In Berlin ist eine Grundschule nach Judith Kerr benannt

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Interview mit Judith Kerr : „Früher schien die Koenigsallee riesig breit“
Wahlheimat London. Die Autorin und Zeichnerin Judith Kerr feiert heute ihren 90. Geburtstag.
Wahlheimat London. Die Autorin und Zeichnerin Judith Kerr feiert heute ihren 90. Geburtstag.Foto: Mike Wolff

In Ihrem Buch „My Henry“ unternimmt eine Witwe mit ihrem verstorbenen Mann fantastische Reisen. Haben Sie damit den Tod Ihres Mannes verarbeitet?

Ja, das war für Tom. Aber es ging noch um etwas anderes. Als mein Mann starb, kamen auf einmal all diese alten Damen, um mir beizustehen. Es ist wie ein geheimer Klub, die Witwen helfen einander. Man sieht alte Damen ja meist nur im Bus sitzen und denkt nicht über sie nach. Ich wollte darüber schreiben, was in ihnen vorgeht.

Haben Ihre Kinder Ihre Talente geerbt?

Meine Tochter malt. Aber das hat sie von ihrem Onkel, dem Bruder meines Mannes, einem großen Bildhauer. Sie zeichnet wie er, nicht wie ich. Und mein Sohn gewinnt ja alle Preise in England. Er ist ein ganz anderer Schriftsteller als sein Vater, der Geschichtenerzähler.

Die „Rosa Kaninchen“-Trilogie erzählt auch vom Abnabelungsprozess zwischen Kindern und Eltern. Ist es Ihnen leicht gefallen, Ihre Kinder ziehen zu lassen?

Nein. Unser Sohn Matthew wohnte nach dem Studium in Oxford eine Zeit lang wieder bei uns, danach ging er auf eine große Reise. Wir brachten ihn und einen Freund zum Bahnhof, hinterher bin ich einkaufen gegangen und habe geweint. Zu Hause hat mich Tom getröstet, und ich wollte zu ihm sagen: „I’m all right now, I’m going upstairs to have a bath.“ Stattdessen sagte ich – es war sehr freudianisch: „I’m going upstairs to have a baby.“ (lacht)

Haben Sie den Kindern viel über den Großvater Alfred Kerr erzählt?

Vieles ist schwer für sie zu verstehen, weil sie nicht genug Deutsch sprechen. Mein Deutsch reicht auch nicht, um meinen Vater so zu lesen, dass ich erfasse, wie er mit der Sprache umgeht. Aber natürlich habe ich von ihm erzählt. Besonders mochten sie die Tiergeschichten. Mein Vater hatte ja einen Seehund, wussten Sie das?

Bitte erzählen Sie!

Er war in Frankreich, kurz nach dem Krieg. Mein Vater fuhr mit einem Fischer aufs Meer, der Seehunde schoss. Einmal tötete dieser Fischer versehentlich eine Seehund-Mutter und wollte auch das Junge erschießen, weil es allein nicht überleben könnte. Aber mein Vater nahm den Seehund mit. Er hat das Tier irgendwie auf den Zug gebracht, im Gepäckwagen, zu Hause wohnte es dann in der Badewanne. Leider wurde der Seehund irgendwann zu groß für die Wohnung, und der Zoo wollte ihn nicht nehmen. Also musste er doch getötet werden. Er wurde ausgestopft, ich habe als Kind immer auf ihm gesessen. Meine Mutter mochte ihn nicht. Ich glaube, der Seehund hatte Motten.

Was ist Ihre prägendste Erinnerung an den Vater?

(Überlegt lange) Es sind viele. Einmal, in Paris, kam ich aus der Schule und sah ihn zufällig auf der Straße. Er sprach mit sich selbst. Wahrscheinlich haderte er mit etwas. Die Franzosen haben ihm damals allerhand versprochen, aber es kam nie dazu. Er muss traurig und ärgerlich gewesen sein. Aber dann sah er mich und sein Gesicht hellte sich auf, er strahlte.

Die Alfred-Kerr-Stiftung ist nach Ihrem Vater benannt, nach Ihnen eine Berliner Grundschule. Halten Sie Kontakt?

Ich bin nicht sehr gut darin, Briefe zu beantworten. Aber der Sohn von Verwandten meines Mannes geht auf diese europäische Schule. Er hat mir ein Foto geschickt, darauf trägt er ein T-Shirt mit dem Schriftzug ‚Judith-Kerr-Schule’. Sehr komisch, als es damals um den Namen ging, schrieb man mir, es gebe leider ein kleines Hindernis. In Berlin dürften Schulen eigentlich nur nach verstorbenen Menschen benannt werden. Mein Mann sagte nur: Das ist zu viel verlangt! (lacht)

Was wünschen Sie der jungen Generation?

Meinen Kindern habe ich gewünscht, dass sie eine Arbeit finden, die sie glücklich macht. Mein Vater war nicht gläubig, aber das Ethos der Juden hat er uns vermittelt. Dass man ehrlich und anständig sein soll, nicht wahr? Dafür muss man nicht jüdisch sein. Tom ist jetzt beinahe sieben Jahre tot, und ich arbeite die ganze Zeit. Dann kann ich es aushalten.

In einem seiner letzten Briefe an Sie schrieb Ihr Vater: „Du musst glücklich werden.“ Ist das auch eine Bürde?

Ich weiß es nicht. Ich hab’s einfach getan.

Judith Kerr, am 14. Juni 1923 in Berlin geboren, wurde mit ihrem Jugendbuch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ (1971) und den zwei Folgebänden „Warten bis der Frieden kommt“ (1975) und „Eine Art Familientreffen“ (1979) bekannt. Die Tochter des Theaterkritikers Alfred Kerr erzählt darin von der Emigration ihrer jüdischen Familie aus dem nationalsozialistischen Deutschland und dem Exil in der Schweiz, in Paris und England. Judith Kerr lebt seit vielen Jahren als Buchillustratorin, Zeichnerin und Schriftstellerin in London, wo sie nach dem Krieg unter anderem für die BBC arbeitete und ihr berühmtes Kinderbuch „Ein Tiger kommt zum Tee“ (1968) sowie 17 Bände mit Geschichten vom Kater Mog herausbrachte. Sie war seit 1954 mit dem Schriftsteller und BBC-Autor Thomas Nigel Kneale verheiratet, der 2006 starb. Ihre Tochter Tacy ist Malerin, der Sohn Matthew ebenfalls Schriftsteller. Das Gespräch führte Patrick Wildermann.

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