnen jetzt sofort eine Stunde lang alles über deutsche Politik erzählen. Meine Bundeskanzlerin ist Angela Merkel, mein Bundespräsident ist Joachim Gauck.

Was an Ihnen ist typisch deutsch?
Wahrscheinlich die Disziplin. Vor allem beim Schreiben. Ich gehe eine Runde joggen, dusche, setze mich an den Schreibtisch und stehe nach sechs Stunden wieder auf. Feridun Zaimoğlu soll beim Schreiben Kette rauchen und Rotwein trinken. Das könnte ich gar nicht. Nach einem Glas würde ich mit dem Kopf auf die Tastatur knallen und damit war’s das.

Sehr untypisch türkisch ist in jedem Fall, wie im Film per Zeitraffer Ihre Beziehungsbiografie verhandelt wird.
Definitiv. Die eigenen Männergeschichten so komprimiert auf der Leinwand zu sehen, hat mich sehr erschreckt. Da war dann wieder das anatolische Dorf in meinem Hinterkopf, das schlechte Gewissen. Ich habe mich gefragt: Wie werde ich das meinem Vater erklären? Andererseits geht es ja um die Suche nach der großen Liebe, da bleibt etwas Verschnitt übrig.

„Einmal Hans mit scharfer Sauce“ kommt am 12. Juni in die Kinos. Die Fragen in diesem Gespräch stellte Nana Heymann.

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