Interview mit Rapperin Haiyti : „Soll ich die Welt retten oder Porsche fahren?“

Die Berliner Rapperin Haiyti veröffentlicht am Freitag ihr Album „Sui Sui“. Ein Gespräch über schnelle Autos, schwere Rhythmen und stumpfes Volk.

Haiyti heißt eigentlich Ronja Zschoche, ist 27, wuchs in Hamburg auf und wohnt in Berlin.
Haiyti heißt eigentlich Ronja Zschoche, ist 27, wuchs in Hamburg auf und wohnt in Berlin.Foto: Paul Spengemann

Haiyti, in Ihren Songs fahren Sie immer dicke Autos: Ferraris, Bentleys, Lamborghinis. Und privat? Zum Interview sind Sie ja mit dem Fahrrad gekommen.
Im Moment habe ich kein Auto, aber ein Traumauto: den Suzuki Jimny. Das ist ein neuer Jeep, der alles kann, was ein großer Jeep kann, dabei aber nur 2,50 Meter groß ist. Quasi so wie ich in ein Auto übersetzt.

In der Stadt braucht man ja eigentlich auch nicht unbedingt ein Auto.

Ich glaube, als Rapper schon. Ich hatte mal so eine VW-Schrottkiste und hab’ mir mal ein Auto für ein Instagram-Video gekauft. Aber jetzt wird’s langsam Zeit für etwas richtig Stabiles.

Haben Sie keine Umwelt-Bedenken?
Doch. Leider geht die Welt unter – und ich müsste sie retten. Aber ich bin Gangster-Rapper. Deshalb habe ich immer den Konflikt: Soll ich jetzt die Welt retten oder mir einen Porsche Cayenne kaufen? Vielleicht wäre es die Lösung, einen Porsche Cayenne zu haben, ihn aber nicht zu fahren, sondern nur zum Posen zu benutzen.

Schon mal über ein Elektroauto nachgedacht?
Das nicht, aber ich habe überlegt, den österreichischen Künstler Erwin Wurm für ein Video zu engagieren. Der macht so coole Skulpturen mit Autos. Allerdings ist der Kunsttransport sehr teuer.

Sie selbst haben ja Kunst studiert. Machen Sie noch Kunst?

Meine künstlerische Kreativität fließt gerade eher in meine Merchandising-Produkte, die ich selber mache. Gerade habe ich zum Beispiel den ersten Pullover designt und mache auch alle visuellen Konzepte selbst. Auf Instagram habe ich mich mal kurz als „creative director“ bezeichnet, aber das geht dann doch wieder nicht, weil ich Rapper bin. Zu viel Information.

Heute kann man doch mehrere Dinge zugleich sein, oder?
Aber nicht fürs stumpfe Volk. Entweder Rapper oder Maler. Sogar Sänger und Rapper ist schon schwierig.

Sie bezeichnen ihr Publikum als stumpf?
Nein, nein, der Kern meiner Fanbase versteht das schon, was ich mache. Aber dann bleibe ich halt der ewige Insider. Darauf hat man auch keinen Bock.

Sie wollen also auch die große, stumpfe Masse erreichen.
Das wäre gut. Allerdings war ich letztens schon total geschockt, als ich gehört habe, dass nur 20 Prozent der Menschen lesen. Ich gehöre selber auch zu den anderen 80 Prozent. Ich habe nur ein einziges Buch gelesen. Das war in der Schule und hat mir wirklich Spaß gemacht. „Bitterschokolade“ handelte von einem Mädchen, das immer abnehmen wollte.

Sie sind vor einiger Zeit von Hamburg nach Berlin gezogen. Auf Ihrem aktuellen Album kommt die Stadt aber gar nicht vor. Inspiriert Sie Berlin nicht?
Ich habe darüber noch nicht so nachgedacht. Aber ich höre neuerdings öfter, das meine Texte teilweise zu unpersönlich sind. Das stimmt nicht, die sind sehr persönlich, allerdings biege ich die Dinge über zwei, drei Ecken. Das verstehen die Leute dann wieder nicht, denn sie wollen ganz genau erzählt bekommen, dass ich morgens im Café XY meinen Latte Macchiato mit H-Milch trinke. Das gebe ich ihnen nicht.

Immerhin wird der Ku’damm mal kurz erwähnt in einem Song.
Ich habe schon Bezüge zur Stadt. Meine Mutter und deren ganze Familie kommt aus Ost-Berlin. Mein Opa ist der Regisseur Herrmann Zschoche, der für die Defa viele Filme gedreht hat. Und als Kind wohnte meine beste Freundin hier. Ich habe sie regelmäßig mit dem Linienbus besucht. Deswegen bin ich nicht so ganz dieser zugezogene Honk.

Waren Sie inzwischen eigentlich mal im Berghain? Auf ihrem ersten Album haben Sie ja gesungen, dass man Sie bitte nicht reinlassen soll.
Ich wollte schon zwei Mal rein. Beim ersten Mal wurde ich nicht reingelassen, beim zweiten Mal schon. Da hab ich mich echt gefragt, warum das geklappt hat, weil ich schon torkelnd dort ankam. Dann hatte ich an der Kasse allerdings kein Geld. Also: Das kommt noch, irgendwann bin ich drin.

Ihr neues Album trägt den Titel „Sui Sui“, was eine Abkürzung für „Suicide“ ist, also Selbstmord. Es ist ein sehr düsteres Werk. Sie verstehen schon, dass man sich beim Hören Sorgen macht?
Das sollte man auch. Es heißt ja nicht zu Unrecht „Sui Sui“. Das ist so ein Berliner Ding. Hier wird man einfach depressiv. Berlin ist eine richtig harte Stadt. In Hamburg hat man noch so ein Auffangbecken, alles ist kleiner, familiärer, offener. Hier gibt es immer noch dieses eklige geschlossene Ding. In Berlin kannst du dir andere Persönlichkeiten ausdenken und keiner kriegt es mit. Es ist halt eine Metropole. Wenn man da kein disziplinierter Mensch ist, kann das zum Tod führen. Ich kenne einige, die hier nicht klarkommen.

„Sui Sui“ ist eine Verniedlichung. An Selbstmord ist aber nichts niedlich und auch nicht glamourös.
Es geht eher um das Spiel und das Nachdenken darüber. Beim Thema Depression kommt von der Psychologin die Frage: Denkst du manchmal an Selbstmord? Dann sagst du: Ja. Nächste Frage: Würdest du es tun? Nein. So habe ich diesen Fragebogen beantwortet und ich glaube, das geht vielen ähnlich. Der Titel enthält Süße und Härte zugleich. Das alte Kontrastspiel. Erst später habe ich erfahren, dass „Sui Sui“ auf Chinesisch bedeutet: das Stück kaputtmachen, was schon kaputt ist. Das passt. Ich bin wirklich zufrieden mit dem Titel.

Sie haben davon gesprochen, wie leicht man in Berlin unter die Räder kommt. Was sind Ihre Strategien, dagegenzuarbeiten?
Ich versuche, immer beschäftigt zu sein. Von Tag zu Tag zu gehen. Es ist gut, wenn man eine Aufgabe hat. Weil ich jetzt mein eigener Label-Chef bin, gibt es auch irre viel zu tun – von der Videoproduktion bis zum Posterdruck bin ich für alles selbst verantwortlich.

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Außerdem versuche ich, täglich Studiosessions zu haben. Natürlich gibt es immer wieder Tage, an denen nichts klappt. Man muss auch mal durch den Schmerz gehen. Als Künstler ist das eben so. Du kannst nicht jeden Tag happy sein. Manchmal muss man die Einsamkeit aushalten.

Ihre Musik wurzelt weiterhin im Trap und wird mit diversen Einflüssen vermischt. Diesmal gibt es etwa brasilianische und karibische Elemente. Wie haben Sie den Sound entwickelt?
Am liebsten würde ich durch alle Genres gehen. Ich muss mich zusammenreißen, denn ich versuche ja schon, so eine Art Kunstfigur zu kreieren. Deshalb sage ich zu jedem Produzenten: Mach düster. Das war zum Beispiel auch bei den Baile-Funk-Nummern so. Nimm die Rhythmik und mach es schwerer.

Auffällig ist, dass sie nie Frauen als Gäste haben, auch diesmal nicht. Warum?
Es gibt ohnehin nur wenige Leute, mit denen ich aktuell gern zusammenarbeiten würde. Das wären fünf Männer und eine Frau, Adden. Die anderen passen nicht, weil ich nicht dieses Frauenpower-Ding repräsentieren möchte. Ich will, dass der Fokus auf der Musik liegt und ich nicht als Frau definiert werde.

Frauen sind im deutschen Straßenrap allerdings immer noch eine Ausnahmeerscheinung. Wie war das anfangs für Sie?
Ich wollte einfach nur rappen und habe das gemacht.

Und das lief alles ohne Probleme? Sie wurden sofort ernst genommen und haben nie Sexismus erlebt?
Ich habe auch die eine oder andere MeToo-Geschichte erlebt. Das gibt es immer, auch jetzt noch. Aber das will ich nicht in den Vordergrund stellen. Man möchte halt auch nicht immer nur der Geheimtipp sein. Gerade hat MC Bonez von der Straßenbande 187 etwas von mir geteilt und ich hatte sofort 3000 Follower mehr.

Da ist dann sicher ein bisschen stumpfes Volk dabei, schließlich sind Bonez und 187 nicht gerade für ihre frauenverstehenden Raps bekannt. Sie selbst haben auch immer mal wieder das Wort Bitch benutzt oder homofeindliche Zeilen wie „Ich finde euer Geld schwul“.
Dafür musste ich auch schon blechen. Aber das ist halt die Ästhetik des Genres, ein Stilmittel.

Ein verletzendes Stilmittel.
Es gibt natürlich Schwule, die das nicht mögen, aber es gibt auch Leute, die da drüber stehen. Manche werde ich dadurch verlieren, andere finden es gerade cool, dass ich nicht jedes Wort genau abwäge.

Auf Ihrem neuen Album kommen Sie ohne „bitch“ und homophobe Zeilen aus. Zufall oder Ergebnis eines Umdenkens?
(lacht) Oh, das war mir nicht bewusst, muss Zufall sein. Wobei ich das Wort „bitch“ nicht so gern mag und es weniger benutzen will. Aber generell ist Gangsterrap eben grenzwertig.
„Sui Sui“ erscheint am Freitag auf Haiyti Records/Warner.

Haben Sie dunkle Gedanken? Wenn es Ihnen nicht gut geht oder Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber viel Hilfsangeboten, bei denen Sie sich melden können. Der Berliner Krisendienst (www.berliner-krisendienst.de) ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonseelsorge unter 0800-1110111.

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